Am besten haben es die Hunde; sie erhalten frisches Fleisch im Überfluß und haben weiter nichts zu tun, als Wache zu halten; bellen sie einmal des Nachts, so gilt es nur Yaken, Kulanen oder unseren eigenen Tieren. Sie spielen mit dem letzten Schafe, das zu schlachten keiner übers Herz bringen kann; treu zu den Kamelen haltend, weidet es mit ihnen und ruht nachts zwischen ihren wärmenden Leibern.
Das Lager Nr. 43 wurde ein Wendepunkt. Weiter südlich konnten wir nicht gehen, da unsere Vorräte nur für 2½ Monate berechnet und wir schon 1½ Monate unterwegs waren. Reis hatten wir noch genug, aber mit dem Mehl mußte mit der größten Sparsamkeit umgegangen werden. Es war davon zuviel draufgegangen, als wir versuchten, das Kamel, welches starb, zu retten. Der Winter würde nicht lange auf sich warten lassen, und wir mußten daher in einem großen westnordöstlichen Bogen nach dem Hauptlager im Tschimentale eilen.
Ich wollte, bevor wir diesen Teil von Tibet verließen, noch eine der latitudinalen Bergketten, die in einem im Südwesten sich erhebenden gewaltigen Bergmassiv mit ewigem Schnee kulminierte, überschreiten. Im Lager Nr. 44 (4888 Meter) beschlossen wir also, die Karawane zu teilen. Turdu Bai sollte mit dem größeren Teile nach Westsüdwest durch das sich in dieser Richtung öffnende Längental ziehen. Er hatte Befehl, uns auf offenem Lande unmittelbar nordwestlich von dem Bergmassive, um dessen Südseite ich herumgehen wollte, zu erwarten. An dieser Exkursion, deren mutmaßliche Dauer auf vier Tage berechnet war, sollten Tscherdon und Aldat teilnehmen. Wir hatten nur sechs Pferde, die kleinen provisorischen Jurten, Proviant für eine Woche und Feuerung für zwei Tage. Ich würde mich mittelst meines Besteckes und des Kompasses schon zurechtfinden, aber von dem Gesichtspunkte aus, daß sich die Muselmänner verirren konnten, war das Ganze doch etwas abenteuerlich. Indessen mußten die Spuren der einen Gesellschaft doch immer der anderen als Leitschnur dienen, und gab es in der zum Sammelplatze ausersehenen Gegend gar keine Spuren, so sollte die zuerst angelangte Gesellschaft dort warten. Für den Fall aber, daß alle Spuren durch Schnee oder Regen bald verwischt werden würden, sollte Turdu Bai, wenn wir nach einer Woche noch nichts von uns hören ließen, alle Nachforschungen aufgeben und sich nach Norden nach dem großen Hauptquartiere durchzuschlagen suchen. Ihr Proviant reichte im Notfalle aus, und was uns betraf, so würde uns Aldat wohl mit Fleisch versorgen können.
Am 8. September brachen die beiden Abteilungen gleichzeitig aus dem Lager Nr. 44 auf. Nachdem wir den Fluß, der vor einigen Tagen unseren Marsch nach Süden gehemmt hatte, in seinem oberen Laufe überschritten hatten, gingen unsere Wege auseinander. Wir eilten nach Südsüdwesten. Nach einem mehrstündigen schnellen Ritt gelangten wir an eine Hügelreihe, der Quellen entsprangen, die kleine Becken kristallhellen Wassers bildeten und von niedrigem, dichtem, intensiv grünem Grase von der Weichheit eines indischen Rasens umgeben waren. Da nach Süden hin keine Weide zu erblicken war und wir in der Nähe der Quellen reichliche Feuerung fanden, weil Yake und Kulane sie zu besuchen pflegten, blieben wir dort in einer Meereshöhe von 4973 Meter.
Während des Rittes hatten wir Gesellschaft von ein paar großen, ganz hellgelben Wölfen, die uns mit gespannter Aufmerksamkeit beobachteten. Jolldasch, der sie in die Flucht jagen wollte, mußte an die Leine genommen werden; er wäre ihnen ein willkommener Bissen gewesen. Das Wetter war natürlich abscheulich. Es war der achtzehnte Tag mit Schnee- und Hagelsturm aus Westen; die Nacht aber war wie gewöhnlich windstill und sternklar.
154. Unser Lager in Togri-sai am 8. Oktober. ([S. 370.])
155. Die Kamelkarawane. ([S. 372.])