Am 30. Juli wurden Tokta Ahun und Musa mit sechs Pferden nach dem Hauptquartier zurückgeschickt. Das Gepäck wurde dadurch für die zurückbleibenden Tiere etwas schwerer. Unsere Gesellschaft bestand nun aus mir, sechs Mann (Tscherdon, Turdu Bai, Mollah Schah, Kutschuk, Nias und Aldat), 7 Kamelen, 11 Pferden, 1 Maulesel, 5 Schafen und 2 Hunden. Am nächsten Morgen lag das Becken des Kum-köll in undurchdringlichen, feuchten Nebel gehüllt, und die Kalta-alagan-Kette war spurlos verschwunden. Die Luft war warm und still und mit Moskitos gepfeffert, die uns den ganzen Tag treu begleiteten. Wir sehnten uns nach Gegenden, in denen diese gemeinen Wesen nicht leben konnten, und gedachten, erst dann in ihre Heimat zurückzukehren, wenn der Winter ihnen den Garaus gemacht haben würde.
Der Kum-köll lag wie ein Spiegel da, verschwand aber hinter uns gleich im Nebel. Wir dringen in den westlichen Randgürtel des Sandes ein, wo die Dünen wie Landspitzen auslaufen; dazwischen finden wir festen Boden und eine Reihe kleiner Becken mit je einem schwach salzhaltigen Tümpel. Es ist eine schwere Arbeit für unsere Tiere, denn ihre Lasten sind ansehnlich; auf so bedeutender Höhe ist das Gehen schon auf ebenem Boden mühsam, und hier sinken sie dazu noch in den losen Sand ein.
Nachdem der Sandgürtel aufgehört hat, reiten wir über dünn mit Gras bestandenen kupierten Boden und gelangen an den Fluß Pettelik-darja. Er führte wohl 10 Kubikmeter Wasser in der Sekunde und war höchstens 65 Zentimeter tief, aber sein Boden war trügerisch und für die Kamele gefährlich. Turdu Bai und Mollah Schah probierten es wiederholt, ihn zu überschreiten, und versanken dabei mit ihren Pferden beinahe im Schlamm. Schließlich fanden sie eine Stelle, welche die Kamele trug, die, wenn der Boden unter ihnen nachgibt, unverbesserlich ungeschickt sind. Nach einem Marsche von noch einigen Stunden gelangten wir wieder an das Ufer des Pettelik-darja, wo wir Lager schlugen.
Der nächste Tagemarsch führte nach Südsüdost und war ebenso lang wie der vorhergehende. Es war der vierte Tag, daß wir über ebenes, offenes Terrain inmitten der höchsten Berge der Erde zogen. Der Fluß wurde von neuem überschritten, und vor uns erhob sich eine kleinere Bergkette, die uns den Weg versperrte und wahrscheinlich ein Ausläufer des Arka-tag war. Die öde Steppe dient zahllosen Orongoantilopen als Aufenthalt; doch wie sehr unsere Jäger sich auch bemühten, es gelang ihnen nicht, eine zu erlegen. Die Tiere scheinen hier die Gefahr kennen gelernt zu haben, denn das Land wird von Zeit zu Zeit von Goldgräbern und Yakjägern durchstreift; daher sind sie auf ihrer Hut und kommen nicht zu nahe an uns heran. Nun war Aldats Terrainkenntnis erschöpft; so weit südlich war er noch nie gewesen und von den anderen natürlich auch keiner, weshalb ich für die Zukunft selbst das verantwortliche Amt des Führers übernehmen mußte.
Wir richteten den Kurs auf einen Einschnitt in der Kette, wo sich ein vielversprechendes Tal öffnete. Doch als wir darin waren, stellte es sich heraus, daß es trocken war. Zur Rechten, d. h. an der linken Talseite, leuchtete jedoch in einer Schlucht frisches grünes Weideland, und dort fanden wir eine kleine Quellader, die unseren Bedürfnissen genügte.
Am 1. August legten wir 29 Kilometer nach Südsüdost zurück. Im großen betrachtet, führte unsere Reise nach Süden, weil ich alle diese Bergketten rechtwinkelig überschreiten und außer den geographischen Entdeckungen auch Material zu einem geologischen Profile sammeln wollte. Wir gedachten, soweit wie nur irgend möglich nach Süden zu gehen und wieder umzukehren, sobald die Hälfte unserer Vorräte verbraucht war. Bei dieser Berechnung vergaß ich jedoch einen wichtigen Faktor zu berücksichtigen, den nämlich, daß auf dem Rückwege die Kräfte der Tiere so gesunken sind, daß die Heimreise viel längere Zeit erfordert. Ich dachte zwar daran, aber mir war die Hauptsache, auf jeden Fall möglichst weit zu gelangen. Auf irgendeine Weise würden wir wohl wieder nach Hause kommen, schlimmstenfalls zu Fuß. Der Wendepunkt, hatte ich mir gedacht, sollte in eine weidereiche Gegend fallen, wo die Tiere sich ausruhen könnten. Ich ahnte nicht, wie anstrengend unser Rückzug sein und welche Mühe es kosten würde, mit den Resten der Karawane zurückzukommen.
Es war nicht leicht, die Granitmauer, die sich uns jetzt in den Weg stellte, zu forcieren. Es kostete den ganzen Tag, gelang aber schließlich doch. Durch gewundene Furchen und Täler, über Ausläufer und kleinere Pässe suchten wir uns einen Weg nach der Wasserscheide auf diesem neuen Kamme hinauf und sahen im Süden in ihrer ganzen Länge eine gewaltige, rabenschwarze, schneebedeckte Kette, die ich für den Arka-tag hielt ([Abb. 124]). Ich kannte diese mächtige Bergkette von 1896 her und fürchtete, daß ihre Besteigung auch jetzt für uns eine harte Nuß werden würde. In dem Längentale vor dieser neuen Mauer lagerten wir an einem kleinen Bache. Die Weide war schlecht, aber Yakdung, unsere einzige Feuerung, reichlich vorhanden. Die Höhe über dem Meeresspiegel betrug hier 4638 Meter.
Der Tag war herrlich gewesen, ohne Bremsen und Moskitos. Um 7 Uhr begann jedoch der Regen auf die Jurte zu prasseln, und als ich ins Freie trat, sah ich nichts von den Bergen, denn alles war in Regenwolken gehüllt. Die paarweise gekoppelten Pferde lassen die Köpfe hängen. Sie blinzeln und sind halb im Schlafe, und das Wasser tropft von ihren Packsätteln und Mähnen herab. Die Kamele liegen dicht aneinander gedrängt, um sich warm zu halten; sie atmen schwer und scheinen sich des Ausruhens zu freuen. Das Lagerfeuer glüht und raucht vor dem Zelte der Leute, wo Tscherdon mein Mittagessen und Mollah Schah das der Leute bereitet. Bald daraus lassen Kutschuk und Nias die Pferde weiden; sie bleiben die ganze Nacht auf der Weide, doch ab und zu muß sich ein Wächter nach ihnen umsehen, damit sie sich nicht gar zu weit entfernen. Die Kamele können erst zur Weide gehen, wenn es Tag wird, und bleiben daher die ganze Nacht liegen, erhalten aber einige Scheffel Mais zum Abendessen. Jolldasch hütet sich, bei solchem Wetter auszugehen, sondern liegt lieber zusammengerollt in meinem Zelte. Maltschik hat die Entdeckung gemacht, daß es bei den Kamelen warm ist. Er hat einen schlimmen Fuß und ist in den letzten Tagen auf ein Kamel gepackt worden, dessen wiegende Bewegungen er mit der Geschicklichkeit eines Akrobaten und mit einer gewissen Eleganz pariert hat. Man ist froh, in die hell erleuchtete Jurte kriechen zu können, wenn draußen in der Dunkelheit der Regen die Erde peitscht.
Wir blieben den nächsten Tag dort, weil ich eine astronomische Beobachtung machen mußte, eine die Geduld auf die Probe stellende Arbeit, wenn man unaufhörlich durch Hagelschauer und Wolken unterbrochen wird. Der Morgen sah wenig versprechend aus. Seit Mitternacht hatte es geschneit, und das Schneien hielt noch bis 9 Uhr an. Das überhaupt spärlich vorhandene schlechte Gras lag unter einer weißen Decke begraben, und die Tiere wurden nicht zur Hälfte satt, obwohl sie den ganzen Tag nach Gras suchten. Die Berge zeichnen sich in wechselnden Beleuchtungen ab; bald stehen die Schneefelder grellweiß auf einem Hintergrunde von dunkeln Wolken, bald ist der Himmel im Hintergrunde klar, während die Schneefelder, wenn Wölkchen die Sonne verschleiern, einen kalten, stahlblauen Ton annehmen. Der ewige Schnee mit seinen rudimentären Gletschern, der sich gestern so scharf markierte, macht sich nicht länger geltend, denn alles ist gleich weiß.
Die Nacht auf den 3. August war eine der kältesten, das Thermometer fiel auf −5,2 Grad. Die ersten Symptome der Müdigkeit zeigten sich jetzt bei den Tieren; ein Pferd mußte ohne Last gehen, und ein Kamel ließ nach, wenn es bergauf ging. Wir zogen gerade ins Gebirge hinein, wo es uns am niedrigsten erschien, und gelangten in eine Talweitung, wo es von Hunderten von Orongoantilopen wimmelte; es waren große, prächtige Tiere mit Hörnern, die wie Bajonette in die Luft standen. Sie flüchteten schnell und leicht die Abhänge hinauf, und es schien ihnen nicht die geringste Anstrengung zu sein, in der verdünnten Luft über die Hügel zu eilen.