156. Das Illwe-tschimen-Gebirge aus dem Tschimental. ([S. 374.])

157. Obo beim Lager Nr. 71 im untern Togri-sai. ([S. 373.])

Auch am 9. ritten wir bei starkem Wind nach Südwesten. Es geht bergauf und bergab über eine Menge Hügel. Wir nähern uns immer höheren Regionen. Ein aus lauter Moor bestehender Ausläufer mußte umgangen werden, bevor wir wieder nach Westen abschwenkten und das Schneemassiv vor uns hatten. Steifgefroren und abgespannt lagerten wir auf dem letzten Grasplatz.

Als das Lager fertig war, meldete Aldat, daß ein großer Yak in der Nähe weide, und bat, auf die Jagd gehen zu dürfen, was erlaubt wurde. Ich beobachtete ihn, wie er katzengleich in den Bodensenkungen hinschlich, um auf genügende Treffweite an das nichts Böses ahnende Tier heranzukommen. Er hatte dem starken Gegenwinde zu danken, daß er sich dem Yak bis auf 30 Schritt nähern und die Flinte auf die Gabel legen konnte. Der Schuß krachte, und der Yak machte einen Satz, daß der Sand hoch aufwirbelte, lief dann noch ein paar Schritte, blieb stehen, taumelte, versuchte sich im Gleichgewicht zu halten, fiel, stand wieder auf und wiederholte diese Bewegungen mehrere Male, bis er schließlich wie ein Klotz auf die Erde fiel und liegenblieb. Aldat lag noch, unbeweglich wie eine Statue, hinter seiner Flinte, um nicht die Aufmerksamkeit des sterbenden Tieres zu erwecken.

Tscherdon und ich begaben uns nun dorthin. Alle drei bis vier Schritte bleibt man stehen und hat das Gefühl, als müsse man in dieser ungeheuer verdünnten Luft von der Anstrengung sofort einen Herzschlag bekommen. Der gefallene Yak war ein großer fünfzehnjähriger Stier. Die Messer wurden hervorgeholt, der Kopf vom Rumpfe getrennt und die Eingeweide herausgenommen; dann blieb das Tier bis zum nächsten Morgen liegen, da das uns besonders nötige Fett erst dann geholt werden sollte. Betrübten Herzens mußte Aldat das prächtige Fell zurücklassen, das ihm in Tschertschen eine hübsche Summe eingebracht hätte, aber wir hatten nur drei Lastpferde, und ich versprach ihm, seinen Meisterschuß zum vollen Werte zu bezahlen.

Der 10. September war ein harter Tag. Vor Sonnenaufgang trieb Aldat die Pferde ein, die sich bis weit ins Tal hinunter verirrt hatten; dann ging er wieder fort, um das Fett und den Yakkopf in das Lager zu holen. Der Westwind, unser schlimmster Feind, verschlief sich und stellte sich erst um 9 Uhr ein; er entschädigte sich aber für den Zeitverlust, denn so arg hatte er selten getobt. Das Lager lag auch sehr offen und in einer Höhe von 5143 Meter, so daß der Wind in den hohen Regionen freien Spielraum hatte. Im Westen zeigte sich der auf der Südseite des Schneegebirgsstockes liegende Paß, über den wir hinüber sollten. Man bebte zurück vor dieser unheimlichen Schwelle, deren Höhe bedeutend sein mußte. Gefährlich sah der Paß jedoch nicht aus.

Da Aldat noch immer nicht kam, schickte ich Tscherdon aus, um tragen zu helfen. Erst um 11 Uhr kehrten sie zurück. Tscherdon hatte den jungen Jäger krank neben seinem Opfer liegend gefunden, außerstande, seine Arbeit fortzusetzen. Der Kosak half ihm nach dem Lager zurück und brachte einen Teil des Yakfettes mit. Der arme Jäger sah wirklich sehr angegriffen aus und hatte heftiges Kopfweh und Nasenbluten. Er mußte sich ruhig verhalten, während ich und Tscherdon das Zelt abbrachen und unsere Tiere beluden.

Die Erde war bei −6 Grad Kälte gefroren; in der vorhergehenden Nacht hatten wir sogar −10,7 Grad gehabt; dies waren deutliche Anzeichen des Winters. Aldat war so schwach, daß er ohne Hilfe nicht in den Sattel kommen konnte; schließlich aber waren wir mit allem in Ordnung und konnten uns auf den Weg nach dem abscheulichen Passe machen. Rechts von uns defilierten alle bisher aus der Ferne erblickten Schneegipfel vorbei, jetzt aber in unserer unmittelbaren Nähe. Als die Sonne kräftiger wurde, taute der Boden wieder auf, und wir mußten mühsam durch den Schlamm patschen. Stundenlang ging es bergauf; wir glaubten unaufhörlich, den Paß dicht vor uns zu haben, aber immer wieder war er in die Ferne gerückt. Neue Höhen, neue kleine Schwellen erheben sich vor uns; wir überschreiten sie und müssen dann sehen, daß die Aussicht nach Westen schon wieder von einer neuen Höhe verdeckt wird.

Die Pferde sinken in den Schlamm ein. Der lockere Boden ist mit Schieferplatten bedeckt; die armen Tiere gleiten auf ihnen aus, geraten in den Schlamm daneben und verletzen sich die Beine an den scharfen Kanten. Im Schutze eines großen Felsblockes rasten wir eine Viertelstunde, um unsere steifgewordenen Glieder wieder geschmeidig zu machen. Etwa 10–20 Meter nördlich von unserem Wege enden zwei scharfabgeschnittene Gletscherzungen. An ihnen entlang gingen ebenso langsam wie wir zwei Yake. Jolldasch lief hin und bellte sich heiser, aber sie schenkten ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit. Manchmal blieben sie stehen und betrachteten uns, hielten uns aber sichtlich für ungefährlich. Diese großen Tiere bewegten sich auf diesem Moorboden und in dieser dünnen Luft mit beneidenswerter Leichtigkeit und Gewandtheit. Auf dem Passe zeigten die Aneroide eine Höhe von 5426 Meter; man hat dort genau die halbe Höhe der Atmosphäre unter sich!