Der größte See auf dem ganzen Wege zog sich glücklicherweise von Norden nach Süden hin. Indem wir seinem östlichen, von hohen Dünen eingefaßten Ufer folgten, blieben wir vor dem Sturme geschützt. Gerade über den See hinüberzufahren, wäre unmöglich gewesen; er war ganz weiß von den schäumenden Wellen, und es war mehr Glück als Geschicklichkeit, daß wir uns auf der anderen Seite wieder in den Flußarm hineinfanden. Der Wasserweg lief alsdann nach Südwesten, und der Wind neutralisierte den hemmenden Einfluß der Strömung. Bei dem Lager Nr. 30 führte dieser Arm 10,6 Kubikmeter Wasser, die dem unteren Tarim entzogen worden waren.

Auch die folgende Tagereise war verwickelt, und der Wind dauerte fort. Die Minimaltemperatur war auf −0,3 Grad heruntergegangen. Wir ruderten längs des Ufers weiter, gerieten aber oft in Sackgassen. Ein junger Hirt, auf den Tokta Ahun gestoßen war, diente uns als Lotse, bis wir eine Sattma erreichten, von welcher aus ein alter Fischer uns zu Boot begleitete. Ohne seine Hilfe wäre es uns nicht möglich gewesen, die Mündung des Flußarmes zu finden, denn sie war total vom Schilfe verdeckt. Ein wenig weiter aufwärts lotste er uns durch einen kaum meterbreiten Kanal, wo die Kähne an einer Stelle auf das Land und durch das Schilfdickicht gezogen werden mußten, um an einem etwa 55 Zentimeter hohen Wasserfalle vorbeizukommen. Ein zweiter Katarakt hatte eine Höhe von 60 Zentimeter.

Man erhält durch diese Wasserfälle den Eindruck, daß der Schirge-tschappgan-Arm stärkeres Gefälle hat als der Hauptfluß, sich also auf einem etwas höheren Niveau befinden muß. Hierdurch erklärt sich auch die Tendenz des ganzen hydrographischen Systems, nach Norden zu wandern und sich nach diesen flachen Depressionen hinüberzuwerfen. Ein Niveauunterschied von einem Meter spielt in einem Lande, das beinahe ganz horizontal ist, eine sehr große Rolle.

Bei Jekken-öi fanden wir ein Dörfchen ([Abb. 92]) von 4 Sattmen und 20 Einwohnern, ausschließlich aus Greisen, Frauen und kleinen Kindern bestehend, denn die kräftigere männliche Bevölkerung hatte sich nach Tscharchlik begeben, um Ackerbau zu treiben. Die Bevölkerung lebt hier von Fischfang, Wildenten, die sie massenweise fangen, und Enteneiern. Sie besitzen auch 150 Schafe und eine Anzahl Kühe. Vor vier Jahren waren sie von Tscheggelik-ui hierher gezogen und sie erzählten, daß der neue Flußarm erst vor sieben Jahren angefangen habe, sich von ihrem See aus einen Arm nach Osten zu bahnen.

Von einem ganzen Geschwader von Kähnen begleitet, steuerten wir am 18. nach Südwesten über eine Seenreihe, die Tiefen bis zu 4,6 Meter zeigten. Diese Seen sind dadurch eigentümlich, daß das Wasser sich von ihnen nach zwei Seiten teilt; die Bifurkation findet nach Osten und Westen statt. Die Hauptmasse geht ostwärts und bildet den Arm, dem wir gefolgt waren, ein Teil aber fließt bei Schirge-tschappgan in den Tarim, und der Spiegel des Sees liegt 60 Zentimeter über dem Niveau des Tarim.

Allmählich kommen wir in einen Kok-ala (kleinen Flußarm) hinein, der sich nach dem Tarim hinunterschlängelt, wo sein kristallhelles Wasser sofort in den trüben Fluten des Flusses verschwindet.

Eine Strecke weiter abwärts machen wir an den Hütten von Schirge-tschappgan Halt und haben eine prachtvolle Aussicht über den gewaltigen Fluß, der hier gerade und regelmäßig ist und von ehrwürdigen dichtbelaubten Pappeln eingefaßt wird. Hier werden 5,6 Kubikmeter Wasser aus den Seen von Jekken-öi wieder an den Tarim abgegeben, der selbst an diesem Punkte 108,4 Kubikmeter in der Sekunde führte, die größte Wassermenge, die ich bis dahin in dem Flusse gefunden hatte ([Abb. 93]).

In der Nacht auf den 20. April ging die Temperatur wieder auf −4 Grad herunter, was für diese Jahreszeit recht ungewöhnlich ist. Nachdem wir uns mit Faisullah, Ördek und Maschka wiedervereinigt hatten, war unser Plan, auf den östlichen Seen, die ich das vorige Mal entdeckt hatte, nach Tikkenlik zurückzurudern. Es war recht ärgerlich, zwei Tage lang denselben Weg wie damals gehen zu müssen, nach Kum-tschekke, aber die hydrographischen Verhältnisse hatten sich so verändert, daß ich auf mehrere neue Erfahrungen hoffen konnte.

So ließen wir denn jetzt den Nias-köll zur Linken liegen und ruderten über den Tschong-köll, der seinen Namen (großer See) mit Recht führt und auf dem man sich mit den wenig seetüchtigen Kähnen nicht zu weit hinauswagen darf.

Sodann gehen wir einen mächtigen Flußarm hinauf, der lauter Sand durchschneidet und Lailik-darja heißt. Indem ich von Zeit zu Zeit die Wassermenge in diesem östlichen Arme auf dem Wege aufwärts maß, würde ich allmählich seinen Charakter erforschen und ausfindig machen können, wieviel Wasser unterwegs in den Seen verloren geht, sich durch Verdunstung verflüchtigt, in den Boden einsickert usw.