Die dargestellten Szenen sind alle dem Leben eines Jägers entnommen. Dieser Jäger ist ein vielseitiger Mensch gewesen. Er hat Yake, Kulane, Orongoantilopen und Wölfe im Gebirge, Enten, Gänse und Tiger am Lop-nor gejagt. Besonders beachtenswert ist der Umstand, daß alle fünf abgebildeten Schützen sich des Bogens bedienen. Die Felsenzeichnungen rühren also von einem Meister her, dem Feuerwaffen noch unbekannt waren, denn sonst hätte er die Flinte auf ihrer Stützgabel abgebildet. Die langen Pfeile haben nach vorn gerichtete Widerhaken und gleichen dem Dreizacke Neptuns.
Obgleich nur mit ein paar Konturlinien ausgeführt, sind die verschiedenen Tiere charakteristisch und leicht erkennbar gezeichnet. Die Schützen sind in verschiedenen Positionen dargestellt, bald stehend, bald kriechend, bald liegend; derjenige, welcher seinen Pfeil gegen den Tiger richtet, hat es für das Sicherste gehalten, im Sattel sitzenzubleiben. Die drei Felsplattenflächen, denen der Meister seine Kunstwerke anvertraut hat, sind 1½ und 1 Meter hoch und die Bilder ungefähr 3 Dezimeter lang. Gewiß stammen sie aus der Zeit, als Mongolen am Lop-nor wohnten und wahrscheinlich einen Teil des Sommers im Gebirge zubrachten.
Eine kräftige Stütze für die Richtigkeit dieser Annahme erhielt ich an dem Punkte, wo wir am linken Ufer des Flusses auf ziemlich gutem Weidelande lagerten (4067 Meter). Hier fanden wir einen mongolischen Obo, einen zusammengetragenen Steinhaufen mit Schieferscheiben, in welche alle „Om mani padme hum“ (O das Kleinod im Lotos, Amen), das Fundamentaldogma des Lamaismus, in tibetischen Buchstaben eingehauen war ([Abb. 157]).
Wegen dieser Menschenspur war uns die Stelle sympathisch, und wir hielten uns noch einen Tag bei dem Obo auf. Dieser Tag brachte eine große, erfreuliche Veränderung in unserer Lage hervor. Tscherdon hatte dicht beim Lager mit Aldats letztem Schusse einen jungen Kulan erlegt, als Mollah Schah atemlos zu mir gelaufen kam und mir sagte, er habe fern im Osten zwei Jäger zu Pferd gesehen. Er wurde sofort beauftragt, ihnen nachzusetzen und sie um jeden Preis ins Lager zu bringen. Sie kamen und waren anfangs ein wenig scheu, wurden aber bald zutraulich. Drei Monate hatten sie im Gebirge zugebracht und die Goldgräber mit Kulanfleisch versehen. In Temirlik waren sie nicht gewesen; wir schwebten also noch immer in Unkenntnis über unser Hauptquartier.
Durch diese unerwartete Berührung mit Menschen nach 84tägiger Isolierung hob sich die Stimmung. Ich kaufte sofort ihre beiden Pferde, die, mit den unseren verglichen, wie englisches Vollblut aussahen. Ein kleiner Sack Weizenmehl kam uns ebenfalls vortrefflich zupasse. Was uns aber am meisten interessierte, war die abends am Lagerfeuer geführte Unterhaltung. Mollah Schah hatte sich schon erboten, zu Fuß nach Temirlik zu gehen und eine Entsatzkarawane aufzubieten, doch das war jetzt nicht mehr nötig. Togdasin, so hieß der eine Jäger, kannte die Gebirgspfade genauer und sollte auf seinem eigenen, eben an mich verkauften Pferde nach dem Hauptquartier reiten und eine Entsatzkarawane holen. Er sollte in zwei Tagen dort sein und Islam Bai den Auftrag bringen, uns mit 15 Pferden und Proviant bis an die Quellen von Supa-alik, zwei Tagereisen westlich von Temirlik im Tschimentale, entgegenzukommen.
Um 11 Uhr in der Nacht sprengte Togdasin fort. Er nahm ein paar leere Konservenbüchsen mit, um seine Legitimation als mein Kurier zu bekräftigen und Islam begreiflich zu machen, daß er mir neue Büchsen von derselben Art mitzubringen habe. Togdasins ganzer Proviant bestand aus einem kleinen Stück Kulanfleisch. Ich beneidete ihn nicht um seine nächtliche Reise; die letzte Nacht hatten wir −20,2 Grad gehabt; es war ihm aber eine ansehnliche Vergütung versprochen, wenn er seinen Auftrag gut ausführen würde. Er konnte sich natürlich mit dem Pferd aus dem Staube machen, aber ich vertraute ihm, obwohl er uns fremd war, und er vertraute uns.
Die beiden folgenden Tagemärsche führten uns aus dem Togri-sai hinaus eine gute Strecke ostwärts im Tschimentale. Der Piaslik, die mächtige Bergkette, die sich auf der Südseite des Tales erhebt und die Fortsetzung des Tschimen-tag bildet, sandte eine ganze Reihe wilder, felsiger Kulissen nach Norden in das Tal hinein. Am 14. Oktober brachen wir in ungewöhnlich heiterer Stimmung auf, die dadurch, daß fast alle zu Fuß gehen mußten, nicht herabgedrückt wurde. Nach unseren Berechnungen mußten wir am Abend mit der Rettungsexpedition zusammentreffen.
Im Norden erhebt sich der Illwe-tschimen mit seinen schneebedeckten Gipfeln ([Abb. 156]); über alle die zahllosen, jetzt trockenen Schluchten, die seine Abhänge durchfurchen, mußten wir hinüber, und sie machten uns viel Mühe. Mollah Schah verbürgte sich dafür, daß wir die Quellen von Supa-alik, wo wir Islam am Abend treffen sollten, noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden, aber er wußte in der Gegend offenbar nicht Bescheid, und der zweite Jäger hatte uns nur zwei Tagereisen weit begleitet und war dann wieder umgekehrt.
Es wurde dunkel, es wurde pechfinster, ohne daß wir einen Schimmer von den Quellen erblickten. Wir verloren den Pfad, dem wir bisher gefolgt waren. Hier und dort wuchsen Jappkakbüsche, Gras aber fehlte. Dank dem festen Boden hielten jedoch die Tiere diese lange Wanderung aus. Nachdem wir, müde und schläfrig, anderthalb Stunden in rabenschwarzer Nacht marschiert waren, blieben Mollah Schah und Nias, die vorangingen, stehen und signalisierten ein Feuer in der Ferne. Dieser Anblick elektrisierte uns alle, und wir beschleunigten unsere Schritte. War das Feuer klein, so konnte es in der Nähe brennen, war es aber groß, so würden wir es über Nacht nicht mehr erreichen. Jedenfalls war es klar, daß der Kurier in Temirlik gewesen war und daß Islam sofort mit der Hilfsexpedition aufgebrochen, spornstreichs hierher geritten und vielleicht gerade angekommen war, Feuer zum Abendessen angezündet hatte und bis zum Ausgange des Mondes zu rasten beabsichtigte, um uns dann noch weiter entgegenzugehen. Er mußte sich sagen, daß unsere Lage, da wir uns so verspäteten, kritisch sein konnte und daß wir, von allem entblößt, schneller Hilfe bedurften. Jetzt endlich fühlten wir uns wirklich erleichtert; es war uns, als hätten wir das Ende unserer Mühen und Entbehrungen gerade vor uns und brauchten uns nur wenig anzustrengen, um es zu erreichen. In später Nachtstunde würden wir dieses gleich einem Leuchtturme freundlich lockende und leitende Feuer erreichen, wir würden bald um seine Glut herumsitzen und uns mit den Unsrigen unterhalten, würden erfahren, wie es ihnen gegangen, und von unseren Abenteuern erzählen, während eine prächtige, heißersehnte Mahlzeit für unsere ausgehungerten Mägen zubereitet würde.
In schwarzer Nacht gingen wir gerade auf das Feuer zu, das bisweilen verschwand, jedoch bald wieder aufloderte. Wir hatten einen Lotsen, der uns vor allen gefährlichen Schluchten warnte. Ich hielt mich an dem Boote, das von einem Kamel getragen wurde, und ging immer nach der anderen Seite hinüber, wenn mir die Hand zu erfrieren begann; dann hielt ich mich mit der anderen, bis auch diese alles Gefühl verloren hatte und die erste inzwischen wieder warm geworden war.