Wir hielten jetzt konsequent nordwestliche Richtung ein und brauchten daher keine mächtigen Bergketten zu überschreiten. Das Land war nach dieser Seite ziemlich offen. Die Temperatur blieb den ganzen Tag unter Null, und der gefrorene Boden trug. Aber der Schnee verbarg die unglaublich dicht nebeneinanderliegenden Murmeltierlöcher, in welche die Pferde oft traten und dann fielen. Unsere Marschregel lautete jetzt: drei Tage Wanderung, den vierten Rast. Der 16. September, ein Sonntag, war solch ein herrlicher Ruhetag mit gutem Wetter (in 4997 Meter Höhe). Tscherdon hatte vorsorglich einige Patronen aufgespart, gab sie nun aber für einen jungen Yak hin, der uns einen großen Sack voll prächtigen Fleisches einbrachte; gut schmeckt es nicht, aber man ist wenig wählerisch, wenn einem nichts anderes geboten wird. Er schoß auch einen jungen Wolf, der es augenscheinlich auf unser letztes Schaf abgesehen hatte. Der Kadaver wurde eine willkommene Speise für einige Raben, die unsere immer müder werdende Karawane seit einigen Tagen begleiteten; vielleicht ahnten sie, daß es nicht mehr lange dauern konnte, bis jemand zurückgelassen werden würde.
Abends bat Aldat, die Nacht im Freien zwischen zwei Kamelen zubringen zu dürfen. Die Muselmänner glauben nämlich, daß die von diesen Tieren ausströmende Körperwärme einen Kranken, dessen Kräfte im Abnehmen begriffen sind, zu heilen und zu stärken vermag. Er wurde gut eingepackt in den Kreis gelegt, und Mollah Schah und Nias leisteten ihm Gesellschaft.
Am 17. September wurde ich frühmorgens durch einen entsetzlichen Lärm im Lager geweckt; die Hunde bellten, daß ihnen der Atem ausging, und die Männer überschrien sich förmlich. Ich guckte hinaus und sah kaum 50 Schritt vom Zelte einen großen Bären forttraben. Aus den Spuren im Schnee erkannten wir, daß er das Lager gründlich besichtigt und eine Runde um meine Jurte gemacht hatte. Als die Hunde anschlugen, hatte er es für gut befunden, den Rückzug anzutreten.
Das Wetter war jetzt gut, aber das Terrain geradezu abscheulich. Die kupierte Landschaft scheint mit kantigen, unangenehmen Tuffstücken in allen Größen bedeckt zu sein. Nicht ein Quadratfuß ist frei davon. Und gibt es eine kleine freie Stelle, so haben Feldmäuse und Murmeltiere sie benutzt, um dort ihre tückischen Höhlen zu graben. Unsere Tiere stolperten unausgesetzt gegen die spitzen Steine, und zwei von den Kamelen verletzten sich die Fußsohlen derartig, daß sie bluteten.
Dann folgte eine Strecke losen Bodens, der am Vormittag an der Oberfläche noch so fest gefroren war, daß die dünne Kruste die schweren Kamele trug. Doch allmählich taut diese obere Schicht auf, und dann gehen wir wie auf schwachem Eise. An einer Stelle waren die fünf Kamele in allerschönster Ruhe eben darüber hinweggeschritten, als das sechste, das letzte, mit beiden Vorderfüßen durchtrat. Es saß im Schlamme fest und sank immer tiefer hinein ([Abb. 146]). Die anderen gingen weiter, der Nasenstrick riß, und das Kamel brüllte vor Schmerz. Wir eilten herbei und nahmen ihm die Last ab. Dabei fiel es auf die Seite; der Boden wurde immer weicher, und schließlich schwamm es im Schlamme wie ein Stück Butter in einer Breischüssel. Wir banden Stricke um seine Beine, um sie nacheinander herauszuziehen, aber was wir auch mit ihm anstellten, es sank immer tiefer ein und hielt sich überdies ebenso regungslos still wie im Wasser. Ich fürchtete schon, daß wir sechs Männer es nicht würden herausholen können. Der Packsattel hatte sich im Schlamme festgesogen und wurde abgeschnallt. Schließlich kam ich auf den Gedanken, unter jedes Bein, das wir herausgezogen hatten, eine Filzdecke zu breiten, und dann wälzten wir es in die Höhe, bis es seine gewöhnliche Liegestellung einnahm. Nachdem es sich so eine Weile ausgeruht hatte, brachten wir es dazu, eine verzweifelte Kraftanstrengung zu machen; es taumelte nach dem festen Boden hin, während ihm der Schmutz klumpenweise von den Beinen und den Seiten fiel. Es war mit einem Schlammpanzer bedeckt, der mit Messern abgeschabt wurde, und stand zitternd da, außer Atem und kollerig.
Darauf erreichten wir ein eigentümliches Tal, das sich nach Ostnordost bis zu einem in 10 Kilometer Entfernung sichtbaren See erstreckte. Nordöstlich von diesem erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, das wir den ganzen Tag auf der rechten Seite gehabt hatten und das entschieden der riesige Gebirgsstock war, dessen Nordseite ich 1896 umwandert und den ich König-Oskar-Gebirge genannt hatte.
Im Talboden stehen tafelförmige, mit 15–20 Meter dicken Tuffbetten bedeckte Terrassen, und der Boden ist dicht mit Tuffblöcken besät.
Am folgenden Tag hatte die Sonne ihre Herrschaft wiedererlangt, und die Stürme schwiegen. Der Rest des letzten Schnees schmolz und verdunstete. Um 1 Uhr stieg die Temperatur bis auf +12 Grad. Es geht auf günstigem Terrain nach Nordwesten. Zur Linken zieht sich eine kleinere Bergkette hin, fern im Nordosten eine mächtigere und zwischen beiden ein Längental von dem gewöhnlichen Aussehen. Vor uns erhebt sich ein gewaltiges Schneemassiv, dessen Firnfelder in der Westsonne wie Silber glänzen, während die hügeligen schwarzen Seiten einem Panzerturme gleichen.
158. Aus dem Hauptquartier in Temirlik. ([S. 379.])