Vom 23.–27. März blieben wir in dieser wunderbaren Oase, der herrlichsten, die ich je besucht hatte. Nach dem angestrengten Marsche von Jardang-bulak hierher war es schön sich auszuruhen. Die Atmosphäre war in Aufruhr, aber das genierte mich wenig; mein Zelt war von undurchdringlichem Kamisch und Tamarisken umgeben, und lieblich klang es, wenn der Wind durch das Dickicht ringsum sauste und pfiff.
Unsere Jäger streiften nach Wildenten und Antilopen umher, aber mit beiden Wildarten war es hier gleich schlecht bestellt. Ein einsames Kamel kam von Nordwesten nach der Quelle herunter; einige von Abdus Kamelen wurden, von ihren Packsätteln befreit, auf den Sai getrieben und gingen dem wilden neugierig entgegen. Es näherte sich vorsichtig, beobachtete unverwandt die unseren und hatte entschieden die Absicht, sich zu ihnen zu gesellen. Dann aber kam es auf andere Gedanken, kehrte um und verschwand im Westen.
Nur ein Fuchs, der an der Kamelleiche geschmaust hatte, wurde die Beute der Jäger. Er hatte ein großes Fleischstück im Maul und wollte damit wohl in seinen Bau gehen, als er statt dessen ins Gras beißen mußte.
Ich benutzte die Ruhetage zu einer astronomischen Beobachtung in mehreren Serien und zum Lesen. Die Luft fing an, frühlingshaft zu werden. Am 25. hatten wir mittags +17,2 Grad, obgleich die Minimaltemperatur in der Nacht vorher auf −7,1 Grad heruntergegangen war. Abdu Rehim bereicherte meine Kenntnisse in der Geographie der Gegend und zählte die Namen aller Quellen, die er kannte, auf, wobei er auch ihre Lage zueinander genau beschrieb. Von der Zuverlässigkeit seiner Angaben erhielt ich ein Jahr später deutliche Beweise. Er sagte mir nämlich, daß er nach Osten hin nur drei namenlose Quellen in einer Entfernung von zwei kleinen Tagereisen jenseits Altimisch-bulak kenne. Ich fand sie alle drei, und sie retteten uns im rechten Augenblick aus einer kritischen Lage. Ferner beschrieb er alle alten Wege, die er im Kurruk-tag kannte. Sie werden durch Steinpyramiden bezeichnet, welche die Singerleute „Ova“ (das mongolische Wort „Obo“) nennen. Ein solcher Weg führte über Singer nach Südsüdwest und ist wahrscheinlich mit dem alten Weg der chinesischen Steuereinnehmer nach dem Lop-nor identisch.
Nachdem alle Vorbereitungen getroffen, ein großer Eisvorrat und vier Tagare (Säcke) Kamisch beschafft worden waren, brachen wir am Morgen des 27. März wieder auf.
Unsere Absicht war, die Lopwüste von Norden nach Süden zu durchqueren und dabei einen klaren Überblick über die Ausdehnung des früheren Sees und unwiderlegliche Beweise für das Vorhandensein des Seebeckens zu erhalten. Schon durch den Marsch im Bette des Kurruk-darja und die Feststellung, daß dieser schließlich in einen See mündete, war die Richtigkeit der chinesischen Karten, sowie der Ansichten v. Richthofens und meiner eigenen in dieser geographischen Streitfrage bewiesen worden; es blieb nur noch übrig, ein Profil der Gegend, wo der See sich früher ausgedehnt hatte, zu erlangen.
Mit eigentlichen Gefahren war diese neue Wüstendurchquerung nicht verknüpft. Die Entfernung nach dem Kara-koschun, wo wir Wild und weiter westwärts auch Lopfischer finden sollten, ließ sich in einer Woche zurücklegen, und selbst wenn der mitgenommene Wasservorrat sich als unzureichend erwies, würden wir kaum vor Durst verschmachten können. Die Tagare waren so dicht mit Eis gefüllt, daß alle Ecken straff gespannt waren; doch wie wir sie auch vor der Sonne zu schützen suchten, ein paar Eimer vertropften wohl während des ersten Tagemarsches.
Wir zogen das Bett des Rinnsals von Altimisch-bulak hinunter nach Ostsüdost. Der Quellbach verschwindet schon etwa 100 Meter vom Lager unter Sand und Schutt. In einer gleich links liegenden Rinne, wo auch eine kleine Quelle aufsprudelte, ließ sich gerade, als wir dort vorbeizogen, eine Schar Enten nieder. Tschernoff schlich sich mit der Doppelflinte dorthin und erlegte fünf Stück mit einem Schusse; sie waren recht fett und eine willkommene Verstärkung unseres mageren Proviants.
Die 30 Kilometer lange Tagereise führte uns vom Fuße des Gebirges auf die ebene Wüste hinunter, wo Tonformationen drei verschiedene Stockwerke bilden. Das unterste bilden die Bodenfläche oder die Rinnen, in denen wir nach Südwesten hinziehen, das mittlere die gewöhnlichen Jardang von 2 bis 3 Meter Höhe, welche die Hälfte des ganzen Wüstenareales einnehmen; das oberste besteht aus mächtigen Tischen, Türmen und Würfeln von rotem Tone, die sich 15–20 Meter über den Boden erheben und östlich von unserem Wege am zahlreichsten sind. Sie stehen hier in langen Reihen und sehen Mauerruinen so täuschend ähnlich, daß wir sie ein paarmal ganz nahe betrachten mußten, um uns vom Gegenteil zu überzeugen.
Es ist beachtenswert, daß die Rinnen zwischen den Jardangrücken in jeder Hinsicht den Bajiren der Tschertschenwüste entsprechen. Beide eigentümliche Terrainformationen verdanken ihre Entstehung dem Winde.