Der See streckte seine schmalen Buchten wie Finger nach Nordosten aus, die uns ärgerliche Umwege verursachten. Der Boden ist feucht und schwankt unter den ängstlichen Kamelen; er geht auf und nieder, als sei eine Gummihaut über ein verborgenes Wasser gespannt, und man hat das Gefühl, als bedürfe es nur eines Loches darin, um die Karawane in den Fluten verschwinden zu lassen.
Das Land ist gänzlich unfruchtbar. Der See zeigt einen auffallenden Parallelismus mit Bajirmulden und Jardangterrassen, mit Dünen, Dünentälern und Windfurchen; alles zieht sich von Nordosten nach Südwesten, und ziemlich oft sieht man die Jardangrücken unter dem Wasser.
Daß dies nicht der Anfang des Kara-koschun sein konnte, schien mir keinem Zweifel zu unterliegen, denn sonst hätte es hier Kamisch im Überflusse gegeben. Doch woher kommt dann dieses Wasser? Sein geringer Salzgehalt zeigte, daß es ziemlich neu war. Wäre es alt, so sähe man hier schon junges aufkeimendes Kamisch, das sich so unglaublich schnell mit dem Wasser verbreitet. Ich vermutete, daß der See von dem neugebildeten Arme von Schirge-tschappgan herrührte.
So merkwürdig diese Entdeckung auch war, indem sie mich der Lösung der verwickelten Lop-nor-Frage einen Schritt näher führte, so hatten wir doch unter den gegenwärtigen Umständen wenig Nutzen davon; wir bedurften jetzt vor allem der Weide für die Tiere und der Lebensmittel für uns selbst, denn wir hatten nur noch Reis und Tee, und bei so kärglicher Kost konnten wir nicht anders als hungrig sein. Statt die Schritte rasch südwärts nach dem Kara-koschun zu lenken, hatten wir uns von diesem unfruchtbaren See aufhalten lassen — ein richtiger Aprilscherz!
Da der See sich immer weiter nach Westen hinzog, beschloß ich Halt zu machen, um zu sehen, ob sich keine Furt würde entdecken lassen. Wir standen augenscheinlich an einem ganz neuen Wasserarme des Tarim und mußten hinüber. Eine Strömung war allerdings nicht wahrzunehmen, wohl aber eine ganz frische Wasserlinie, die zeigte, daß der Wasserspiegel um einen Meter gesunken war, was seinen Grund im Fallen des Tarim während des Winters hatte. Die bedeutenden Dünen, die den See auf allen Seiten einrahmen, ja bisweilen kleine Inseln bilden, beweisen, daß sie sich an Ort und Stelle befunden haben, als diese Überschwemmung das Land unter Wasser setzte. Die Anordnung der Dünen würde sonst eine ganz andere sein; sie hätten im Süden und im Südwesten des Sees gefehlt, wo sie nun statt dessen am höchsten waren.
2. April. Tschernoff gab sich nicht eher zufrieden, als bis er eine 90 Zentimeter tiefe Furt mit tragfähigem Sandboden gefunden hatte. Den Kamelen gefiel das Bad. Auf der anderen Seite drangen wir wieder in hohe Dünen ein, und der See entschwand uns bald aus den Augen. Der Sand wurde immer gewaltiger; 8–11 Meter hohe Dünenkämme wurden mit dem Nivellierspiegel gemessen.
Die Muselmänner waren mißmutig und glaubten, der See, den wir verlassen hatten, sei der Kara-koschun gewesen. Ich selbst begann unwillkürlich darüber nachzugrübeln. War es so, dann waren wir verloren! Die Kamele keuchten in dem weichen Sande und sahen so melancholisch aus, als zerbrächen sie sich den Kopf darüber, warum wir den See sogleich verlassen hatten. Die Hitze war unerträglich, und die Sonne schien uns gerade ins Gesicht.
So gefährlich war es jedoch nicht. Das Terrain veränderte sein Aussehen in erfreulicher Weise. Der Sand nahm ab, ein Gürtel von toten Pappeln wurde durchquert, und dann kam einer von lebenden Tamarisken. Vor uns erhob sich ein 5 Meter hoher Hügel. Ich sagte Faisullah, er solle mich hinaufbegleiten, um den Kara-koschun in Augenschein zu nehmen. Und richtig! Von dieser Anhöhe sah man im Südwesten, Süden, Südosten und Osten große und kleine Flächen reinen, blauen Wassers, die durch gelbe Kamischfelder voneinander getrennt waren.
Auf einer Landzunge in dem nächsten großen See wurden die Zelte unmittelbar am Strande aufgeschlagen. Mit Genuß betrachtete ich von meinem Zelte aus durch das Fernrohr die Scharen von Gänsen, Enten und Schwänen, die auf dem See schwammen und tauchten. Ein Wüstenreisender kann sich keine schönere Aussicht träumen. Leider waren die Schwimmvögel zu weit vom Ufer entfernt. Aus ihrer Art zu tauchen konnte man schließen, daß der See nicht sehr tief war. Sein Wasser war ganz süß.
Das Zelttuch flatterte im Seewinde. Welch ein Unterschied gegen den Wüstenwind und seinen Staub! Das Wasser plätscherte so herrlich am Ufer, und halb träumend lag ich da, über diese jetzt so glücklich beendete Fahrt nachdenkend. Das Vorhandensein des Seebeckens des alten Lop-nor war festgestellt, ein ehemals bewohnter Ort war entdeckt, ein neuer See in der Wüste angetroffen worden. Weder Menschen noch Tiere waren dabei verloren gegangen.