160. Tscherdon und Schagdur mit ihrer Beute. ([S. 382.])
Rechts der Schneider Ali Ahun.
161. Die Packpferde am Ufer des Ajag-kum-köll. ([S. 384.])
Ein eigentümlicher, kalter, feuchter Nebel lag am 6. Oktober über dem Seebecken, und durch seinen Schleier zeichnete sich die nördliche Bergkette matt und schwach, aber doch malerisch ab. Sie schien leicht auf die Leinwand des Himmels hingeworfen zu sein, und zu oberst leuchtete der Schnee halbklar hindurch. Infolge der gedämpften Nuancen schien die Kette noch mindestens eine Tagereise entfernt zu liegen.
Die Karawane ist im Sterben, und im Begräbnistempo schreiten wir die langsame Steigung hinan. Kulane und besonders Orongoantilopen kommen zu Hunderten vor. Jolldasch erbeutete eine der letzteren, die er über die Nase biß und sie dann festhielt, bis Tscherdon hinzukam und sie erstach; dadurch erhielten wir eine sehr notwendige Verstärkung unseres Proviantes.
Die Steigung nimmt zu; wir überschreiten zahllose Schluchten und Pässe; oft müssen wir eine Weile rasten, um die Tiere Atem schöpfen zu lassen. Bald wird gemeldet, daß ein Pferd nicht weiterkann. Kaum ist es erstochen worden, als sich schon ein zweites hinlegt, um nicht wieder aufzustehen. Ehe wir diesen abscheulichen Paß erreichten, der für eine ausgeruhte Karawane eine Bagatelle gewesen wäre, waren noch zwei Pferde verlorengegangen, unter ihnen mein treuer Wüstenschimmel, der mich nach Tschertschen und Altimisch-bulak getragen hatte.
Die Aussicht vom Passe war ebenfalls nicht erfreulich. Auf beiden Seiten hatten wir kleine Gletscherzungen und im Norden ein Gewirr von Bergen. Merkwürdigerweise bekamen wir die Kamele hinüber, worauf wir in einer Kluft lagerten, in der jedoch weder von Gras noch von Brennmaterial die geringste Spur zu finden war.
Soviel Reis, wie nur irgendwie entbehrt werden konnte, wurde an die letzten Pferde verteilt, die angebunden und mit Filzdecken zugedeckt wurden. Am Morgen lag eines von ihnen tot in der Reihe mit vorgestrecktem Halse, starren Augen und schon steif gefroren. Keiner hatte gemerkt, wann und wie seine Qual zu Ende gewesen war, und die noch vorhandenen Pferde schenkten ihm keine Aufmerksamkeit. Sie waren zu erschöpft und ermattet, um Teilnahme zu zeigen; sie schienen sich nur nach Ruhe zu sehnen, und sie starben ohne einen Seufzer, ohne einen Klagelaut, während es mich unsagbar schmerzte, ihren Untergang auf meinem Gewissen zu haben.
Bewundernswert in ihrer Resignation lagen die Kamele wie gewöhnlich regungslos in derselben Stellung, in der wir sie am Abend vorher verlassen hatten. Sie waren mit Reif bepudert und blickten sehnsüchtig nach dem Tale hin, dem wir dann nach Nordosten folgten. Sehr lange konnten wir es nicht mehr aushalten. Die Tagemärsche wurden immer kürzer, und die Kräfte der Tiere waren bis aufs äußerste erschöpft.