107. Frauen und Kinder in Tscheggelik-ui. ([S. 273.])
108. Stall in Tscheggelik-ui. ([S. 273.])
Nein, der ganze Reiseplan mußte geändert werden. Nach den Ruinen mußte ich zurückkehren, koste es was es wolle, aber den Sommer über wollten wir nach Tibet gehen und uns im Winter dann wieder nach dem Lop-nor begeben. Würden wir die Stelle in dieser ebenen Wüste, wo das Auge vergebens nach einem einzigen Anhaltspunkte sucht, auch wiederfinden? Ich zweifelte nicht daran, denn ich vertraute fest auf meine Ortsbestimmungen. Wenn ich es nur übernähme, den Weg nach Altimisch-bulak zu zeigen, so würde Ördek, wie er fest behauptete, die von ihm so glücklich entdeckten Ruinen ganz bestimmt wiederfinden. Schon jetzt sehnte ich mich dorthin zurück, mußte mich aber noch acht Monate gedulden. Ich segnete den Spaten, der vergessen worden war und dadurch Veranlassung zu dieser großartigen Entdeckung gegeben hatte.
31. März. Die Temperatur ist nachts noch unter 0 Grad, bei Tage aber steigt sie bedeutend. Der Sturm hatte aufgehört, und die Luft war klar, der Himmel prunkte in der reinsten türkisblauen Farbe, die grell gegen die trostlos graugelbe Wüste absticht. Der tote Wald hat aufgehört; Bruchstücke, die sein ehemaliges Vorhandensein ahnen lassen, kommen nicht mehr vor; wir haben das Vegetationsgebiet des Lop-nor hinter uns gelassen. Ich gehe zu Fuß voraus und gewinne dadurch Zeit; denn mein Vorsprung übt eine gewisse Zugkraft auf die Karawane aus, und außerdem trage ich als Führer die Verantwortung. Wir pflegten den Marsch barfuß anzutreten, aber die Füße sind auf dem erhitzten Boden bald wie verbrannt, und man muß wieder Schuhe anziehen. Abkühlung spürt man nur, wenn man als letzter im Zuge in die Spuren der Kamele tritt, die den nachtkalten Sand aufgewühlt haben.
Die Lopwüste ist öder als die Tschertschenwüste, denn dort fanden wir wenigstens Weide und Brunnenwasser; hier hätte das Graben nirgends Erfolg gehabt. Bei einer toten Tamariske lagerten wir. Die Kamele sind müde und matt, denn seit fünf Tagen haben sie nicht getrunken; am Morgen des 1. April aber erhielten sie jeder einen Eimer Wasser, worauf der Vorrat nur noch einen Tag reichte. Auch den letzten Kamischsack durften sie leer fressen. Wir mußten nach dem Kara-koschun eilen, wohin es noch 60 oder 70 Kilometer sein mußten. Wie gewöhnlich brach ich früher auf und ging direkt nach Süden. Wüste Dünen auf allen Seiten, dieselbe trostlose Wüstenperspektive, die ich schon so oft gesehen hatte.
So erreichte ich eine hohe Düne, auf der ich mich ermüdet niedersetzte und den Horizont mit dem Fernglase absuchte. Lauter Sandrücken. Doch was war dies! Im Südosten breiteten sich zwischen Dünen und Jardangterrassen große Wasserflächen aus. Wasser in dieser Wüste! Ich traute kaum meinen Augen; es mußte eine Luftspiegelung sein!
Jetzt mußte ich mich sputen und eilte sofort dorthin. Nein, es war richtig ein See mit den bizarrsten Einschnitten, Buchten, Inseln, Holmen und Sunden, dem tollsten Gewirre von Wasserflächen, wie sie nur auf ebenem Terrain zwischen Dünen und vom Winde ausgearbeiteten Terrassen entstehen können. Außer ein paar jungen Tamariskensprossen auf dem weichen sumpfigen Uferrande und etwa 20 Kamischstengeln war die Gegend jedoch ebenso unfruchtbar wie bisher.
Ich ging an dem gebuchteten Ufer entlang nach Südwesten. Der See verengerte sich manchmal bedeutend, erweiterte sich aber bald wieder zu größeren Flächen. Das Wasser hatte einen leichten Anflug von Salz, wurde aber von allen Tieren gern getrunken. Darauf wandte sich unser Ufer nach Norden, und wir mußten ihm dorthin folgen, denn eine Furt fanden wir nicht, und die Kamele wären im Schlamme versunken.