Wir verbrachten die Nacht an einem sehr notwendigen Feuer auf einem kleinen Eilande im „See der vergessenen Fischhaut“ und kehrten am nächsten Tage bei starkem Winde und hohem Seegange nach Kum-tschappgan zurück. Faisullah, der nie in einem Boote gesessen hatte, wurde bleich und sehnte sich, wieder an Land zu kommen.
Am 10. April wurde an dem Punkte, wo der Fluß sich in Sümpfe auflöst, die Wassermenge des Tarim gemessen; sie betrug 29,7 Kubikmeter in der Sekunde. Im Jahre 1896 hatte ich an derselben Stelle und um dieselbe Zeit 50,5 Kubikmeter gefunden. Der bedeutende Unterschied beruht teils auf dem neugebildeten Schirge-tschappgan-Arme, teils auf einer Menge von natürlichen Kanälen, die sich seit meinem vorigen Besuche oberhalb des Kum-tschappgan vom Hauptflusse abgetrennt haben.
Die Sanddüne, die dem Kum-tschappgan seinen Namen gegeben hat, ist 10,24 Meter hoch. Die größte Tiefe des Sees beträgt 5,15 Meter. Man kann diesen Vertikalunterschied von 15,39 Meter als den größten im ganzen unteren Lop-nor-Becken betrachten.
Am 11. April unternahmen wir eine Kahnfahrt nach den südlichen Teilen des Kara-koschun, die den nördlichen sehr unähnlich sind. So betrug die größte gemessene Tiefe nur 1,90 Meter, aber während des ganzen späteren Teiles der Fahrt hatten wir nur 0,3 und noch weniger. Der Grund besteht aus feinem gelbem Schlamm, der auf schwarzem Moore oder blauem Tone ruht; sobald das Ruder ihn streift, steigt es wie Tinte im Wasser auf. Als das Wasser so seicht wurde, daß die Kähne nicht mehr darauf schwammen, mußten die Leute aussteigen und sie an Stricken weiterziehen; als aber auch dies bald unmöglich war, mußten wir umkehren. Man sinkt 10 Zentimeter tief in den Schlamm ein, findet dann aber einen festen, aus einer dünnen Salzschicht bestehenden Untergrund. Der Sate-köll ist eine ausgedehnte, seichte Wasserfläche mit wenig Schilf und liegt ganz in der Nähe des Wüstenweges, der am Südufer von Abdall nach Sa-tscheo führt. Weder Seevögel noch Fische gibt es in diesen sterilen Seebecken, die zu baldigem Verschwinden verurteilt sind; keine Algen bedecken ihren Boden. Während des Sommers trocknen sie vollständig aus, und ihr Bett verwandelt sich dann in eine harte, rissige Lehmschicht. Der ganze Kara-koschun wandert langsam nach Norden zurück.
Den Tag darauf ruderten wir nach Abdall und lagerten auf dem westlichen Ufer, wohin auch die Kamele geführt wurden. Der Tarim führte hier nicht weniger als 93,3 Kubikmeter in der Sekunde, verlor also auf der kurzen Strecke bis Kum-tschappgan 63,5 Kubikmeter, die sich in vielen Tschappganen oder Kanälen von dem Hauptflusse abtrennen. Das Tarimdelta wandert flußaufwärts, wie auch die Seen, die von den vielen Armen gebildet werden. Der Fluß hatte hier jetzt infolge der Eisschmelze seinen höchsten Wasserstand und war ungefähr ebenso hoch angeschwollen wie beim Hochwasser im Herbst vor dem Zufrieren. Im Sommer steht die Wasserfläche volle 2 Meter niedriger.
Eine kurze Tagereise nördlich von der Gegend von Abdall wird die Wüste von einem neugebildeten Arme durchschnitten, der von Schirge-tschappgan am unteren Tarim ausgeht. Dieser Flußarm war bisher nur von Jägern aus Abdall besucht worden; ich wollte eine Karte von ihm aufnehmen. Da das Gebiet aber nur mit Kähnen untersucht werden konnte, mußten solche auf irgendeine Weise über den Wüstenstreifen, welcher den neuen Arm vom Tarim trennte, mitgenommen werden; es handelte sich nun darum, wie dies zu bewerkstelligen sei. Einen schweren Kahn auf einem Kamele zu balancieren, ist unmöglich, und zwei hintereinander gehende Kamele mit zwei Kähnen in der Länge zu beladen, gelang ebensowenig; durch den ungleichen Takt ihres Ganges war es ein ständiges Hin- und Herreißen, und die Tiere scheuten auch vor diesen ungewöhnlichen Lasten.
Die einzige Möglichkeit war, sie wie Schlitten auf der Erde weiterzuziehen, wobei vor jeden Kahn ein Kamel gespannt wurde ([Abb. 91]). Die Tiere mußten vorsichtig geführt werden, damit sie nicht scheuten und durchgingen. So gelangten die Fahrzeuge mit ein wenig abgescheuertem Boden, sonst aber in gutem Zustand an Ort und Stelle.
Unser Zug nahm sich recht komisch aus. Die Kamele hatten den größten Teil ihrer Wolle verloren und waren, ein paar hier und dort noch sitzende Haarbüschel abgerechnet, nackt. Sie zogen die langen, knirschenden Kähne geschickt durch den Sand, in welchem dadurch eine abgerundete Furche entstand. Alle Mann gingen zu Fuß; ein drittes Kamel trug das Gepäck, alle notwendigen Instrumente und Proviant für sieben Tage.
Faisullah sollte die Kamele wieder zurückführen und dafür sorgen, daß sie nach Mian gebracht würden, worauf er und Ördek uns wieder bei Schirge-tschappgan zu treffen hatten.
Ich, Tschernoff, Tokta Ahun, Jaman Kullu und noch zwei Ruderer lagerten bei Jangi-jer (neue Stelle), wo wir die erste seeartige Anschwellung des Schirge-tschappgan-Armes erreichten, die größtenteils mit Schilf zugewachsen war, im Norden aber von ziemlich hohem Sand begrenzt wurde.