Mehrere Pferde waren jetzt kränklich, und Mais hatten wir nur noch für zwei Tage. Daher wurde der Reisvorrat hervorgesucht; alles, was wir davon entbehren konnten, sollte den Tieren gegeben werden. Unser kleinster Maulesel wäre uns in diesem Lager Nr. 61 (4907 Meter) beinahe gestorben, wurde aber von Tscherdon, der ihn auf burjatische Weise behandelte, gerettet. Das Tier schwoll unförmlich auf und krümmte sich am Boden. Nachdem der Kosak durch Befühlen eine passende Stelle ausgesucht hatte, nahm er einen Pfriemen und rannte ihn dem Tiere mit einem kräftigen Stoße bis an den Stiel in den Leib. Da strömte Gas heraus, aber kein Tropfen Blut. Dann wurde der Maulesel gezwungen, aufzustehen. Ein Strick wurde um sein Hinterteil geschlungen. Ein Mann zog ihn vorwärts, und ein zweiter prügelte ihn mit einer Holzlatte. Jedesmal, wenn er hinten ausschlug, zogen zwei Männer an dem Stricke, so daß der Esel von rechts nach links gerissen wurde. Über die Methode selbst mag man sagen, was man will, aber diese echte Pferdekur hat dem Tiere geholfen. Es wurde gesund, war mit auf dem Ritte nach Lhasa, zog mit durch ganz Tibet nach Ladak, ging über den Kara-korum nach Kaschgar und befand sich ausgezeichnet, als ich Ende Mai 1902 in letzterer Stadt von ihm Abschied nahm.
Nach einem Rasttage zogen wir uns an dem kalten letzten Tage des September recht warm an, um die Verschanzungen des Arka-tag zu erstürmen. Wir folgten dem Ostufer des Sees und gingen nach Norden, wo sich ein vorteilhafter Paß zeigte. Dann aber zwang uns eine Bucht, die der See nach Osten ausschickt und in die sich ein Fluß ergießt, zu einem bedeutenden Umwege.
Bald gelangten wir an ein Erosionstal, das uns einen guten Weg nach den Höhen bot. Ich ritt mit Tscherdon und Mollah Schah voraus nach dem Passe hinauf. Von der Südseite, auf der wir uns befanden, war der Paß leicht zu ersteigen, und wir erreichten bald seine Schwelle; auf der Nordseite aber, wo die Schichtköpfe zutage treten, fiel er sehr steil ab.
Gerade auf diesem Kamme, der fast die ganze Erdrinde überragt und wie ein Schwungbrett in den Weltenraum hinauszeigt, tobte der Schneesturm mit solcher Wut, daß man das Gefühl hatte, verloren zu sein. Ich hatte kaum die Kraft, die nötigen Beobachtungen auszuführen. Die Hände werden steif und ganz gefühllos. Die Höhe betrug 5203 Meter. Da die Karawane auf sich warten ließ, gingen die beiden Männer wieder zurück. Ich kehrte dem Sturme den Rücken zu und kauerte mich nach Möglichkeit zusammen. Nach dem Abgrunde im Norden zu ist jetzt nichts weiter zu sehen als wirbelnde Schneewolken, ein kochender Schneekessel; es heult und stöhnt auf allen Seiten, es pfeift, wenn der Wind sich über den scharfen Paßkamm wälzt.
Nun ertönten die Kamelglocken ganz in der Nähe. Die Tiere zogen wie Schatten an mir vorüber, ihre Tritte waren nicht zu hören. Turdu Bai ging vornübergebeugt, den einen Arm zum Schutze erhoben, als arbeite er sich durch ein Dickicht hindurch. Jetzt galt es, auf der Nordseite des Passes hinunterzusteigen; es war, als sollte man sich auf gut Glück in einen unbekannten Abgrund stürzen, dessen Boden nicht zu sehen ist.
Um bei der Hand zu sein, sobald die Kamele der Hilfe und Stütze bedurften, gingen alle zu Fuß. Kutschuk geht voran und untersucht den Weg. Er nimmt die Wand in unzähligen Zickzacklinien. Wir müssen alle zehn Schritte stehenbleiben, damit uns nicht das Gesicht erfriert. Wir gleiten und rutschen auf dem Schnee hinunter. Ein Kamel gleitet aus und fällt, rollt noch ein halbes Mal herum, aber bleibt in so vorteilhafter Stellung liegen, daß es aufstehen kann, ohne erst abgeladen werden zu müssen.
Jetzt war der Tag zu Ende, und es wurde dunkel; aber wir gingen trotzdem weiter, bis wir den steilen Abhang hinter uns hatten. In finsterer Nacht lagerten wir auf einer Halde (4977 Meter), wo es keinen Grashalm gab; Feuerung hatten wir auch nicht, nur Wasser in Gestalt von Schnee und Eis, davon aber im Überfluß.
Als die Sonne am 1. Oktober aufging, konnten wir sehen, wie sich die Gegend, in der wir in der Dunkelheit Halt gemacht hatten, ausnahm. Vollständiger Winter umgab uns auf allen Seiten, und dabei schneite es noch immerfort. Die Tiere waren steifbeinig und hungrig; daher rasteten wir schon nach wenigen Kilometern auf einer Halde mit leidlichem Graswuchse (4899 Meter). Mit wehem Herzen gab ich Befehl, das letzte Schaf zu schlachten; es kam mir wie ein Mord vor.
Am 2. Oktober zogen wir 30 Kilometer nordwärts bergab. Noch eine Tagereise half uns dieses freundliche, langsam abfallende Tal weiter. Die Luft war klar geworden, und wir sahen das Tschimengebirge in einer Entfernung von gewiß 100 Kilometer vor uns liegen. Doch bevor wir aufbrachen, war schon wieder der Westwind im Gange, um uns auf unseren elenden Kleppern vor Kälte erstarren zu lassen.
Das Tal erweitert sich, und wir sehen im Norden den See Atschik-köll. Wir hätten bleiben sollen, wo der Bach, dem wir bisher gefolgt waren, endete, aber wir hofften, den See bald zu erreichen und dort Quellen zu finden. Die armen Tiere waren ganz erschöpft. Das Pferd, auf dem ich nach Andere geritten war, blieb mit Nias zurück, und ein zweiter Schimmel wurde mit Kutschuk als Pfleger zurückgelassen. Sie sollten uns langsam nachkommen. Wir ritten nach Norden weiter, es dämmerte und wurde dunkel, aber der Mond erhellte mit seinem bleichen Lichte die kalte Einöde. Wasser war nicht zu sehen, und der See blieb eine ziemliche Strecke östlich von unserem Wege liegen. Frierend ging Turdu Bai zu Fuß voraus. Wir waren seelenfroh, als er endlich stehenblieb und uns zurief, wir hätten einen sich in den See ergießenden Fluß erreicht. 37½ Kilometer täglich war ungefähr das meiste, was die Tiere nunmehr aushalten konnten. Die kranken Pferde erreichten wirklich noch dieses Lager Nr. 65 (4251 Meter), aber erst gegen Mittag und nachdem sie die Nacht in einiger Entfernung vom Lager zugebracht hatten. Sie wurden dann aufs beste gepflegt und mit Reis traktiert.