Das Thermometer stieg an diesem Tage nicht einen halben Grad über Null, und der Wind drang uns durch Mark und Bein; Pelze und Lederwesten nützten gar nichts. Könnte man gehen, so wäre es leicht, die Körperwärme wieder zu erhalten, aber man kann nicht gehen, man hockt auf den vorwärtstaumelnden Pferden und sehnt sich nach einem leidlichen Lagerplatze. Der einzige Trost, den wir hatten, war, daß es wieder bergab ging, nachdem wir den Paß endlich erreicht hatten. In einer Höhe von 5263 Meter, 450 Meter über dem Gipfel des Montblanc, lagerten wir in einem vom Passe nach Südwest führenden Tale. Dort wuchsen einige erbärmliche Grashalme, und wir hatten nur noch eine Handvoll Feuerung. Aldat konnte nicht auf den Beinen stehen; er mußte an der Stelle, wo er vom Pferde heruntersank, bleiben und wurde sofort in Filzdecken eingepackt; wir konnten ihn nicht einmal dazu bewegen, ein wenig heißen Tee zu trinken, und er stöhnte die ganze Nacht.

Am folgenden Morgen erschien im Südwesten ein neues Schneemassiv und in seiner Südostverlängerung ein ganzer Kamm von schneebedeckten Bergen, gewiß die Tang-la-Kette. Von Osten nach Westen erstreckt sich ein Haupttal, in welches alle Flüsse und Bäche der Gegend einmünden. Um nicht alle ihre Täler überschreiten zu müssen, beschlossen wir, in dieses Längental hinunterzugehen. In der Nähe des Bergfußes erhob sich ein kleiner isolierter Hügel, auf dem Tscherdons scharfe Augen einige dunkle Punkte entdeckten, die er für Menschen oder Yake hielt. Wir machten Halt und beobachteten sie mit dem Fernglase. Etwas war es, denn sie bewegten sich, aber der eine Punkt schien unförmlich groß; vielleicht war es eine Yakkuh mit ihren Kälbern.

Angeregt von diesem Anblick schlugen wir die Richtung nach dem Hügel ein. Der arme Aldat befand sich jetzt so schlecht, daß er festgebunden werden mußte, um nicht herunterzufallen. Er redete unzusammenhängende Worte, schien zu phantasieren und bat unaufhörlich, wir sollten ihn zurücklassen. Als wir weiter unten am Abhange waren, konnten wir in den schwarzen Punkten zwei Männer erkennen, die Steine zu einer Pyramide sammelten. Noch ein bißchen weiter und wir sahen, daß die beiden Männer unsere Freunde Turdu Bai und Kutschuk waren, die sich am Abend vorher hierher begeben hatten, um nach uns auszuspähen. Da sie keine Spuren von uns hatten finden können, hatten sie beschlossen, in ihr Lager zurückzukehren, vorher aber noch ein Wahrzeichen für uns zu errichten. Für eine künftige Expedition wird die Pyramide, die über zwei Meter hoch ist, ein gutes Merkmal und ein leicht wiederzuerkennendes Zeichen sein.

Nach einem sehr notwendigen Ruhetage im Lager Nr. 48 (5073 Meter) zogen wir am 13. September nach Westen weiter ([Abb. 144]). Es war nicht unsere Absicht, einen Kranken den Strapazen der Reise auszusetzen, aber unsere knappen Vorräte erlaubten uns nicht, noch länger zu verweilen. Aldat hatte die ganze Nacht phantasiert, gestöhnt und Lieder in persischer Sprache gesungen. Die Behandlung, die ich für geeignet gehalten hatte, wirkte nicht. Er hatte die Herrschaft über seinen Körper und seinen Geist verloren, verfiel sichtlich und starrte mit wirrem Blicke ins Leere. Während des Marsches lag er auf einem Bett, das ihm auf einem Kamel zwischen ein paar Säcken zurechtgemacht worden war. Er hatte ein Kopfkissen, war mit Filzdecken zugedeckt und mußte festgebunden werden, um nicht herunterzugleiten ([Abb. 145]).

In dem Längentale gingen wir über eine niedrige Schwelle (5107 Meter) und folgten dann einem Bett, dessen Boden aus Sand bestand; es war ein vortrefflicher Untergrund, der die Tiere trug. Vor uns ging in aller Gemächlichkeit ein Yakstier, dessen schwarzer Fransenbehang die Erde berührte und der wie ein mit einer Trauerdecke versehenes Turnierroß aussah. Jolldasch lief ihm nach und zupfte ihn an den hinteren Zotteln. Der Yak drehte sich um, richtete den Schwanz in die Höhe und senkte die Hörner zum Angriff, worauf Jolldasch auskniff, um das Spiel nach einer Weile wiederzubeginnen. Eine Herde von 20 Archaris oder wilden Schafen verschwand wie der Wind, als Tscherdon mit Aldats Flinte sie zu beschleichen versuchte.

Das Tal, dem wir gefolgt waren, mündete in eine Ebene, in der wir an dem ersten Süßwassertümpel (4903 Meter) lagerten.

Von nun an wurde meine Jurte sowohl abends wie morgens geheizt. Der Deckel des großen Eisentopfes oder, wenn dieser gebraucht wurde, meine Waschschüssel wurde mit glühenden Kohlen auf einem Bett von Asche in die Jurte gestellt; dies war bei dem ewigen Winde, der über das Hochland hinstrich, wirklich notwendig.

Am 14. September konnten wir infolge des vorteilhaften, wenig kupierten Terrains volle 30 Kilometer zurücklegen. Die Landschaft wird durch zahllose kleine Salztümpel charakterisiert, von denen jeder das Zentrum eines ganz kleinen abflußlosen, sehr oft auch keinen sichtbaren Zufluß erhaltenden Beckens bildet. Wir suchten lange nach süßem Wasser und blieben bei einer kleinen Quelle, die mit spärlichem Graswuchs umgeben war. Das Wetter war zu Anfang des Tages herrlich gewesen, nachmittags aber kamen die gewöhnlichen Stürme, jetzt der Abwechslung halber von Osten. Es hagelte und gewitterte. Gerade als wir lagerten (4890 Meter), begann ein ärgeres Schneetreiben, als wir es je erlebt hatten. Das kurze Gras war bald unter dem Schnee begraben. Auf der Windseite meiner Jurte türmte sich eine ganze Düne von Schnee auf. Es war nicht leicht, um 9 Uhr die gewöhnliche meteorologische Ablesung auszuführen, denn es war so dunkel wie in einem Sacke, und man wurde in kompakte Wolken von wirbelndem Schnee gehüllt. Die Ablesungslaterne ist invalid geworden, denn drei ihrer Glasscheiben sind durch Pappe ersetzt, und die vierte ist in zwanzig Stücke zersprungen, die durch Papierstreifen und Syndetikon zusammengehalten werden. Der Schnee knirscht unter unseren Füßen, und man braucht sich nur ein paar Minuten im Freien aufzuhalten, um einem Schneemanne zu gleichen. Das Zelt der Leute schlägt und knallt im Winde; ich kann daraus entnehmen, wo es steht, denn obwohl es nur ein paar Meter entfernt ist, kann ich es im Schneegestöber nicht sehen. Man kann sich indessen noch freuen, daß man sich bei solchem Wetter unter Dach befindet, während die armen Tiere müde und frierend, die Schwänze gegen den Wind gekehrt, draußen stehen müssen. Es ist unheimlich in einem Lande, das nichts weiter als Wasser bietet, eingeschneit zu werden. Die Aussichten für die Zukunft sind auch nicht gut; all dieser Schnee kann schmelzen und den Boden in einen Schlammpfuhl verwandeln. Schon um 9 Uhr abends war die Temperatur auf −2,1 Grad heruntergegangen, nachdem wir um 1 Uhr +11 Grad gehabt hatten. Wir waren jetzt jedoch so von Schnee umgeben, daß sowohl das Zelt wie die Jurte die Nacht über warm gehalten wurden.

Die Stimmung wurde durch den Zustand des armen Aldat noch gedrückter. Er war von einer schweren Krankheit befallen, auf die ich mich nicht verstand. Er klagte über Schmerzen im Herzen und im Kopfe, und seine Füße waren kalt und hart wie Eis und sahen schwarz aus. Ich rieb sie tüchtig, um das Blut in Umlauf zu bringen, aber ohne Erfolg. Sie waren wie tot, und man konnte mit einer Stecknadel hineinstechen, ohne daß er es fühlte. Dieser Zustand schritt nach und nach immer höher an den Beinen hinauf. Spät am Abend gab ich ihm ein warmes Fußbad, das ihm gut zu bekommen schien. Merkwürdig kam es uns jedoch vor, daß er sozusagen verrückt geworden war. Während der Märsche schwatzte er ununterbrochen und rief seinem Kamele zu, es solle sich legen, und noch eine gute Weile, nachdem er im Zelte in sein Bett gelegt worden war, bat er die andern in der herzbewegendsten Weise, doch das Kamel halten zu lassen. Mollah Schah, der ihn von Tschertschen her kannte, erzählte uns, daß er früher verrückt gewesen, aber von einem gewissen Abdurrahman Chodscha, einem Ischan (Arzt), geheilt worden sei, welch letzterer in das Haus von Aldats Eltern gekommen sei, dort Gebetformeln über diesen gesprochen und ihn mit Koranversen beschriebene Papierzettel habe verschlucken lassen. Es war herzzerreißend, diesen vierundzwanzigjährigen, vor kurzem noch so kräftigen Mann in seinen Fieberphantasien von seinem Vater und seinen Brüdern in Tschertschen sprechen zu hören. Jetzt wurde nachts stets bei ihm Wache gehalten, und wir taten alles, um ihn zu retten. Doch dazu ist nicht viel Aussicht vorhanden, wenn man einen Sterbenden durch eisige Schneestürme und über himmelhohe Berge schleppen muß!

Von Hunger getrieben gingen die Pferde über Nacht auf Grasentdeckungsreisen aus, und es dauerte am Morgen ziemlich lange, bis wir sie wieder alle hatten. Jetzt schien die Sonne warm auf die 30 Zentimeter dicke Schneedecke, die durch ihre glänzend reine Weiße blendete. Der Tag wurde jedoch kalt und rauh, denn ein häßlicher Westwind wehte über die Schneefelder hin. Wenn er gelegentlich aussetzte, war es richtig heiß in der Sonne, aber schon nach ein paar Minuten waren wir wieder mitten im Schneegestöber. Dieses dauert zwar nie lange, und die Sonne tritt bald wieder aus den Wolken hervor, aber der Wind macht kalt. Es ist Winter und Sommer in brüderlicher Vereinigung, ein charakteristisch tibetisches Wetter.