Der Sadak-köll hatte sein Aussehen in den vier Jahren vollständig verändert. Er war mit Schilf zugewachsen und voller Sand und Anschwemmungen, in denen ein Flußarm mit starker Strömung entstanden war. Die Hütten, bei denen ich damals vom Sturme aufgehalten wurde, standen noch. Ihre Bewohner waren größtenteils noch dieselben; sie erkannten mich wieder und empfingen uns mit der größten Freundlichkeit. Sie nennen ihr mit 26 Menschen bewohntes Dorf Merdektik, nach einem neugebildeten Arme des Merdek-köll. Schritt für Schritt sehen wir, wie das ganze hydrographische System nach Norden und Osten wandert, um dereinst wieder in das Seebecken des alten Lop-nor zurückzukehren.

Von dem Dorfe begleitete uns ein Fischer in seinem Kahne und zeigte uns den gegen die ziemlich reißende Strömung angehenden Weg nach Norden. Tschernoff hatte uns eine 6 Meter lange Stange besorgt, die er in Meter und Dezimeter eingeteilt hatte, so daß er die Tiefen direkt ablesen konnte, wenn ich Sondieren für wünschenswert hielt. Längs der Ufer stand reicher Tograkwald in seinem ersten, zarten Lenzgrün und wirkte da, wo er, wie hier, die gelbe, öde Sandwüste als Hintergrund hatte, besonders anziehend.

In Kulaktscha machten wir eine kurze Frühstücksrast; dort wohnten noch immer fünf Familien, lauter alte Bekannte von 1896. Seit meinem vorigen Besuch hatten die Hirten der Gegend eine ziemlich feste Brücke ([Abb. 94]) von Balken, Ästen und Kamisch über den Fluß geschlagen, um ihr Vieh im Sommer von einem Ufer nach dem anderen hinübertreiben zu können. Sie ist so niedrig, daß man mit belasteten Kähnen nur gerade unter ihr durchfahren kann; aber sie ist pittoresk, wie sie ihre Pfähle und Balken in dem Ilek spiegelt, dessen Wasser schwarz wie Tinte, aber auch klar wie Kristall ist.

Dann ruderten wir mit einer Geschwindigkeit von 1,8 Meter in der Sekunde zwischen üppigen Wäldern und undurchdringlichen Schilfdickichten weiter und langten bei Sonnenuntergang unter Mückentanz in Kum-tschekke an, wo wir gleichfalls von Freunden aus dem Jahre 1896 empfangen wurden.

Mit ihnen machte ich am folgenden Tage eine Fahrt nach dem Merdek-köll, um von diesem eine Karte aufzunehmen. Dieser Fluß empfängt sieben Kubikmeter Wasser vom Ilek und hat Tiefen bis zu 7,4 Meter, also viel bedeutendere als der Kara-koschun.

Von Kum-tschekke gingen wir weiter den Fluß hinauf, der noch immer außergewöhnlich tief ist und von prächtigen Wäldern eingefaßt wird. Es ist eine sehr schöne Gegend, die mit ihrem Kanale und ihrem blanken, dunkeln Wasserspiegel einem Parke gleicht, und es ist eine Freude, die unaufhörlich wechselnden Uferszenerien zu betrachten ([Abb. 95], [96]).

Von dem See und Dorfe Tosgak-tschantschdi an nahmen wir neue Ruderer, und ich machte einen Ausflug nach dem auf der vorigen Reise entdeckten Arka-köll.

Auf der folgenden Tagereise wurde mitten im Flusse eine der größten Tiefen gelotet, die ich im ganzen Tarimsysteme je gefunden habe, 12,55 Meter. Von dem Punkte, wo wir am Ufer lagerten, unternahm ich wieder eine Bootexkursion nach dem nahegelegenen Tajek-köll. Ich hatte nur einen Mann bei mir, und der Kahn mußte einen halben Kilometer über Land von dem Flusse nach dem See getragen werden. Der Tajek-köll, an dessen östlichem Ufer wir 1896 mit Kamelen durch mühsames Terrain wanderten, ist ziemlich offen und hat in der Mitte Tiefen von 5,7 Meter, 6,9 Meter und 9,5 Meter, die also beinahe doppelt so groß sind wie die tiefsten Stellen des Kara-koschun.

Als ich wieder ins Lager kam, war das Zelt so voller Mücken, daß sie ausgeräuchert werden mußten, worauf die Leinwand auf allen Seiten zugezogen und Jolldasch angebunden wurde, damit er nicht, wie er zu tun pflegte, aus und ein liefe und diese verwünschten Insekten, die uns jetzt abends zu plagen begannen, mitbrächte. Es ist eine Art großer hellgrauer Mücken, die ihr Opfer mit unglaublicher Energie und unglaublichem Eigensinn umschwärmen; sie hinderten mich am Schreiben sowie an jeder anderen Beschäftigung. Man ist ihrem Blutdurste, gegen den der eines Tigers nichts ist, völlig preisgegeben. Sie zeigen eine Todesverachtung, die nicht Mut, sondern Dummdreistigkeit ist, greifen von allen Seiten an und gehen gern in den Tod, wenn sie nur erst eine tüchtige Mahlzeit Blut haben einsaugen können.

Am 27. brachen wir bei Tagesgrauen aus diesem unwirtlichen Mückenneste auf. Es dauerte nicht lange, so fegte ein warmer, dunstiger Südwestwind über das Wasser in diesem unheimlich verwickelten Labyrinthe von Seen, Sümpfen und Flüssen hin. Wir folgten unserem alten Ilek aufwärts; er gleicht kaum einem Flusse, sondern eher einer offenen Gasse in einem Sumpfsee. Unsere Richtung ist anfangs nördlich, aber beim Suji-sarik-köll (See des gelben Wassers) biegen wir nach Westen ab, um in ungeheuer verwickelten Dickichten und Dschungeln von Kamisch, durch die ein schlecht instandgehaltener Tschappgan führt, zu verschwinden ([Abb. 97]). Drinnen ist es dunkel und schwül; das Kamisch ist von den Stürmen über den engen Wasserweg gelegt worden und ist mit Staub und Flugsand bedeckt. Stellenweise bildet das Ganze eine Brücke, auf der man bequem weite Strecken über das im allgemeinen 2 Meter tiefe Wasser gehen kann. Es war jedoch nicht immer ganz leicht, unter diesen mächtigen natürlichen Gewölben, wo man so staubig wird wie auf einer Landstraße, vorzudringen. Zwischen Milliarden von Schilfstengeln rinnt das Wasser nach dem Ilek hinab. Diesen Abend lagerten wir im Dorfe Scheitlar, das wir auch im Winter besucht hatten ([Abb. 98]); ich erhielt also einen Anknüpfungspunkt an die Karte der Expedition nach Tschertschen.