Was das Profil quer durch die ganze Lopwüste betraf, so fand ich, daß es nicht genügte. Man kann die Ergebnisse des Kochthermometers und des Aneroids in einem Lande mit so unbedeutenden Höhenunterschieden nicht verwerten. Mein schon gefaßter Entschluß, diese Gegend noch einmal zu untersuchen, wurde nur noch fester, denn nur ein Präzisionsnivellement des Beckens konnte über die äußerst unbedeutenden Höhenunterschiede zwischen dem Lop-nor und dem Kara-koschun Auskunft geben. Ich hatte nach meiner früheren Reise gerade deshalb betont, daß der Lop-nor ein wandernder See sein müsse, weil dieses ganze Gebiet nahezu in ein und derselben Fläche liege.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzig Tage im Kahn.
Am 3. April stürmte es den ganzen Tag heftig aus Nordosten. Der See lockte mich mit unwiderstehlicher Gewalt; ich wollte mich nach all dem erstickenden Sande und der Hitze auf seinen frischen Wogen tummeln und seine Tiefe messen, aber wir hatten kein Boot. Hätten wir nur die eine Hälfte der Segeltuchjolle mitgenommen, so hätte es damit keine Not gehabt. Es mußte sich aber mit den Ziegenlederschläuchen und den Leitern, an denen sie befestigt gewesen, ein Floß oder jedenfalls eine Art Fahrzeug herstellen lassen, in welchem man mit dem Winde über den See treiben konnte. Mit Tschernoff und Ördek ging ich am Strande entlang. Die Leitern wurden mit Stricken an zwei Stangen festgebunden, und das auf diese Weise hergestellte Floß wurde von den sechs Ziegenlederschläuchen getragen, die mit Luft gefüllt waren, die Ördek hineingeblasen hatte. Tschernoff und ich nahmen an Bord Platz, jeder auf einer Leiter reitend. Als Tschernoff seinen Platz einnahm, wäre die ganze Herrlichkeit beinahe umgeschlagen; die Ziegenlederschläuche lagen schon auf dem Wasser, die Leitern etwas unter diesem, und wir saßen halbnackt da und ließen die Beine ins Wasser herunterhängen. Unsere breiten Rücken dienten als Segel. Wir trieben gerade auf das Lager zu. Hunderte von Enten flogen, erschreckt durch die ungewöhnliche Erscheinung, in lärmenden Scharen auf. Wir mußten uns festhalten und balancieren, um nicht zu kentern, wenn die großen Wellen an uns vorüberrauschten. Binnen kurzer Zeit waren auch unsere Oberkörper völlig durchnäßt, denn jede Schlagwelle ging über das Floß weg und gab uns eine ordentliche Dusche.
Die Fahrt dauerte 2½ Stunden. Das Wasser war jetzt weder vollkommen süß noch ganz klar, denn von diesem Winde wird aus den östlichen Seegebieten stagnierendes Wasser nach Westen getrieben und durch den Wellenschlag getrübt.
Beim Lager war der Strand so seicht, daß Ördek eine Strecke weit in den See hineinwaten und uns dann an Land ziehen mußte. Wir waren derart steifgefroren, daß wir kaum nach dem Feuer hinaufgehen konnten. Mich überfiel ein sehr heftiger Schüttelfrost; meine Zähne klapperten und die Hände flogen, ich zog die nassen Kleider aus, trocknete mich am Feuer und ging dann zu Bett. Erst nach einer Stunde, als ich mich wieder warm angezogen und eine große Tasse brühheißen Kaffee getrunken hatte, fühlte ich mich am Lagerfeuer wieder einigermaßen normal.
Beim Sonnenuntergang nahm der Himmel einen seltsamen Farbenton an. Er leuchtete gelbrot über den Dünen im Norden. Der schon vorher heftige Wind schwoll zum richtigen Buran an. In zügelloser Wut stürmten die Wogen gegen das Ufer und überschütteten die Zelte mit Spritzwasser. Wir mußten mit den Zelten eine Strecke landeinwärts ziehen und ihre Befestigungen in der gewohnten Weise verstärken.
Noch einen Tag durften die Kamele sich ausruhen, während der Sturm zu heulen fortfuhr. Im Norden und Süden des Kara-koschun flammt der Horizont in unheimlichem, brandgelbem Farbentone, in der nordöstlichen Verlängerung des Sees aber ist er dunkelstahlgrau, was darauf schließen läßt, daß sich die Wasseransammlungen ziemlich weit nach dieser Richtung hin erstrecken und daß es dort keinen Flugsand gibt.
Als wir am 5. aufbrachen und am Strande entlang zogen, hoffte ich, daß es bis zu den ersten Menschenwohnungen am Kum-tschappgan nicht mehr weit sein würde.
Wildenten, Gänse, Schwäne, Taucher, Möwen, Seeschwalben und besonders Krähen kommen in Menge vor; Hasen und Igel sind nicht selten. Spuren von Füchsen, Rehen, Luchsen und Wildschweinen sieht man beständig an den Ufern. Zwei Jäger waren vor einigen Monaten auf dem Eise gewesen; ihre Spuren waren in den feuchten Uferlehm eingedrückt.
Längs des Ufers und auch ziemlich weit davon entfernt findet man Schneckenschalen und abgestorbenes Kamisch. Daß das Leben aus diesen Organismen entflohen ist, beruht darauf, daß sie einer längstvergangenen Periode angehören und älter sind als der jetzige See.