Von dieser Talweitung führte ein Tal nach Süden und ein zweites nach Südwesten; wir wählten das erstere ([Abb. 125]). Das Tal verschmälerte sich und wurde steil. Da hier dem Anscheine nach kein Vordringen möglich war, mußte Tscherdon weiterreiten und rekognoszieren, während wir warteten und ich mich mit Photographieren beschäftigte. Er kam bald mit dem Bescheid wieder, daß hier kein Weg für die Kamele sei, weshalb wir es in dem anderen Tale versuchten.
Dieses Tal bog nach Südsüdwesten ab und schien nach einem schneefreien Passe hinaufzuführen. Ich ritt voraus. Die Steigung war entsetzlich steil. Auf dem mit Schutt bedeckten Passe ([Abb. 126], [127]), dem höchsten Punkte, den wir bisher erreicht hatten (4962 Meter; der Montblanc hat nur 4810 Meter!), mußte ich eine halbe Stunde auf die anderen warten, die schwer und mühsam den steilen Schuttweg emporkeuchten. Die Aussicht vom Kamme war nichts weniger als erfreulich. Ein Chaos von Felsen, Bergästen und schneebedeckten Kämmen breitete sich im Süden vor uns aus. Es war klar, daß wir noch nicht auf dem Kamme des Arka-tag waren.
Endlich war es den anderen möglich, die Höhe zu erklimmen. Die Kamele hatten sich so angestrengt, daß ihnen die Knie zitterten. Ihre Nasenlöcher waren aufgebläht; sie brauchten mehr Luft, und müde und gleichgültig schweiften ihre Blicke nach Süden, als hätten sie die Hoffnung ganz aufgegeben, sich in dieser Welt von unfruchtbaren, kahlen Bergen je satt grasen zu können. Vom Passe ging es im Zickzack zwischen Felsvorsprüngen hindurch in ein kleines Tal hinunter, das nach Südsüdwesten führte. Auch dieses war in anstehendes Gestein von schwarzem Schiefer, Porphyr und Diorit eingeschnitten. An dem Bache wuchs nur Moos; doch da, wo er in ein mächtiges Längental mündete, wuchs auch „Jappkak“, von den Leuten sogleich zur abendlichen Feuerung gesammelt.
Dieses Längental durchfließt der größte Fluß, den wir gesehen, seit wir den Tarim verlassen hatten; bei einer Breite von 65 Meter und einer Maximaltiefe von 60 Zentimeter führte er 27 Kubikmeter Wasser in der Sekunde; er strömte nach Westnordwesten.
Nach einem schwierigen steilen Übergang auf das linke Ufer steuerten wir auf der Südseite hinauf, wo wir (4783 Meter hoch) auf offenem Terrain an einem Nebenflusse lagerten ([Abb. 128]). Ein wenig höher oben grasten 13 große, schwarze Yake. Sie beachteten uns nicht, doch als das Lager aufgeschlagen wurde, witterte der Führer Unrat, und die Herde setzte sich in geschlossener Reihe in Bewegung nach dem Arka-tag, dessen Hauptkamm sich jetzt in seiner ganzen düsteren Größe vor uns erhob. Kamen wir nur glücklich über ihn hinüber, so mußte nachher im Süden ziemlich offenes Terrain vor uns liegen.
Damit Tscherdon und Aldat die nächsten nach dem Arka-tag hinaufführenden Täler untersuchen konnten, blieben wir am nächsten Tag liegen. Am 5. August kamen wir an ein großes Tal mit einem wasserreichen Flusse, von dem wir hofften, daß es uns zu einem geeigneten Passe im Arka-tag führen würde.
Ein in seiner gigantischen Größe überwältigendes Panorama entwickelte sich vor uns. Die Ausläufer des Arka-tag glichen Sphinxen, die nach Norden starren und ihre Tatzen vom Flusse benetzen lassen. Bald verschleierte sich jedoch die starre Schönheit der Natur mit tröpfelnden Wolken und Regennebel, der den Blick trübte, während wir unseren mühsamen Marsch immer höher talaufwärts fortsetzten, wo die Luft kalt und rauh war.
Während wir nach dem besten Wege Ausschau hielten, wurde Jolldasch vermißt, der sich die Freiheit genommen hatte, mit Turdu Bai zu laufen. Dieser hatte ihn einer Herde Orongoantilopen nachsetzen gesehen und geglaubt, er würde sich, wie gewöhnlich, schon wieder bei uns einstellen. Aber er ließ nichts von sich hören, und als wir dann bei Platzregen bei der nächsten Talgabelung lagerten, kehrte Turdu Bai um, um den Hund zu suchen.
Unterdessen wurden die Zelte so schnell wie möglich aufgeschlagen; der Regen plätscherte, und es wehte ein heftiger Wind. Mollah Schah dagegen ritt weiter, um zu sehen, wohin das Tal führte; gab es hier keinen Paß, der sich überschreiten ließ, so würden wir durch das Weiterziehen mit der ganzen Karawane die Tiere nur unnötig ermüden. Der Regen ging um 4 Uhr in Hagel über, was weit besser war. Wir waren jedoch mit unserem ganzen Sack und Pack bereits so durchnäßt, daß wir von dem Wechsel keinen Vorteil mehr hatten.
Nach dem Regen wurden alle Lasten bedeutend schwerer für die armen Tiere. Diese fingen auch schon an nachzulassen. Tscherdons Reitpferd hatte all seine Freßlust verloren und sah jämmerlich aus. Dies schmerzte den Kosaken, der eine unendliche Liebe für seinen Rappen hegte, tief. Er hatte ihn vorzüglich dressiert. Wenn er den Rappen beim Namen rief, kam dieser gelaufen und legte seinen Kopf auf Tscherdons Schulter. Der kleine burjatische Kosak war ein richtiger Akrobat. Er stand auf den Händen im Sattel, wenn der Rappe im Schritt ging, sprang Bock und machte einen Purzelbaum über ihn hinweg. Das Tier stand bei solchen aufregenden Vorgängen ganz still. Tscherdon hegte und pflegte es daher, so gut er konnte, und war sehr niedergeschlagen, es krank zu sehen.