159. Das Hauptquartier bei Temirlik. ([S. 380.])
Auf dem andern Ufer des Baches meine Jurte und die Terrassen mit den Höhlen, im Hintergrund der Akato-tag.

Einunddreißigstes Kapitel.
Aldats Tod.

So zogen wir durch das öde Tibet hin. Zwei Monate waren schon vergangen, ohne daß wir Spuren von Menschen gesehen hatten, und wir fingen an, uns zu den Unseren zurückzusehnen. Aber jeder Tagemarsch, den ich auf meiner Übersichtskarte mit Punkten verzeichnete, zeigte, wie langsam wir uns ihnen näherten und wie viele Tagereisen uns noch blieben. Über 400 Kilometer trennten uns noch von Temirlik.

Wir folgten dem Längentale nach Westen und blieben dadurch auf ein und demselben Niveau. Die Gegend ist außerordentlich wildreich. Schädel und Skeletteile von Yaken zeigen an, daß auch diese zähen Tiere sich der Macht des Todes nicht entziehen können.

Der dritte Marschtag hat seinen besonderen Reiz, denn dann wissen alle, daß wir morgen rasten dürfen. Den 20. September über blieben wir also im Lager Nr. 54 (4917 Meter) ([Abb. 147]). Tscherdon schoß mit Aldats Flinte einen fünfzehnjährigen Yak, der, bevor wir ihn abhäuteten und zerlegten, in mehreren Stellungen photographiert wurde ([Abb. 148], [149], [151]). Am Abend kam Tscherdon mit einer Orongoantilope heim, und nun wurde eine neue muselmännische Kur mit Aldat versucht. Der Kranke wurde entkleidet und in das noch weiche, warme Fell der Antilope gehüllt, das dicht an seinen Körper gedrückt wurde. Ich glaubte nicht recht an die Wirkung, und es tat mir bitterlich weh, daß ich ganz machtlos war und ihm nicht helfen konnte. Die letzten Abende gab ich ihm ein paar Zentigramm Morphium; er konnte sonst nicht einen Augenblick schlafen.

Auf dem Zuge nach dem Lager Nr. 55 hatten wir andauernd gutes Terrain. Ein paar Kilometer vom Ufer eines nicht unbedeutenden Sees, dem alle Bäche des südlichen Gebirges zuströmten, rasteten wir in einer ziemlich gastlichen Gegend. Der Boden war hier von Murmeltieren, deren Höhlen überall ihre gähnenden Eingänge zeigten, derartig zugerichtet, daß er wie wurmstichig aussah. Diese großen, starkgebauten Nagetiere sehen, wenn sie einzeln oder paarweise über dem Höhleneingang in der Sonne sitzen, unbeschreiblich drollig aus. Sobald wir uns nähern, rollen sie wie Billardbälle in ihre Löcher hinein, und sobald sie unsere schweigend und langsam dahinschleichende Karawane erblicken, lassen sie durchdringende, gellende Pfiffe ertönen, die von allen Seiten widerhallen. Die Karawane wird in diesem sonst so friedlichen Lande förmlich ausgepfiffen.

Ein alter Invalide, der taub gewesen sein oder sich von seiner sicheren Höhle zu weit entfernt haben muß, mußte diese Unvorsichtigkeit mit dem Verluste seiner Freiheit büßen. Er lag auf einem Abhange in der Sonne und sah prächtig aus, er hatte sogar Ähnlichkeit mit einem Menschen oder wenigstens mit einem Affen. Jolldasch flog wie ein Pfeil hin und störte das Murmeltier in seinem friedlichen Schlafe, und während es sich verteidigte, kamen die Männer, banden es und legten es unversehrt auf ein Kamel. Wir beabsichtigten, es zu zähmen; es lebte zwei Monate, blieb aber die ganze Zeit gleich wild. Sobald man sich ihm näherte, setzte es sich auf die Hinterbeine und war bereit, mit seinen messerscharfen Vorderzähnen, in denen es eine achtunggebietende Kraft besitzt, sofort zuzubeißen. Es biß große Späne aus den Stöcken, die man ihm hinhielt. Ein Biß von seinen Zähnen soll gefährlich sein und die Wunde sehr schwer heilen. In seine Höhle kehrte es nie wieder zurück, und es gewöhnte sich bald daran, auf dem Kamelrücken zu schaukeln.

Wo Murmeltiere, Dawagan werden sie von den Muselmännern genannt, vorkommen, kann man beinahe sicher sein, auch Bären anzutreffen. Der tibetische Bär lebt zum größten Teile von diesen Nagetieren, die er mit Haut und Haar, Knochengerüst und allem auffrißt. Er belauert sie nicht, wie Jolldasch es tat, sondern überzeugt sich nur, wenn er auf Besuch nach der Höhle kommt, ob die Herrschaften zu Hause sind. Mit seinen starken Tatzen gräbt er die Erde an den Seiten des Ganges auf und erwischt schließlich sein Opfer. Er macht sich auf diese Weise noch tüchtig Bewegung vor dem Mittagessen. Ein gewaltiger Erdwall verrät schon von weitem, daß ein Bär dagewesen ist und Haussuchung abgehalten hat.

Kleinere Herden von Kulanen kreisten auf diesem breiten Talboden. Sechs Kulane begleiteten uns in nächster Nähe wohl eine halbe Stunde weit. Sie sind außerordentlich hübsch anzusehen ([Abb. 150]); ihre schlanken Formen besitzen vollendete natürliche Schönheit; sie laufen im Halbkreise, einen Winkel von 45 Grad mit dem Erdboden bildend, und bleiben plötzlich ein wenig vor und neben uns in einer Reihe stehen. Ihre Bewegungen sind so regelmäßig und so sicher, als trügen sie unsichtbare Kosaken auf dem Rücken.