Ich hatte großes Bedenken, ob ich ihm erlauben sollte, allein einen so weiten Gang zu machen, noch dazu in einer Jahreszeit, wo man nie vor Sandstürmen sicher ist; da aber unser Wasservorrat gering war und der Spaten für uns alle noch von unschätzbarem Nutzen sein konnte, sagte ich ihm, er solle sich aufmachen und unseren Spuren folgen. Doch sollte er sich erst durch ein paar Stunden Schlaf stärken, und ich ermahnte ihn, wenn er uns nicht wiederfände, nur gerade nach Süden zu gehen, da er dann früher oder später das Ufer des Kara-koschun erreichen würde. Wir selbst konnten nicht auf ihn warten, um ihm aber seine Aufgabe zu erleichtern, gab ich ihm das Pferd. Nach einem tüchtigen Abendessen ritt er um Mitternacht durch die Wüste nach Norden zurück.

Was ich gefürchtet hatte, trat schon gegen 2 Uhr morgens ein; ein halber Sturm aus Nordost weckte mich und hielt den ganzen Tag mit Sandgestöber und Staubnebel an. Man sah nicht weit vor sich, und die Spuren konnten nicht lange erhalten bleiben. Ich hoffte jedoch, daß Ördek bei Beginn des Sturmes so klug gewesen sei, den Spaten seinem Schicksal zu überlassen und sofort umzukehren.

Uns, die wir nach Südwesten weiterzogen, war der Sturm willkommen; er schob uns, erleichterte das Gehen und nahm einen Teil der stechenden Glut der Mittagssonne fort. Die Wüste wurde jetzt immer öder; sogar der tote Wald hörte fast ganz auf, der Sand wurde zusammenhängend und nur selten von kleinen Bajiren unterbrochen, die Dünen waren aber nur noch 5 Meter hoch. Von ihnen aus sieht man, daß der Sand gegen Westen und Südwesten, wohin der Wind ihn beständig trägt, immer höher wird. Das tote Kamisch, an dem wir dann und wann vorüberziehen, ist vom Winde nach Südwesten niedergeschlagen, als sei es mit einer Riesenbürste nach dieser Seite niedergebürstet worden.

An einem Punkte, wo wir ein paar Holzstücke fanden, wurde das Lager Nr. 18 aufgeschlagen. Während wir noch damit beschäftigt waren, stellte sich der prächtige Ördek wieder ein; er brachte den Spaten mit und führte das Pferd, das, wie er selbst, von dem 60 Kilometer weiten anstrengenden Ritte auf schlechtem Terrain vor Müdigkeit beinahe umfiel. Das Allermerkwürdigste aber war die wichtige Neuigkeit, die Ördek, nachdem er sich eine Weile ausgeruht hatte, zu erzählen wußte.

Er hatte sich während des Sturmes verirrt, unsere Spuren verloren und einen Tora erreicht, in dessen Nähe er die Ruinen mehrerer reich mit geschnitzten Planken verzierter Häuser gefunden hatte ([Abb. 86], [87]). Dort hatten auch irdene Tassen, Spieße, Beile, Metallstücke, Münzen und dergleichen gelegen, von denen er einiges mitgenommen hatte und uns nun zeigte. Er hatte auch zwei geschnitzte Planken mitgenommen, und zwar die besten der vorhandenen, und dann das Suchen nach der ersten Ruinenstelle fortgesetzt, die zu finden ihm schließlich auch gelungen war. Vergebens hatte er die Bretter auf das Pferd zu binden versucht; dieses scheute so davor, daß er sie schließlich selbst hatte tragen müssen. Seine Schultern waren noch blutig von den Stricken. Als er unser Lager Nr. 17 erreicht hatte, versuchte er wieder, seine Last dem Pferde aufzubürden, dieses riß sich aber los und ging durch. Nach vielen Bemühungen gelang es ihm, das Pferd wieder einzufangen; er war aber so müde, daß er die Bretter liegen ließ und uns aufsuchte.

Daß diese Nachricht das Programm für das nächste Jahr umgestalten würde, war mir sofort klar. Zunächst wurde der arme Ördek beauftragt, den zurückgelassenen Fund am nächsten Morgen zu holen, welcher Auftrag schon ausgeführt war, bevor wir aufbrachen. Die Planken waren sehr gut erhalten und mit geschnitzten Blumen und Girlanden verziert. Ich hatte jetzt sehr große Lust zum Umkehren, was jedoch eine Torheit gewesen wäre, da unser Wasservorrat nur noch für ein paar Tage reichte und die warme Jahreszeit mit großen Schritten nahte.

105. Sandsturm auf dem Beglik-köll. ([S. 263.])

106. Die Fähre sitzt auf dem Tuwadaku-köll im Schilfe fest. ([S. 261.])