Die Kähne wurden sofort ins Wasser gebracht, und die Männer machten eine kleine Rekognoszierung, um die Strömung zu suchen, der wir aufwärts folgen mußten, um uns in diesen Irrgängen von Kamisch und Wasser nicht ganz zu verlieren.

Der Tag war so weit vorgeschritten, daß wir unser Nachtlager da, wo wir uns befanden, aufschlugen. Die Nacht unter freiem Himmel war jedoch wenig angenehm. Ein heftiger Nordoststurm erhob sich und brachte starken Regen. Als Tschernoff mich gegen 4 Uhr mit einem Filzteppiche bedeckte, war ich schon ziemlich durchweicht, hatte einen kleinen See an den Füßen und ein paar kleine Bäche auf dem Kopfkissen, schlief aber wieder ein, ohne mich um den Regen zu bekümmern.

Unsere erste Beschäftigung am Morgen war, unsere Kleider an einem schönen Feuer zu trocknen, worauf das Geschwader ausgerüstet wurde. Ich hatte die Instrumente in meinem Kahne, Tschernoff den Proviant in dem seinen; dieser war aber so schwer belastet, daß die Reling nur 4 Zentimeter über dem Wasser lag, und an offneren Stellen des Flusses schlugen die Wellen dann und wann in den Kahn. Jolldasch, der ohne Erlaubnis bei uns geblieben war, durfte auch mitkommen, fiel uns aber nur lästig; wenn es ihm im Kahne zu langweilig wurde, sprang er ins Wasser und schwamm in das Schilf hinein, und wir hatten viele Mühe, ihn wieder zu erwischen.

Die Fahrt war ziemlich mühsam. Der Buran fuhr fort, im Schilfe zu heulen und zu pfeifen, und wir mußten an dem dichten Schilfbestande entlang rudern, um Schutz zu finden. Auf offenem Wasser drohten die Kähne sich selbst bei ziemlich unbedeutendem Wellenschlage mit Wasser zu füllen und unterzugehen. In dem Schilfdickicht war es halbdunkel. Hier und dort plätscherte ein Fisch; Schwäne und Gänse eilten fort, und bei ein paar Gelegenheiten wurden sie ihrer Eier beraubt.

Solange die Strömung deutlich war, ging alles gut; dann aber wurden wir durch ein vollständiges Labyrinth von dichtem Kamisch, aus dem Wasser herausguckenden Tamariskenkegeln, Anschwemmungen, Landzungen und Landengen gehemmt. Über drei Stunden lang suchten wir hier kreuz und quer nach einem Durchgange, gingen denselben Weg, den wir gekommen waren, wieder zurück, verloren uns in schlängelnden Buchten, wo wir wieder umkehren mußten, forcierten den Schilfbestand, indem wir die Kähne mit den Rudern durch seine knackenden Wände trieben, und schleppten sogar die Fahrzeuge über schilfbewachsene Landengen, die benachbarte Wasserflächen voneinander trennten. Jede Düne, die dabei passiert wurde, mußte einer von uns besteigen; doch der Blick reichte bei dem Nebel nicht weit, und die ganze Umgebung war ein einziges dichtes Dschungel.

Als dieses Suchen umsonst war, steckten wir das Kamisch in Brand. Es gab in dieser mit Dämmerung gesättigten Atmosphäre ein großartiges Schauspiel, als sich die Flammen in die regenfeuchten Schilfhecken hineinwarfen und diese knallten, knisterten und dampften und rabenschwarze Wolken emporsteigen ließen, die vom Sturme zerzaust wurden und wie ein Trauerflor über diese irreführenden Sümpfe mit ihren überwachsenen Irrgängen führten. Rußflocken erfüllen die Luft, und man wird ebenso schmutzig wie naß, während man in dem seichten Wasser umherpatscht und die Kähne in die vom Feuer gebahnte Gasse schleppt, die jetzt auch einen Blick nach vorn gestattet und uns sehen läßt, wo wir den nächsten Weg zum offenen Wasser haben (s. bunte Tafel).

Endlich waren wir wieder auf dem rechten Wege, wo das Wasser tüchtig strömte. Die Strömung war so saugend und so schnell, daß die Ruderer all ihre Kraft aufbieten mußten, um den Kahn gegen sie vorwärtszubringen. Gegen Abend sahen wir uns nach einem geeigneten Lagerplatze an dem hier überall feuchten Ufer um; da es uns aber nicht gelang, einen solchen zu finden, blieben wir bei einigen Tamarisken und legten, um wenigstens trocken zu liegen, Kamisch auf die Erde. In schneidendem Wind machte ich meine Aufzeichnungen beim Scheine des Lagerfeuers, und der Sturm peitschte den Flußarm derart, daß von den Wogenkämmen weißer Gischt sprühte.

Der Morgen war wenig verlockend zur Fortsetzung der Fahrt. Im Norden war der Himmel schwarzgrau von Flugsand, und bei Wellenschlag läßt sich die Strömung schwer unterscheiden. Erst um 11 Uhr konnten wir aufbrechen und zogen nun nach Nordwesten über langgestreckte Seen, die uns wieder in ein deutliches Flußbett führten. Manchmal verengte sich dieses bis nur auf 10 Meter Breite und hatte dann eine Stromgeschwindigkeit von 0,9 Meter. Dann folgt eine verwickelte Strecke, von den Jägern Tokkus-Tarim (neun Flüsse) genannt, weil der Strom hier in mehrere Arme geteilt ist.

In brennendem Schilfe.