Die Nacht auf den 8. Oktober war ruhig, kalt und klar, und die Minimaltemperatur sank bis auf −18,3 Grad. Eiskalte Luft strömte durch das Tal herunter; es war der gewöhnliche Nachtwind, der wie Wasser in seinem Bett strömt. Schon um 8 Uhr hatte er aufgehört zu wehen, und wenn kein Sturm losbricht, kehrt er im Laufe des Tages um. Diesem scharfausgeprägten Tale folgten wir nach Nordosten. Eine frische Karawane könnte von hier in vier Tagen nach Temirlik gelangen, mit uns aber ging es langsamer. Nur sechs kleine Stücke Brot waren noch da, und Reis hatten wir für drei oder vier Tage. Es hatte den Anschein, als würden wir während der letzten Strecke hungern müssen. Es wäre schön gewesen, wenn wir hätten Brennmaterial finden können, aber diese Gegend wird nicht von Yaken besucht.
In pfeifendem Schneegestöber zogen wir durch dieses Tal, das sich bald zu einem Hohlwege zusammendrängt, dessen Boden mit ganzen Mauern und Stapeln von herabgestürzten, teilweise rundgeschliffenen Blöcken bedeckt ist. Es ist ein außerordentlich energisch in den Granit eingesägtes Durchbruchstal, und die Landschaft trägt die gewöhnlichen wilden, felsigen, malerischen und launenhaften Charakterzüge des Granits. Ich saß buchstäblich festgeschneit auf meinem stolpernden Pferde, die meisten der Leute aber mußten zu Fuße gehen, da ihre Reittiere gefallen waren. Unaufhörlich kreuzten wir den Fluß, um möglichst auf den ebeneren Erosionsterrassen bleiben zu können. Oft trägt das Eis des Flusses sogar die schweren Kamele und muß dann mit Sand bestreut werden; da aber, wo es nicht trägt, wird es vorher mit Steinen und Stangen zertrümmert. Manchmal brechen die Tiere ein und fallen. Die alten Kamele bewährten sich auf diesem schwierigen Terrain vorzüglich, trotzdem sie nun auch noch die Lasten der toten Pferde tragen mußten.
Das Tal trägt den Namen Togri-sai (das gerade Tal) ([Abb. 154]) und ist den Goldgräbern aus Tschertschen und Kerija wohlbekannt; hier gibt es nämlich ein Goldfeld, das wir auf dem heutigen Marsche passierten. Vor ungefähr einem Monat sollten die letzten Goldgräber abgezogen sein; jetzt gab es im Tale keine frischen Spuren von menschlichen Besuchern mehr. Wir hatten ungefähr die Hälfte unseres Weges zurückgelegt, als wir die drei ersten, aus Granitstücken erbauten Hütten passierten. In der Nähe sahen wir eine Menge Gruben in den Schuttbetten, umgeben von Sand- und Schuttwällen, welche die Goldgräber aufgeworfen hatten. Selten sind diese Gruben mehr als 2½ Meter tief. Man kann sie zu mehreren Hunderten zählen; die meisten sind längst verlassen, einige aber scheinen während des letzten Sommers bearbeitet worden zu sein. Die Hütten sind sehr provisorisch, viereckig mit 2–3 Meter langen Seiten; die Mauern sind von Blöcken ohne das geringste Bindemittel aufgetürmt, und das Dach besteht im besten Falle aus grober Leinwand oder einer Filzdecke, unter die eine Stange gelegt wird. Hier und dort laufen in diesem asiatischen Klondike Gänge und Zäune zwischen den Schutthaufen hin, und an einigen Gruben waren Zeichen aufgerichtet, z. B. ein Antilopenschädel oder eine Kulanhaut auf einer Stange, wodurch das Besitzrecht angezeigt wird. Manchmal hat der Besitzer sein Gebiet noch besonders mit einer niedrigen Mauer von Granitstücken eingefriedigt.
Einige Hütten besaßen sehr einfache Öfen zum Brotbacken. Die Goldgräber bringen einen Vorrat von Mehl mit, leben im übrigen aber von Yak-, Kulan- und Antilopenfleisch, das ihnen von den Jägern, die um des Verdienstes willen in dieser Wildnis mit ihnen kampieren, für eine geringe Summe überlassen wird. Die Vorräte werden auf Eseln hierher befördert, die für die Zeit von zwei Monaten, während welcher in den Gruben gearbeitet wird, in die tiefer gelegenen Täler, wo es Weideland gibt, hinuntergeschickt werden. Nur in zweien der Hütten fanden wir einiges Hausgerät, ein paar plumpe Harken, um den Schutt von den goldhaltigen Gesteinarten zu entfernen, eine Bahre, ein paar Dachfirststangen und einen Trog zum Backen oder Goldwaschen. Wir machten uns kein Gewissen daraus, dieses vortreffliche Holz, das uns mehrere Tage ein prächtiges Feuer liefern sollte, mit Beschlag zu belegen.
Eines der Kamele verfiel sichtlich und wurde zurückgelassen, sollte aber am folgenden Morgen in das Lager geholt werden. Bei kaltem Wetter mit Schneegestöber und −3 Grad zogen wir außerordentlich langsam abwärts. Erst um 11 Uhr lagerten wir in 4515 Meter Höhe nach diesem anstrengenden, aber interessanten Tage; eben war der Mond wieder aus der Nacht der Schneewolken hervorgetreten.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Ein trügerisches Feuer.
Das Kamel starb während der Nacht und war schon steif gefroren, als Turdu Bai es aufsuchte. Es wurde der Preis, den die Götter des Togri-sai-Tals für den Brennholzraub forderten. Jetzt blieb uns gerade noch die Hälfte der ursprünglichen Zahl der Karawanentiere, 6 Kamele, 3 Pferde und 1 Maulesel. Da auch diese Tiere sich in jämmerlicher Verfassung befanden, mußten alle Mann zu Fuß gehen.
Es ist lehrreich, die Kamele zu beobachten ([Abb. 155]). Sie sind prächtige Tiere, stets ruhig und geduldig in ihrem harten, ermüdenden Dienste, und es ist ein Vorbild für den Menschen, einen solchen Riesen ohne einen traurigen Blick in seinem erlöschenden Auge, ohne einen Klagelaut über den Verlust eines Lebens, dessen einzige Befriedigung mit frischen, sättigenden Weideplätzen verknüpft gewesen ist, zusammenbrechen zu sehen. Das Tier machte seinen Tagemarsch, solange es noch konnte; es ging mit schwankenden Füßen, aber hocherhobenem Kopfe, es suchte nicht mehr nach Gras zwischen diesen unfruchtbaren Granitfelsen; würdig und majestätisch blieb es bis an die Stelle, wo sein Gebein im Tale bleichen wird. Als es nicht mehr imstande war, noch einen Schritt weiter zu tun, als die Schatten des Todes sein Bewußtsein umflorten, nahm es einen letzten Abschied von dem entfliehenden Tage und legte sich so bequem nieder, wie das Schuttbett es erlaubte. Den anfeuernden Schlägen setzte es stolze Verachtung entgegen; einige Peitschenhiebe mehr oder weniger bedeuteten für das Tier nichts mehr, das jetzt im Begriffe stand, das irdische Leben für immer zu verlassen.
Das Tal erweitert sich immer mehr. Nach Weide suchen nützte nichts, und die Tiere konnten nicht weit gehen. Wir mußten Halt machen, um sie ruhen zu lassen, und die letzten Packsättel wurden ihres Strohpolsters beraubt.
Langsam, müden Schrittes wanderten wir am 10. Oktober nach Nordnordost in demselben Tale weiter. Auch ich ging zu Fuß, um das mir noch zur Verfügung stehende Pferd zu schonen. Der Fluß ist nach den −18,8 Grad in der Nacht fest zugefroren. Ich ging nach der rechten Talseite hinüber, um das Gestein zu untersuchen, und fand dort durch reinen Zufall einige sehr interessante Zeichnungen. Sie sind auf von Wind und Wetter blankgeschliffenen, dunkelbraun gewordenen Flächen von sonst hellgrünem Schiefer angebracht, und dadurch, daß sie mit einem spitzen Werkzeug durch die äußerste Rindenschicht hindurch eingehauen sind, treten sie deutlich in hellen Linien auf dunkelm Grunde hervor. Ihr Alter muß bedeutend sein, denn einige Teile der Bilder sind verwischt.