Als Angelruten wurden Zeltstangen benutzt, als Köder kleine Stücke Yakfleisch, und eine leere Zündholzschachtel diente in tadelloser Weise als Kork. Die Fische bissen gut an, aber die Ausbeute war doch gering. Nur vier mittelgroße Asmane blieben an unseren Angelhaken hängen. Wir angelten nicht zum Vergnügen, sondern der Nahrung wegen, der Fang reichte jedoch nur gerade zu einer Mahlzeit für uns. Wenn unser Mittagsessen an diesem Abend auch nur dürftig ausfiel, so war es dafür aber wenigstens außergewöhnlich und delikat.

Während ich in Gedanken versunken saß und mich des Sonnenbades und der Ruhe erfreute, flogen die Stunden nur so hin, und es wurde Zeit, nach dem Sammelplatze zu steuern. Im Westen wurde es dunkel, und der Himmel überzog sich bald mit Wolken. Ein Sturm war im Anzug. Wir mußten uns entscheiden, ob wir ihn erst vorüberziehen lassen wollten, was sich nicht verlohnt hätte, da es schon 2 Uhr und die Karawane wahrscheinlich bereits am Vereinigungspunkte angelangt war, oder ob wir uns auf den See hinauswagen sollten; ich zog das letztere vor. Kutschuk brauchte nicht lange zu rudern, so kamen wir in den nordwestlichen Wind hinein, der uns großartig weiterhalf. Im Süden strichen schon blaugraue Wolken mit lang herunterhängenden, nachschleppenden Hagelfransen längs der Berge hin, die allmählich verschwanden, und hinter uns verdichtete sich die Luft auf dieselbe Weise. Der Sturm kam immer näher, der See ging immer höher, und um uns her waren die Wogen mit weißem Schaum bedeckt.

Jetzt schlug die Hagelbö nieder, und die großen Körner prasselten auf das Wasser. Das Innere des Bootes wurde binnen wenigen Minuten kreideweiß. Nach allen Seiten hin war nichts weiter zu sehen als Wasser und Hagelwolken, keine Spur vom Ufer und von den Bergen. Wir mußten der Wellen wegen, die der anschwellende Wind zu bedeutender Höhe aufpeitschte, scharf aufpassen; da sie aber mehrere Male so lang waren wie das Boot, wurden wir gut mit ihnen fertig. Die Jolle wurde wacker nach Südosten getragen, und der Schaum spritzte um den Vordersteven. Unmittelbar südlich von den Felsen hatte die Tiefe 48,67 Meter betragen, die größte von mir in Tibet gemessene, nach dem Südufer zu aber nahm sie schnell ab. Je weiter wir uns von diesen Felsen entfernten, desto mehr waren wir dem Sturme ausgesetzt, und ich fürchtete, daß der See so flach werden würde, daß unser Fahrzeug wie eine Nußschale von der Brandung umhergeworfen werden könnte.

Nachdem der Hagelschauer aufgehört hatte, tobte der Wind noch ärger; aber jetzt konnten wir wenigstens sehen, wo das Land lag ([Abb. 141], [142]). Wir hatten noch nicht den halben Weg zurückgelegt und steuerten nach einer Landspitze hin, hinter der wir im Windschutz sein würden. Die Wellen waren jetzt so hoch, daß wir das Ufer nicht sehen konnten, wenn wir uns in ihren Tälern befanden. Sie sahen unheimlich aus und waren, wenn die Sonne aus den Sturmwolken hervortrat, blank wie Delphinrücken und glänzten bald grün, bald blau, während die Sonnenstrahlen den spritzenden Schaum wie Juwelen funkeln ließen. Der Segeltuchrumpf der Jolle bauchte sich bei dem Stampfen aus; er war so gespannt, daß ein heftiger Seitenstoß ihn hätte sprengen können, und wir mußten das Boot jetzt mit beiden Rudern manövrieren und die Stöße parieren. Doch auch diesmal lief alles glücklich ab. Der Sturm ging vorüber, der Wind legte sich, die Einzelheiten des Ufers ließen sich erkennen, und wir änderten den Kurs, indem wir ihn jetzt gerade auf das Lager richteten. Der Sonnenuntergang war prachtvoll. Die Sonne selbst versteckte sich hinter einer kohlschwarzen Wolke, ihre reflektierten Strahlen aber glänzten wie Quecksilber auf der Oberfläche des Sees.

Wir hatten uns jetzt so weit von Turdu Bais Lager entfernt, daß wir an den Rückzug denken mußten. Nach meinem Besteck konnten wir nicht mehr weit von den Quellen des Jang-tse-kiang sein, und ich hatte den Gedanken an einen Versuch, sie zu finden, noch nicht gänzlich aufgegeben. Daß die drei großen Seen, die wir in dieser Gegend entdeckt hatten, mit ihnen nichts zu schaffen haben, war klar; diese Seen bilden ein abflußloses Becken für sich. Ganz sicher war ich meiner Sache jedoch noch nicht und ich beschloß daher, den 2. September einer Exkursion nach Süden zu opfern. Diese führten uns über wellenförmige Ebenen mit spärlichem Graswuchs und morastigem Boden, und nach einer Wanderung von 27 Kilometer machten wir am Ufer eines Flusses Halt, der sich in den nächsten See, einen südöstlich von den vorhergehenden liegenden kleinen Salztümpel, ergießt.

Weiter konnten wir mit unseren abgetriebenen Pferden und unseren zusammenschmelzenden Vorräten nicht gehen, sondern mußten am folgenden Tage wieder nach Westen ziehen, wobei wir in dem tückischen Boden beinahe steckengeblieben wären. Die Pferde sanken bisweilen 60 Zentimeter tief ein. Ein mächtiger, von den Bergen im Süden kommender Fluß strömte nach Norden, nach dem von uns übersegelten See hin; sein Bett bot uns guten, festen Boden zum Reiten dar.

Diese Gegend ist außerordentlich reich an Wild. Von Orongoantilopen sahen wir ein halbes Dutzend Herden von etwa je 20 Tieren; Yake und Kulane traten einzeln oder in kleinen Gruppen von ein paar Tieren auf; Feldmäuse, Murmeltiere und Hasen gab es überall, und am Seeufer schrien Gänse und Möwen. Die Karawane ritt in zwei Gruppen, zwischen denen eine Lücke von 50 Meter war. Gerade durch diese Lücke jagte Jolldasch drei Kulane, die in schmetterndem Trab vorbeisausten. Kaum war ich mit meinem kleinen photographischen Apparate in Ordnung, so waren sie schon fort. Eine Weile darauf verschwand der Hund, einer Orongoherde auf den Fersen folgend, und als er nach langer Abwesenheit wieder erschien, war er mit Blut befleckt und augenscheinlich übersatt. Es war ihm gewiß gelungen, eine der Antilopen zu erwischen, und er hatte an ihr eine ordentliche Mahlzeit gehalten. Auch Wölfe und Füchse streiften auf den Ebenen, die sich im Süden des Sees ausdehnen, umher.

Es war meine Absicht gewesen, am Tage darauf nach Norden über den See zu rudern, um eine neue Lotungslinie zu erhalten, aber wir erwachten unter höchst ungewöhnlichen Witterungsverhältnissen. Der Himmel war ganz klar, die Sonne schien in all ihrem Glanze, dabei aber wehte ein halber Sturm aus Norden, und die Wogen rauschten gegen das langsam abfallende Ufer. Aus einer Seefahrt konnte demnach nichts werden. Wir ritten daher westwärts weiter, immer am Ufer entlang, das hier so weich ist wie ein großes Moorbad, ein Schlammpfuhl, ein abscheulicher Sumpf, worin man bei jedem Schritt Gefahr läuft zu versinken. Ein seltsames, unwirtliches Land! Sogar die Erde scheint gleich der Luft verdünnt zu sein, ja selbst die Berge sind porös wie Bimsstein. Alles ist in einer Art Auflösungszustand; auf das Wetter ist hier gar kein Verlaß, und es ist lebensgefährlich, sich den Seen anzuvertrauen.

An einigen Stellen trägt der Boden, geht aber in Wogen und schwankt unter dem Gewichte der Pferde. Endlich nimmt der See ein Ende, und sein Wasser ergießt sich durch einen breiten, ziemlich großen Flußarm in den unteren süßen See. Hier hatten sich Hunderte von Wildgänsen niedergelassen, die in kurzen Kreisen ihre neugefiederten Flügel erprobten und sich zu der bevorstehenden Reise nach wärmeren Himmelstrichen vorbereiteten. Ein einsamer Königsadler beobachtete sie.

In der Nähe des Punktes, wo der Fluß in den unteren See mündet, wurde das Lager Nr. 62 aufgeschlagen. Von hier aus konnten wir von dem Hauptquartiere, wo Turdu Bai wartete, nicht mehr als eine Tagereise längs des südlichen Seeufers entfernt sein. Während Mollah Schah und Tscherdon zu Land weiterzogen, fuhr ich mit meinem sicheren Ruderer Kutschuk diagonal über den See. Ich trat die Fahrt im herrlichsten Wetter bei günstigem östlichem Winde an. Der Wind wurde stärker, schlug nach einer Weile aber wieder um. Die gewöhnlichen Vorboten des Sturmes, die schwarzen Wolken, verdunkelten den Himmel im Westen. Sie teilten sich in zwei Abteilungen. Die eine zog über die Berge im Süden hin und ließ eine weiße Schneedecke hinter sich zurück, die andere eilte uns über den See entgegen. Wieder erhoben sich die unruhigen Wellen, denen hier nie Ruhe gegönnt ist. Das Klügste wäre gewesen, mit dem Sturme zu treiben; aber dann hätten wir uns von den Unseren entfernt, die uns vom Nordufer, von welchem sie der breite Sund trennte, nicht hätten abholen können.