Mit neuen Booten und Ruderern fuhren wir am 29. nach Westen und Nordwesten, den gewaltigen See Tschiwillik-köll kreuzend, der bedeutende offene Wasserflächen besitzt, aber gleich den anderen größtenteils von Schilf und Binsen überwuchert ist. Bei dem Dorfe Kadike, das 40 Bewohner zählt, durften die anderen lagern, während ich mit zwei Kähnen nach dem Awullu-köll weiterfuhr, um seinen Zusammenhang mit den übrigen Wasserwegen zu untersuchen.
In Kadike gesellten sich am nächsten Tage Kirgui Pavan und Schirdak Pavan, meine alten Führer, zu uns, und erst jetzt erhielten wir die Nachricht von Parpi Bais Tod. Als wir uns vor ein paar Tagen von Faisullah trennten, der sich schleunigst nach Tura-sallgan-ui begeben sollte, hatte er den Befehl an Parpi Bai und Tscherdon mitgenommen, mit der Hauptmasse der Karawane nach Tschimen vorauszugehen, damit die Tiere nicht unnötig von Bremsen und Mücken gepeinigt würden. Doch Parpi Bai sollte von dem Vertrauen, das ich zu seiner Fähigkeit hegte, eine große Karawane leiten zu können, nie Kenntnis erhalten.
Am 1. Mai hatten wir wieder neue Boote und neue Leute, darunter Kirgui und Schirdak. Die Fahrt ging auf dem Kuntschekkisch-Tarim nach Westnordwest. Bei Dargillik sind im Walde noch Spuren von etwa 20 Hütten, nach denen die Beke von Turfan sich unter der chinesischen Herrschaft vor Jakub Beks Zeit über Turfan-köbruk am oberen Ilek begaben, um die hauptsächlich in Otterfellen bezahlten Steuern für den Kaiser einzutreiben. Sie pflegten Geschenke in Gestalt von Mehl für die Beke und die Bevölkerung des Landes, die sich in ihren Kähnen von allen Seiten hier einfanden, mitzubringen. Dargillik war damals eine Art Marktplatz, und alle sehnten sich dorthin, in der Hoffnung, mit einem Beutel Mehl zurückzukehren, denn damals wurde im Loplande noch kein Ackerbau getrieben.
Bei dem Lager Dillgi fanden wir, daß jetzt 84,3 Kubikmeter Wasser dem Tschiwillik-köll zuströmten, aber ein paar Tage vorher hatten wir 91 Kubikmeter gemessen, die aus ihm abflossen. Dieses beim ersten Anblick seltsame Verhältnis beruht darauf, daß der Zufluß schon angefangen hat, abzunehmen, so daß der See, der als Reservoir wirkt, sich noch eine Zeit lang mehr Wassers entledigt, als er empfängt.
Die drei folgenden Tage ruderten wir angestrengt flußaufwärts. Am 4. Mai lagerten wir bei dem alten Naser Bek in Tikkenlik ([Abb. 99]) und erhielten gute Nachrichten aus dem Hauptquartier. Der 5. wurde Tikkenlik geopfert, denn am Morgen langte die erste Karawane aus Tura-sallgan-ui unter Tscherdons Oberbefehl hier an und mußte inspiziert werden. Die übrigen Teilnehmer waren Faisullah, Mollah Schah, Musa, Kutschuk und zehn Loplik samt 35 Pferden, 5 Mauleseln und 5 Hunden; Menschen wie Tiere waren in gutem Zustand. Das Gepäck der Karawane war imponierend und bestand aus Reis, Mehl, Konserven usw., der privaten Habe und den Kleidungsstücken der Leute, einem großen mongolischen Filzzelte und unzähligen anderen Dingen. Eine kleine Strecke außerhalb des Dorfes hatte die Karawane ihr großes Lager aufgeschlagen. Nach dem von mir durch Faisullah gesandten Befehl sollte sie den großen Karawanenweg bis Abdall benutzen und von dort direkt nach Tschimen in Nordtibet gehen, ein passendes Standlager aussuchen und meine Ankunft dort abwarten, wobei vor allem dafür gesorgt werden sollte, daß die Tiere gut gepflegt wurden, damit sie die Strapazen, die ihrer im Sommer warteten, aushalten konnten.
Der Amban von Tscharchlik, Dschan Daloi, passierte Tikkenlik während meiner dortigen Anwesenheit. Er war auf dem Wege nach seiner Residenzstadt und zeigte sich als ein ungewöhnlich liebenswürdiger, artiger, feiner Chinese, der mir später von großem Nutzen sein sollte.
Am 6. Mai wechselten wir zum letzten Male auf dieser langen Fahrt die Ruderer und Kähne. Wir brauchten leichte Fahrzeuge und starke Muskeln, denn ich beabsichtigte, die uns noch von Jangi-köll trennende Strecke möglichst schnell zurückzulegen. Über den Kalmak-ottogo-Arm ([Abb. 100]) gelangten wir wieder in den Tarim, wo wir am 7. gute Hilfe vom Winde hatten, was bei der starken Strömung, die jetzt nach der Eisschmelze herrschte, auch sehr nötig war.
Den letzten Tag lag wieder Staubnebel schwer über dem Lande. Bei Artillma ersparten wir uns eine große Flußbiegung dadurch, daß wir die Kähne über eine schmale Landzunge schleppten. Als wir schließlich an unseren wohlbekannten Strand mit der einsamen Pappel gelangten, standen alle Mann zu unserem Empfang bereit. Sirkin berichtete über alles Vorgefallene und überreichte das meteorologische Journal nebst seinen Aufzeichnungen und Beobachtungen über die Veränderungen des Flusses während meiner Abwesenheit. Auf dem Korso hatten sie eine hübsche kleine mongolische Jurte aufgeschlagen, in der ich von nun an wohnte. Die Kosaken logierten in der Kamischhütte, Islam und Turdu Bai im Zelte. Die Fähre lag im Hafen vertäut und sollte jetzt wieder zu Ehren gelangen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Gefährliche Wasserfahrten.
Durch die Rückkehr in das alte Winterquartier war ein neues Glied in die Kette der Exkursionen eingefügt worden und hatte ein neues Kapitel der Reise seinen Abschluß gefunden. Der unschätzbaren Operationsbasis, die wir in Jangi-köll gehabt hatten, bedurften wir jetzt nicht länger, denn jetzt sollte all unser lebendes und totes Hab und Gut nach anderen Gegenden Asiens, in eine neue Welt und neue Verhältnisse übersiedeln: auf die unwirtlichen Berge zwischen dem Himalaja und dem Kwen-lun, welche die mächtigste Erhebung der Erdrinde bilden.