Die vier noch übrigen Schafe sind merkwürdig. Sie folgen der Karawane wie Hunde, erklimmen mit Leichtigkeit jede noch so steile Höhe und scheinen von der spärlichen, schlechten Weide ganz befriedigt zu sein.
Wir haben uns an die kolossale Höhe gewöhnt. Sitze ich still im Sattel oder Zelte, so spüre ich nichts davon, aber die geringste Anstrengung, wie einige Hammerschläge gegen eine Felswand, verursacht Atemnot und Herzklopfen. Ein Vorteil ist, daß wir von Moskitos und Bremsen, die spurlos verschwanden, befreit sind. Statt ihrer kommt hier eine Art gewaltiger Hummeln vor, die im Sonnenschein umhersausen und deren Summen wie Orgeltöne durch die Luft braust. Ihre Ausstattung paßt sich diesen winterkalten Gegenden an, denn sie tragen richtige Pelze und Überstiefel von dichten, gelben Haaren.
Bei diesem Lager fehlte jegliche Weide; es nützte also nichts, die Tiere frei umherlaufen zu lassen, es wäre sogar grausam gewesen. Statt Nahrung zu finden, erhalten sie nur Duschen von Wasser und Eis.
Nach einigen Stunden kam Turdu Bai mit Jolldasch zurück, den er jenseits des von ihm rekognoszierten Passes gefunden hatte. Der Hund war wie toll und verzweifelt hin und her gelaufen und hatte vergebens nach der Spur der Karawane, von der ihn ein ganzer Bergrücken trennte, gesucht. Ohne Hilfe würde er uns nie gefunden haben. Damit er es künftig unterließ, hinter Antilopen her zu jagen, bekam er zur Strafe nichts zu fressen und wurde außerhalb der Jurte angebunden.
Mollah Schah kehrte nach sechsstündiger Abwesenheit zurück und versicherte, daß der mit unserem Tale verbundene Paß überschritten werden könne. Doch was jenseits auf der Südseite lag, wußte er nicht, denn er hatte sich dort mitten in einem Schneegestöber befunden, das die Aussicht versperrte.
Als wir am Morgen diesen unwirtlichen Lagerplatz verließen, lag die Landschaft wieder unter Schnee. Am Vormittag zeigte sich jedoch die Sonne, die Schneefelder wurden kleiner, und man hörte überall Schmelzwasser rieseln. Das Tal stieg langsam und gleichmäßig nach dem Passe des Arka-tag an; sein Boden war mit schwarzem Schieferschutt bedeckt, der unter den Pferdehufen knisterte.
Der Paß bildete einen kuppelförmig abgerundeten Kamm, den sogar die Kamele ohne Schwierigkeit erstiegen. Mittelst des Photographiestativs wurde ein kleines Zelt für das Thermohypsometer errichtet, das eine Höhe von 5180 Meter anzeigte. Wir befanden uns hier auf der — der Kammhöhe nach — höchsten Bergkette der Erde ([Abb. 129]). Vor uns breitete sich das Längental aus, das ich 1896 durchwandert hatte. Gerade im Süden erhob sich ein kolossaler Gebirgsstock mit ewigen Schnee- und Firnfeldern und kurzen, nach allen Seiten auslaufenden Gletscherzungen — aus der Vogelperspektive mußte er einem Seesterne gleichen. Nach Norden erstreckten sich drei breite, stumpfe Gletscher mit gewaltigen Stirnmoränen aus schwarzem Schutt. Von dem Felsstocke selbst sieht man nur einzelne schwarze und braune Zacken, sonst ist alles kreideweiß, und selbst das Eis ist überschneit.
Es ist sehr angenehm abwärts zu ziehen, wenn man mehrere Tage lang immer höhere Regionen mühsam erklommen hat. Die Tiere gehen leicht, und man hofft, eine Bodensenkung mit Weide zu finden. Wir zogen demnach in gutem Marschtempo das Quertal hinab, welches von dem Passe nach Süden in das Längental hinunterführt. In der Nähe seiner Mündung überraschte Aldat eine junge Orongoantilope, die er mit seiner plumpen, primitiven Vorderladeflinte erlegte. Es war ein schöner Zuschuß zu unserem Fleischvorrat, und unsere drei noch übrigen Schafe durften sich ihres Lebens noch ein paar Tage länger freuen.
Statt nach dem Flusse des Haupttales hinunterzugehen, bogen wir nach Westen ab und lagerten auf einer Halde, wo dünnes Gras wuchs. Da es Aldat auch hier gelang, eine prächtige Orongo zu erlegen, hatten wir für mehrere Tage Proviant. Der Reis ist auf diesen Höhen ein wenig appetitliches Gericht; der Pudding bäckt sich zu einem unschmackhaften Teige zusammen, und wir hatten beschlossen, die letzten Schafe so lange wie irgend möglich am Leben zu lassen. Leider hatte Tscherdon viel zu wenig Patronen mitgenommen und war anfangs viel zu verschwenderisch damit umgegangen. Für die Zukunft waren wir auf die Flinte Aldats angewiesen, dessen Munitionsvorrat glücklicherweise mehr als ausreichend war.
So war es uns denn endlich gelungen, den gewaltigen Wall zu bemeistern, den die Natur wie ein Bollwerk gen Norden aufgerichtet hat, um Tibets Geheimnisse zu schützen und zu umgürten. Schon lange hatten wir die Pfade der halbwilden Yakjäger und der törichten Goldgräber hinter uns zurückgelassen, und eine vollkommene Terra incognita breitete sich vor uns im Süden aus, wo ich nur an ein paar Punkten meinen früheren Weg sowie Wellbys, Rockhills und Bonvalots Routen schneiden würde. Das Wissen des Führers war erschöpft; er betrachtete die unendlichen Einöden, nach denen unser Weg führte, mit fragenden, fremden Blicken. Er konnte mir keine Auskunft mehr geben, woher die Wasserläufe, die wir überschritten, kamen, noch wohin sie gingen; ich bin nun auf mich selbst angewiesen und kann nur das auf der Karte angeben, was ich mit eigenen Augen sehe. Die Karte wird daher ein schmaler Gürtel um die Route, die wir einschlagen, aber es ist mein Plan, mir später durch neue Routen Gelegenheit zu verschaffen, den Bau des Gebirges klarlegen zu können.