Wir beschlossen, mit Aufbietung aller unserer Kräfte gegen Wind und Wellen anzurudern. Schon stampfte das Boot greulich, und ich, der vorn saß, nahm das Spritzwasser jeder hohen Welle in Empfang und war bald klatschnaß ([Abb. 143]). Ein Gußregen tat das Seine, um die Situation noch unbehaglicher zu machen. Wir arbeiteten mit je einem Ruder, daß diese knackten, aber die Wellen warfen uns immer wieder zurück. Das Boot schwebt auf einem Wogenkamme oft zur Hälfte über dem Wasser und plumpst dann in das Tal mit einem Knalle hinunter, der leicht ein Sprengen des schwachen Fahrzeuges verursachen könnte.
Jetzt trat ein neuer, unheilvoller Umschlag in der Windrichtung ein; der Wind sprang mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Süden um, so daß ein neues Wogensystem, welches das bisherige kreuzte, entstand. An den Kreuzungspunkten bilden sich Wellenpyramiden von doppelter Höhe. Es gilt ihnen entgegenzutreten, sie zu parieren und möglichst auf den verhältnismäßig ebenen Wasserflächen zwischen ihnen zu bleiben. Doch ehe man sich besinnen kann, wird die Jolle auf einen Wellenkamm gehoben, und balanciert man dann nicht, so kann man leicht kentern. Lotungen konnten nicht mehr vorgenommen werden. Man darf sich freuen, wenn man von diesem Abenteuer mit dem Leben davonkommt, und wir fragen uns unwillkürlich, ob diese oder die nächste Welle unser Boot umreißen wird.
So arbeiteten wir anderthalb Stunden, ehe sich die Sturmbö und mit ihr auch die Wellen legten. Doch der Himmel sah noch immer unheilverkündend aus. Überall sah man Sturmzentren, die Tromben mit schwarzen, hängenden Wolkendraperien glichen. Das Ufer schien noch immer gleichweit entfernt, als die zweite Bö kam und uns mit Massen von Schnee und Hagelkörnern, die uns gerade ins Gesicht schlugen, überschüttete. Man mußte den Kampf aufnehmen, denn ein unvorsichtiger Augenblick des Erschlaffens konnte bewirken, daß eine Welle die Gelegenheit benutzte und das Boot umkehrte. Den ganzen Tag arbeiten wir wie Galeerensklaven.
Während der Pause, die jetzt eintrat, beeilten wir uns Terrain zu gewinnen, denn der Himmel verfinsterte sich zum dritten Male, und die dritte Sturmbö sauste mit strömendem Regen auf uns los. War das Innere des Bootes vorher kreideweiß von Schnee und Hagel gewesen, so stand jetzt in beiden Hälften Wasser, das mit den Wellen im Takte plätscherte.
Nach achtstündiger angestrengter Arbeit erreichten wir endlich das Ufer; es war ein schönes Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Von einem Hügel sah ich Mollah Schah, der uns an einer Landspitze mit vier Pferden erwartete. Wir steuerten dorthin und hielten zur Messung der Wassermengen in dem Sunde an, den wir vor einer Woche passiert hatten. Die Breite und die Tiefen wurden gemessen, aber nur drei Geschwindigkeiten konnten bestimmt werden, als die vierte Sturmbö kam. Obgleich die Sonne noch über dem Horizont stand, wurde es so dunkel wie bei Nacht, und nur zackige Blitze erhellten das unheimliche Chaos. Nur mit Aufbietung der äußersten Kräfte konnten wir über den 60 Meter breiten Sund hinüberkommen. Es war ein gründlicher Abschiedsgruß des entfliehenden Sturmtages. Wir hatten wirklich genug davon. Segel, Mast, Ruder und Rettungsbojen wurden am Ufer unter das umgekehrte Boot gelegt, ich verteilte die Instrumente unter uns, dann stiegen wir zu Pferd und trabten langsam nach Hause.
Das Reiten war gar zu schön nach all der anstrengenden Ruderarbeit. Jetzt glänzte der Mond zwischen zerrissenen Wolken hervor, und sein Licht vermischte sich in phantastischer Weise mit den zuckenden Blitzen, die einander unaufhörlich ablösten.
Ganz erschöpft kamen wir endlich in unseren kalten Hütten an, wo alles gut stand. Aldat hatte vier Orongoantilopen geschossen; wir hatten daher Proviant für ein paar Wochen. Die Kamele und die abgetriebenen Pferde waren fetter geworden und hatten sich ausruhen können. Doch der Sturm jagte noch immer über die Erde hin, als wir uns in Morpheus’ Arme warfen.
Der 6. September, an dem wir im Hauptquartier verweilten, hatte beinahe den Charakter eines Winterabends. Kein Schimmer war von der Sonne zu sehen, und die Hagelschauer folgten dicht aufeinander. Ich beschäftigte mich mit den Ergebnissen der Exkursion, Tscherdon und Kutschuk gingen auf ziemlich erfolgreichen Fischfang aus, und die anderen präparierten Orongoskelette. Eine der vier Antilopen hatte, schwer verwundet, die Flucht ergriffen und Aldat hatte sie verloren gegeben, Turdu Bai aber verfolgte die Spur und fand das Tier tot an einem Tümpel liegen, bewacht von einem Adler, der schon ein paarmal in die von der Kugel verursachte Wunde gehackt hatte. Er wurde jetzt eine leichte Beute.
Vielleicht erwähne ich in dieser Reisebeschreibung viel zu oft solcher Dinge und Verhältnisse, die dem Leser als reine Bagatellen erscheinen mögen; es geschieht jedoch, um ihm einen Begriff zu geben von dem Leben, das der einsame Wanderer in diesen öden, unbewohnten Gegenden führt. Aneinandergereiht können sie ein vollständiges Bild liefern von dem Verlaufe der Tage durch Monate und Jahre hindurch in dem kleinen Gemeinwesen, das unsere Welt ausmachte. Letztere ist nicht groß und sie lebt unter einförmigen Verhältnissen; dieselben Beschäftigungen kehren regelmäßig mit dem Glockenschlage wieder, und nur das Land, das wir durchwandern, hält mit seinen beständigen Veränderungen das Interesse wach.
Mit der Wahl meiner Diener hatte ich allen Grund zufrieden zu sein. Turdu Bai sorgt mit stoischer Ruhe für die Kamele, als wären es seine eigenen Kinder. Tscherdon ist ordentlich, pünktlich und aufgeweckt und überdies ein sehr komischer Geselle mit seiner eigenen kleinen Philosophie. Mollah Schah pflegt die Pferde tadellos, ist aber ein bißchen wortkarg, brummig und verschlossen. Während des Marsches wird die halbe Pferdekarawane von Kutschuk geführt, der, wenig über zwanzig Jahre alt, ein Riese ist, stets heiter und zufrieden, besonders wenn er auf dem Wasser sein kann, denn seit seiner Kindheit hat er die Ruder geführt. Ohne Aldat wäre unsere Lage jetzt recht besorgniserregend gewesen. Er hat uns mit frischem Fleische versorgt und läuft stets hinter Wildbret her. Sowohl im Lager wie auf dem Marsche mag er am liebsten allein sein, und er redet nur wenig. Nias verrichtet die gröberen Arbeiten, trägt Wasser, wenn wir lagern, sammelt Feuerung, treibt morgens die Tiere ein und hilft beim Beladen.