Am folgenden Tage wurde die Wanderung längs des Sees fortgesetzt. Ich ging schnell zu Fuß voraus, fest entschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis wir Menschen träfen. Nach solchen sehnten wir uns eigentlich nicht, wohl aber nach Fischen, Geflügel und Eiern und nicht zum wenigsten nach einem Boote, mit dem ich die jetzige Ausdehnung des Sees untersuchen konnte.
Als ich gegen Abend mitten in den unabsehbaren Sümpfen, die sich südlich von unserem Wege ausdehnten, eine gewaltige Rauchwolke erblickte, blieb ich daher sofort stehen und erwartete die anderen. Sicherlich hatten sich einige Lopfischer dorthin begeben und das dürre, vorjährige Schilf angezündet, einmal wohl, weil es ihnen irgendwo den Zutritt zu ihren Fischplätzen versperrte, dann aber auch in der Absicht, den frisch aufkeimenden Pflanzen Raum zu verschaffen. Während wir das Lager aufschlugen, mußte sich Ördek zu Pferd in der Richtung nach dem Rauche auf den Weg machen, obwohl ich lebhaft bezweifelte, daß er durch dieses Labyrinth von Sümpfen durchkommen würde. Er hatte Streichhölzer bei sich, um uns, falls er nicht zu den Lopfischern gelangen konnte, dies mittels eines Signalfeuers mitzuteilen.
Tschernoff machte sich mit der Flinte auf der Schulter auf und kam nach ein paar Stunden mit einer prächtigen Gans wieder, die er auf einem See geschossen hatte und zu der er dann hinausgeschwommen war. Er hatte auch das Pferd gefunden, das Ördek angebunden zurückgelassen hatte, um seinen Kundschafterweg zu Fuß und schwimmend fortzusetzen. Ördek gelang es schließlich doch, eine Fischergesellschaft ausfindig zu machen, und er kehrte noch am Abend mit acht Männern und ganzen Säcken voll des sehr nötigen Proviantes, bestehend aus drei Gänsen, vierzig Eiern, Fischen in Menge, Mehl, Reis und Brot, zurück.
Am 7. zeigten uns die redlichen Lopleute den Weg nach dem Kum-tschappgan. Am Kum-tschappgan lagerten wir da, wo sich der Tarim in zwei Arme teilt, in den Kum-tschappgan und den Tusun-tschappgan. Die Hütten standen noch an derselben Stelle wie 1896, die Verteilung der Gewässer war in der Hauptsache dieselbe, und alles war sich gleichgeblieben. Ich hatte wieder einen Punkt erreicht, wo ich die Marschrouten von dieser und der vorigen Reise vergleichen und aneinanderfügen konnte. Während der Nacht trat das in diesen Gegenden ziemlich wunderbare Phänomen ein, daß ein ziemlich heftiger Regen fiel und auf mein Zelt klatschte. Meine Leute, die unter freiem Himmel lagen, eilten in die nächste Sattma.
Schon am folgenden Morgen stellten sich zwei alte Bekannte ein, Numet Bek von Abdall und Tokta Ahun, der Sohn des alten redlichen Kuntschekkan Bek, der vor zwei Jahren tief betrauert von all seinen Leuten gestorben war. Numet Bek sollte uns jetzt in vieler Beziehung von großem Nutzen sein. Er wurde beauftragt, für die Kamele und das Pferd zu sorgen, sie nach den Weideplätzen von Mian zu schicken, sie dort bewachen zu lassen und uns später, wenn wir nach Tibet zogen, in gutem Zustande wieder abzuliefern. Ferner sollte er uns Proviant und Führer für die Rückreise nach Tura-sallgan-ui, die ich in Kähnen zu unternehmen beabsichtigte, besorgen.
Die Ruhezeit in Kum-tschappgan wurde zu zwei großen Bootexkursionen benutzt, die erste nach derselben Richtung wie 1896, die zweite durch den Tusun-tschappgan und über den südlichen Teil des Sees in Gegenden, die ich bisher noch nicht besucht hatte.
Tschernoff und ich nahmen in einem großen Kahne mit drei Ruderern Platz, Faisullah mit dem Proviant und zwei Ruderern in einem kleineren. Wie Aale glitten wir durch das Schilf, das vom Regen naß war und uns im Vorbeifahren ab und zu eine Dusche gab ([Abb. 88], [89]).
Es war unmöglich, diese Landschaft von Wasser, Sand und Schilf wiederzuerkennen, so hatte sie sich in den vier Jahren verändert. Seen, die damals offen und frei dalagen, waren jetzt ganz mit Kamisch zugewachsen, während sich neben ihnen andere gebildet hatten, die neue Namen trugen ([Abb. 90]). Kum-köll (Sandsee) und Jangi-köll (neuer See) sind Benennungen, die für sich selbst sprechen. Alles ist in diesem flachen Anschwemmungsgebiet veränderlich. Die größten während dieser Fahrt gemessenen Tiefen betrugen 4,85 und 5,15 Meter; sie befanden sich in einem ganz neugebildeten Seebecken namens Tojagun, was beweist, daß es neben dem Kara-koschun tiefere Senken geben kann, während ältere Teile des Sees allmählich versanden und zuwachsen.
Auf der ganzen Tagereise sahen wir Massen von toten Fischen, die bald auf dem Wasser trieben, bald im Schilf staken, bald, den Bauch nach oben, weiß auf dem Grunde schimmerten. In einigen Durchgängen war die Luft mit dem ekelhaften Gestanke verfaulter Fische erfüllt, die immer zahlreicher wurden, je weiter wir nach Osten kamen; man sagte mir, die Massen von Krähen, die wir überall erblickten, seien dadurch hierhergelockt worden. Einige unserer Ruderer glaubten, eine unbekannte Krankheit habe unter den Fischen gewütet, ein anderer aber erklärte, die große Sterblichkeit sei auf die ungewöhnliche Schneemenge des letzten Winters zurückzuführen. Der Schnee hatte fußhoch auf dem Eise gelegen, und unmöglich ist es nicht, daß dies den Fischen in den seichten Becken geschadet hat. Mit Recht klagten die Leute über Fischmangel und konnten sich nicht erinnern, je ein so schlechtes Fangjahr gehabt zu haben.
Wir ruderten auf neuen Wasserwegen auf den Kanat-baglagan-köll hinaus, wo das Schilf so dicht und dick stand, daß jedes weitere Vordringen eine absolute Unmöglichkeit war. Im Jahre 1896 konnte ich dieses Becken, das jetzt zugewachsen war, noch ungehindert befahren.