Die zehn Tage, die ich jetzt im Hauptquartiere zubrachte und die zur Ruhe so sehr notwendig waren, vergingen sehr schnell unter mannigfaltigen Beschäftigungen. Zuerst wurden alle Geschäfte mit Chalmet Aksakal von Korla abgeschlossen, der uns Pferde und Proviant auf lange Zeit hinaus besorgt hatte und der, als er uns verließ, meine große Post nach Europa mitnahm.
Unterdessen waren die Kosaken durchaus nicht müßig. Sie veränderten den Oberbau der Fähre in besonders bequemer, gemütlicher Weise. Unser altes Schiff sollte nämlich bald wieder in Gebrauch treten, da die Reise den Tarim hinunter fortgesetzt werden sollte. Statt des Zeltes wurde auf dem Vorderdeck eine ordentliche Hütte errichtet, die ganz wie die Dunkelkammer aussah, nur mit dem Unterschiede, daß die Latten mit weißen Filzdecken tapeziert wurden. Die Vorderwand bildeten zwei Filzvorhänge, von welchen der rechte vor dem Schreibtische nur nachts heruntergelassen wurde. Hier wurde auch eine kleine Markise gegen die Sonne, die mir sonst auf der Fahrt nach Süden sehr lästig geworden wäre, angebracht. An die aus Brettern bestehende Backbordlängswand wurden drei meiner Kisten gestellt, von denen eine als Eßtisch diente. Das Bett hatte seinen Platz an der Steuerbordlängswand, die nur aus einer großen herabhängenden Filzwand bestand. Ein Teppich wurde dagegen nicht auf den Boden gelegt; die Behausung sollte so luftig wie möglich sein. Das meteorologische Observatorium hatte denselben Platz wie früher, und die Instrumente ließen sich bequem von drinnen ablesen, wenn ich nur den kleinen Filzvorhang ein wenig zurückschlug. Die Decke bildeten sieben mit einem Teppiche bekleidete Latten. Von einer derselben hing an Stahldrähten ein mehr als einfacher „Kronleuchter“ herab.
Als die neue Residenz fertig war, wurden all meine Habseligkeiten dorthin gebracht, außer den Sachen, deren ich auf dem Flusse nicht bedurfte und die mit der Karawane gingen. Meine kleine Mongolenjurte wurde zusammengelegt und an Bord verstaut, denn ich wollte von ihr auf der Reise nach dem neuen Hauptquartier im Gebirge Gebrauch machen. Das neue Studierzimmer war so einladend und gemütlich, daß ich nicht begriff, wie ich mich auf der langen, kalten Herbstreise mit dem Zelte hatte begnügen können; die Filzdecke, die das Eindringen der Sonnenglut verhinderte, hielt auch die Wärme im Zimmer fest. Am besten von allem war, daß ich in dieser angenehmen Wohnung auf dem Tarim bis an den Punkt bleiben konnte, wo wir früher oder später unsere gute alte Fähre würden im Stiche lassen müssen, was sich, wie ich hoffte, noch recht lange würde hinausschieben lassen.
Auf dem Achterdeck bauten sich die Kosaken aus Brettern und Filzdecken eine ähnliche Kajüte, in der sie ihre Sachen unterbrachten. Sirkin hatte dort seinen kleinen Beobachtungstisch mit Aneroiden, einer Uhr, Wasserthermometern, Strommessern, Bandmaßen, Papier und Schreibmaterial. Er war mir auf der Reise nach Abdall ein unschätzbarer Sekretär.
Die Arbeit an der Fähre war schnell erledigt. Weil die Kosaken vor dem Aufbruche nicht müßig gehen sollten, gab ich ihnen ein neues Problem zu lösen. Die kleine englische Segeltuchjolle taugte zu allem, nur nicht zum Kreuzen; da aber unsere Freunde, die Fischer und die Bootsleute, es einstimmig für unmöglich erklärten, ohne Zuhilfenahme der Ruder gerade gegen den Wind anzugehen, fühlte ich mich versucht, sie in Erstaunen zu setzen und ihnen einen schlagenden Beweis von der Richtigkeit meiner Behauptung des Gegenteils zu geben.
Ich schnitzte daher ein kleines Modell, und nach dieser Vorlage hieben die Kosaken aus einem Pappelstamme ein Segelboot zurecht, dessen Rumpf nach allen Regeln der Kunst geformt wurde. Mit eisernen Krampen wurde am Boden ein loser Kiel und unter diesem ein paar Eisenstangen befestigt. Darauf wurde das Boot mit Leder gedeckt, das so fest gespannt wurde wie ein Trommelfell; ein abnehmbarer Mast hatte seinen Platz am Vorderteil, und das Fahrzeug trug ein einziges Segel. Unser Schmied verfertigte ein vortreffliches Steuer mit Ruderzapfen, drehbar auf zwei Stiften. Am Boden wurden zwei Sandsäcke festgemacht, um dem an und für sich schwankenden Fahrzeuge etwas Halt zu geben. Es trug nur einen Mann und war so schmal, daß der Segler kaum im Achter Platz fand und, so gut er konnte, mit den Beinen auf der Reling balancieren mußte.
Während all dieser Arbeiten hatte sich der freie Platz in unserem Dorfe, wo abends treu die chinesische Laterne brannte, aus einem Markte in eine Werft verwandelt, und mit Interesse und Neugierde verfolgten die Eingeborenen unser Tun ([Abb. 101]). Als das Boot fertig war und bei starkem Winde auf dem Flusse probiert wurde, versammelten sie sich an den Ufern und legten die größte Verwunderung über meine Manöver an den Tag. Das Boot kreuzte leicht und gehorchte willig dem Steuer, aber man durfte nicht gegen Nässe empfindlich sein, denn die Reling tauchte gewöhnlich unter die Oberfläche, und das Wasser stürzte in den Achterraum, den es bald füllte. Das Boot ging ausgezeichnet schnell, und seine Benutzung war ein erquickender Sport an den Tagen, da wir mit der großen Fähre starken Windes halber nicht weiter konnten.
Am Abend des 17. Mai besuchten alle Muselmänner Parpi Bais Grab und sprachen dort ihre Gebete; es war ihr letzter Abschiedsgruß an den alten Kameraden. Darauf wurde die Bevölkerung der Gegend zusammengetrommelt, und Holzfäller, Wasserträger, Hirten und alle, die uns sonst Dienste geleistet hatten, erhielten ihre Bezahlung.
Als ich am folgenden Morgen aus meiner Kajüte trat, standen die neun Kamele bereit und warteten auf ihre Lasten, die schon geordnet und an den Leitern festgebunden waren. Es war ursprünglich beabsichtigt, daß sie nachts marschieren sollten, um von den Bremsen verschont zu bleiben, die sie besonders jetzt, da sie nach dem Haaren nackt und empfindlich sind und mit den vereinzelten Haarbüscheln auf Kopf und Höckern wie junge Krähen aussehen, entsetzlich peinigen. Da sie aber lange geruht hatten und an das Gehen mit Lasten noch nicht gewöhnt waren und daher wahrscheinlich anfangs spielen und bocken würden, beschlossen wir, daß sie die ersten Märsche bei Tag zurücklegen und erst, sobald sie sich eingewöhnt hatten, nachts marschieren sollten.
Islam, Turdu Bai, Chodai Kullu und zwei Lopleute führten die Karawane; Tschernoff hatte den Auftrag, sie nach dem Gebirge zu eskortieren. Maschka, Jolldasch und die beiden, jetzt schon tüchtig gewachsenen jungen Hunde Malenki und Maltschik wurden angebunden, damit sie nicht mit der Karawane liefen ([Abb. 102]). Als meine besonderen Lieblinge sollten sie mir auf der Fähre Gesellschaft leisten. Die übrigen Hunde dagegen durften die Karawanenreise mitmachen; Jollbars, dem ein Wildschwein einen schlimmen Riß in der Seite beigebracht hatte, sollte nach seinem Belieben handeln. Er lag, seine Wunde leckend, in meiner alten Hütte, erholte sich aber wieder und begleitete mich später auf dem Wege nach Lhasa.