Abdu Rehim sollte uns jetzt verlassen und seine Bezahlung erhalten. Sein Lohn belief sich auf 1½ Jamba, was allerdings viel war, aber durch seine vortrefflichen Dienste und die unschätzbaren Aufklärungen, die er mir gegeben hatte, mehrfach aufgewogen wurde. Chodai Kullu erhielt den Auftrag, ihn nach Altimisch-bulak und Singer zu begleiten und sich von dort mit den Holzschnitzereien auf irgendeine Weise nach Tura-sallgan-ui zu begeben. Er entledigte sich seines Auftrages wie ein ganzer Mann und erreichte das Hauptquartier lange vor uns. Als er dort ankam, erzählte er, er habe in Altimisch-bulak ein Kamel getötet, wurde aber gehörig ausgelacht, da man dies für erlogen hielt; keiner von uns hatte ihn auch nur einen Hasen töten sehen. Er hatte jedoch später Gelegenheit, nicht nur zu beweisen, daß er die Wahrheit gesprochen, sondern auch, daß er ein sehr guter Schütze war.
Am folgenden Morgen zogen die beiden Männer nach Norden. Sie sollten versuchen, in einem Tage nach Altimisch-bulak zu kommen, denn sie erhielten keinen Tropfen aus unserem Vorrat, der schon so klein war, daß ich leider nicht noch einen Tag an dieser interessanten Stelle bleiben konnte. Die Karawane war jetzt noch mehr zusammengeschmolzen. Ich hatte nur Tschernoff, Faisullah und Ördek, vier Kamele, ein Pferd und zwei Hunde bei mir.
Wir brachen sehr spät auf, denn der halbe Tag ging mit verschiedenen Nacharbeiten bei den Ruinen hin. Einige Einzelheiten wurden abgezeichnet, ein paar Ansichten aufgenommen und die Maße gemessen.
Das kleinere Haus, das, seiner Ausschmückung und dem Vorkommen der Opfertassen nach zu urteilen, ein Tempel gewesen war, maß an den Seiten 5,6 und 6,6 Meter.
Das größere Haus hatte in seinem Grundriß die Dimensionen 52,4 × 18 Meter; seine Längsrichtung war Südwest nach Nordost. Seine Grundbalken waren über den Hügel, an dem der Wind ständig zehrt, vorgeschoben. Das Haus war in mehrere Zimmer von verschiedener Größe geteilt gewesen. Wie der Sand das Bauholz konserviert, sah man leicht daran, daß verschüttete Teile sehr gut erhalten, die freiliegenden aber übel zugerichtet, porös und oft an den Enden besenförmig aufgesprungen sind. An viereckigen Löchern in Balkenrahmen ([Abb. 85]), in welche vertikale Eckpfosten hineinpaßten, sah man sogar die Striche des Stiftes, mit dem die Form der Löcher einst aufgezeichnet worden war. Mehrere solche Pfosten waren hübsch verziert und so rund gedrechselt, daß sie einer Menge übereinandergestellter Kugeln und Scheiben glichen.
Einer der äußeren Räume hatte wahrscheinlich als Schafstall gedient, denn dort lag eine fußdicke Schicht von Schafdung. Dieser wird von den Chinesen zur Feuerung benutzt, aber in einer so holzreichen Gegend, wie die Uferwälder des Lop-nor es gewesen sind, wäre eine solche Sparsamkeit überflüssig gewesen. Alle Dachteile lagen in je einem Haufen auf der Westseite der Häuser. Der letzte Oststurm, dem sie nicht länger hatten widerstehen können, hatte sie dorthin geschleudert. Alles Bauholz war Pappelholz aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Nach der Bodengestalt zu urteilen, hatten diese beiden Gebäude und ein drittes, das beinahe zerstört war, auf einer Halbinsel in einem See oder auf einer Landenge zwischen zwei Seen gelegen. Man hat allen Grund zu der Vermutung, daß der Verlauf der Uferlinie beim Lop-nor ebenso unregelmäßig und launenhaft gewesen ist wie beim Kara-koschun.
Man wird fragen, welchen Zweck diese Häuser erfüllt und was für Leute sie erbaut und dort gelebt haben. Mein erster Eindruck war, daß sie eine „Örtäng“ oder größere Poststation auf der Straße nach Dung-chan (Sa-tscheo) gebildet haben. Eingehenderes darüber behalte ich mir für ein späteres Kapitel vor.
Während ich und Tschernoff mit Messungen beschäftigt waren, hatten die beiden anderen Männer von frühmorgens an die Umgegend abgestreift, ohne noch mehr Entdeckungen zu machen. Daher wurden die Kamele beladen, und wir zogen nach Südwesten, in einer durch die Lage der Jardang mit absoluter Notwendigkeit vorgeschriebenen Richtung; wir mußten den zwischen ihnen vom Winde ausgemeißelten Furchen sklavisch folgen. Die Schwellen werden jedoch allmählich niedriger, und unausgebildete Dünen treten auf. Toter Wald ist sehr häufig, aber er steht in Gehölzen, die sicher Inseln in dem alten See gewesen sind. Welch ein Unterschied gegen den Kara-koschun, an dem es jetzt keine einzige Pappel gibt. Milliarden von Schnecken liegen umher, und die harten, scharfen Kamisch- und Binsenstoppeln sind nicht gut für die Fußschwielen der Kamele. Solche Kamischstoppeln werden auch stehenbleiben, wenn der Kara-koschun einst austrocknet.
Darauf hört der Sand wieder auf; es war nur ein erster Gürtel, den wir eben gekreuzt hatten. Alles ist tot und öde, erstickt und verdorrt in dieser Gegend, die früher so reich bewässert und so reich an üppiger Vegetation war.
Nach einer Wanderung von 20 Kilometer blieben wir in einer unbedeutenden Bodensenkung, wo ein paar lebende Tamarisken wuchsen und wir also Hoffnung hatten, an das Grundwasser zu kommen. Als aber der Brunnen gegraben werden sollte, stellte sich heraus, daß der Spaten bei den Ruinen vergessen worden war. Ördek, der sich diese Nachlässigkeit hatte zuschulden kommen lassen, erbot sich sofort, ihn zu holen.