Während dieses Tagemarsches hatte Aldat zu Pferde sitzen können, obwohl gut festgebunden und beaufsichtigt. Wir hofften alle auf Besserung, aber abends wurde es wieder schlechter mit ihm. Jeden Atemzug begleitete ein stöhnender Laut, und er atmete 58 mal in der Minute, was selbst in einer Höhe von 4838 Meter abnorm ist. Seine Temperatur war merkwürdig niedrig; von den Herzschlägen war nichts zu vernehmen, wie angestrengt man auch horchte, und ebenso schwach war der Puls. Sein Bewußtsein umnachtete sich. Er sprach davon, fortgehen und Yake schießen zu wollen. Obwohl es gegen die Marschordnung verstieß, blieben wir seinetwegen einen Tag liegen. Die Leute wollten indessen gern weiter, denn mit unseren Vorräten war es schlecht bestellt; das Brot mußte in ein paar Tagen zu Ende sein, und Pulver war nur noch für ein Dutzend Schüsse vorhanden.
Da der Zustand des Kranken auch am Morgen des 23. September so gut wie unverändert war, obgleich er jetzt nur 24mal in der Minute atmete, beschlossen wir aufzubrechen. Daß er nicht mehr lange leiden würde, war klar, aber wir konnten nicht länger warten. Er wurde zwischen zwei Feuerungssäcke auf ein Kamel gebettet und erhielt eine weiche Unterlage von Filzdecken. Die Beine wurden in Filzmatten eingepackt, und unter den Kopf wurde ihm ein zusammengerollter Pelz geschoben. Über das Ganze wurden Stricke gebunden; er lag so bequem wie in einem Bett.
Gerade als das Kamel sich zum Aufbruch erheben sollte, hörte Aldat auf, zu atmen. Seine gebrochenen Augen, schöne, graue afghanische Augen, schienen in der Ferne ein Land zu suchen, wohin unsere Blicke nicht reichen. Er, der früher mit leichten, schnellen Schritten in den Spuren der Yake über die Berge geeilt war, hatte den Strapazen erliegen müssen und ein Leben beendet, das an Freuden so arm gewesen war.
„Getti“ (er ist fortgegangen), sagten die Muselmänner und standen schweigend um dieses seltsame Totenlager herum. Turdu Bai aber betrachtete die Lage von der praktischen Seite und fragte mich, was wir mit der Leiche machen sollten. Ich wollte ihn nicht sofort begraben, und alle waren sichtlich zufrieden, als ich „Marsch“ kommandierte. Das Kamel hatte ihn schon so manchen Tag getragen, und er war eine leichte Last. Ich hatte den Leuten versprochen, daß wir Temirlik in 18 Tagen erreichen würden, wenn wir 6 Rasttage machten und täglich 24 Kilometer zurücklegten. Sie zählten daher die Kilometer mit steigendem Interesse und waren eifrig darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren.
So brachen wir denn auf und näherten uns dem Seeufer. Unsere Karawane hatte sich in einen Leichenzug verwandelt, der durch Tibets wüste Täler einen Kameraden zu Grabe trug. Keiner sprach; eine stille, feierliche Stimmung herrschte. Kulane und Yake weideten ungestört neben unserem Wege, und die schwarzen Totenraben folgten uns in weiten Kreisen.
Nun erreichten wir das Ufer, wo der Boden hart und vorzüglich zum Gehen war.
Der See nahm ein Ende, und wir zogen nach Nordwesten über eine langsam ansteigende kupierte Ebene, die von Furchen mit gefährlichem Schlammboden durchschnitten war ([Abb. 152]). In einer solchen fanden wir ein kleines Holzstück, das zu einem mongolischen Packsattel gehört hatte. Es war mürbe wie Rinde und stammte vielleicht von einer mongolischen Pilgergesellschaft, die sich aus den nördlicheren Tälern hierher verirrt hatte, oder auch von Hauptmann Wellbys und Leutnant Malcolms unglücklicher Karawane, deren Weg wir gerade heute gekreuzt haben mußten.
Während die anderen im Lager ihre gewöhnliche Arbeit verrichteten, gruben Mollah Schah und Nias ein Grab für Aldat. Ein Pelz wurde unter, ein zweiter über die Leiche gelegt, und so wurde er in dieser feuchten, heimtückischen Erde zur ewigen Ruhe bestattet.
Es war von allen Beerdigungen, bei denen ich zugegen gewesen bin, die einfachste; keine Zeremonien, keine Tränen, keine anderen Gebete, als die, welche ich stumm für die Seelenruhe des Toten in einer anderen, besseren Welt zum Himmel emporsandte. Das Grab wurde zugeschüttet und ein länglicher Hügel darüber aufgeworfen. Am Kopfende wurde eine Holzlatte eingerammt, an deren Spitze wir eine von Aldats eigenen Jagdtrophäen, einen Yakschwanz, als „Tugh“ festbanden, wie es die muhammedanische Sitte verlangt. Auf ein kleines Holzstück schnitt ich mit arabischen und lateinischen Buchstaben den Namen des Toten, das Datum und meinen eigenen Namen ein, für den Fall, daß das Schicksal jemand hierherführte, bevor alle Spuren des Grabes vertilgt sein würden.
Die Flinte des Toten, seinen noch nicht ausbezahlten Lohn und den Wert seiner Kleidung und seines Pelzes hatte ich später Gelegenheit, seinem Bruder, den wir im Tschimentale trafen, eigenhändig zu übergeben. Sein alter Vater besuchte mich ein Jahr später in Tscharchlik. Es war mir eine Beruhigung, daß die Mutter tot war und ihr der Kummer, einen so guten, prächtigen Sohn zu verlieren, erspart geblieben war.