Am 24. September wurde die Karawane außergewöhnlich früh fertig; meine Begleiter wollten gewiß möglichst schnell von diesem traurigen Friedhofe fortkommen. Die Muselmänner sprachen ein Dua (Gebet) am Hügel, dann wurde der arme Aldat in der großen Einsamkeit allein gelassen; keine anderen Pilger als die Tiere der Wildnis würden künftig nach seinem Grabe wallfahrten. Der schwarze Yakschwanz flatterte im Winde, wurde aber, als wir fortzogen, bald von den Hügeln bedeckt.

Wir mußten jetzt lange nach Norden ziehen und steuerten zuerst auf ein in der nördlichen Bergkette gähnendes Taltor los. Es war nicht leicht, dorthin zu gelangen. Der Boden besteht aus losem rotem Sand und wird von einer Menge 30–50 Meter tiefer Schluchten durchfurcht, nach deren Moorgrunde es steil hinuntergeht und in denen man leicht mit Mann und Maus ertrinken könnte, wenn nicht einer der Leute zuvor zu Fuß versuchte, ob der Moorboden trägt.

Der folgende Tagemarsch führte uns über mehrere parallele kleine Ketten. Als wir sie endlich überschritten und die Freude hatten, im Norden offenes, flaches Land, ein breites Längental, zu sehen, war dort keine Spur von Vegetation zu erblicken. Obgleich wir eine gute Tagereise hinter uns hatten, setzten wir daher unseren Weg quer über das Tal fort. Wir ritten stundenlang, ehe wir einige Grashalme und einen Süßwassertümpel fanden. Wir waren offenbar in ein vegetationsloses Gebiet gekommen und würden uns jetzt mit jedem Tage in immer unfruchtbarer werdenden Gegenden befinden.

Die verdünnte Luft dieses Hochlandes, das 5000 Meter über dem Meere liegt, tat mir nichts; ich hatte mich an sie gewöhnt, und auch meine Leute hielten sich tapfer. Vermeidet man alle Anstrengungen, so kann man die Luftverdünnung sicherlich ziemlich lange ertragen.

Je mehr wir uns in den folgenden Tagen dem Arka-tag näherten, desto wüster wurde das Land. Am 27. September suchten wir vergebens nach einem Grashalm; keine Spur von Pflanzen- oder Tierleben war zu erblicken. Es ging bergauf und bergab, über Berge und Täler, die jetzt stets durchquert wurden. Kaum ist man nach einem Flusse hinuntergelangt, so muß man sich schon wieder an der anderen Seite hinaufarbeiten, und obgleich diese Höhenunterschiede nur 100 Meter betragen, so werden sie doch durch die unaufhörliche Wiederholung mörderisch. Nach vielen zeitraubenden Bogen und Rasten erreichten wir endlich den Hauptpaß dieser neuen Bergkette (5203 Meter). Unmittelbar nördlich davon erhob sich ein einzelner Bergrücken, der auf der östlichen oder auf der westlichen Seite umgangen werden mußte. Ich entschied mich für die letztere und ritt der Karawane weit voraus. Als es dunkelte, mußte ich jedoch Halt machen und die anderen erwarten. Sie kamen todmüde in kleinen Partien an und hatten einen Schimmel aus Jangi-köll in hoffnungslosem Zustand zurückgelassen.

Nach dem Abendessen inspizierte ich mit der Laterne, wie gewöhnlich, besonders nach schwereren Tagereisen, das Lager (5111 Meter) und die Tiere. Sowohl die Kamele wie die Pferde waren geknebelt, damit sie nicht auf die Suche nach Weide gingen. Die Leute schliefen, müde von den Strapazen des Tages. Ich selbst wollte gerade einschlafen, als der Türvorhang der Jurte von einem heftigen Windstoß in die Höhe gerissen wurde und feiner Schnee hereinwirbelte.

Am nächsten Morgen waren wir wieder von Winterlandschaft umgeben ([Abb. 153]). Doch die Wolken verzogen sich bald; es wurde ruhig, und die Sonne glühte mit intensiver Kraft.

Unsere Straße ging jetzt nach Nordwesten ein schmales, von roten Felsen, Sandstein und Schiefer eingefaßtes Tal hinab, das in ein Längental ausmündete. Solange wir uns in dem engen Durchgange befanden, dessen Bach über Nacht zu Eis gefroren war, hatten wir Schutz vor dem Winde, sobald wir aber die Hügel hinter uns hatten, fuhr der Wind, der sich eben erhoben hatte und bald zu einem vollständigen Orkan aus Westen anschwoll, über die Karawane her. Man muß die Knie ordentlich andrücken, um nicht aus dem Sattel geworfen zu werden. Pferde, Reiter und Kamele beugen sich nach der Windseite hinüber und liegen auf dem Winde; die ganze Karawane sieht schief aus, alle leichten Gegenstände, die Pferdeschwänze und die Kleider der Leute stehen auf der Windseite wie Flaggen ab. Die Atmung wird erschwert, man erstickt beinahe. Die Kamele schwanken in ihrem wiegenden Gange. Das erste beste Weideland sollte das Signal zur Rast geben, denn lange kann man in solch einem Winde nicht gehen; wer es nicht selbst erprobt hat, kann sich keinen Begriff davon machen.

Am Südufer des Sees lagerten wir an einem kleinen Bache.

Bei der veränderlichen Temperatur und dem ewigen Witterungswechsel wird die Haut empfindlich. Besonders Nase und Ohren sind übel daran und blättern unaufhörlich ab. Die Nägel werden spröde wie Glas und springen ein, und beständig hat man Schmerzen in den Fingerspitzen.