Bei Schäschkak, wo wir lagerten, hatte das Ufer eine Höhe von 2,3 Meter. Wir mußten eine kleine Treppe in seine Wand graben, um eine bequeme Verbindung zwischen der Fähre und dem Lande zu haben. Hier wohnen vier Hirtenfamilien, die 200 Schafe, sowie Ziegen und Kühe besitzen. Sie sind auch Ackerbauer und bauen Mais und Weizen bei den Hütten; die Felder bewässert ein gegrabener Kanal. Daß selbst diese schmalen Bewässerungskanäle den Fluß brandschatzen, versteht sich von selbst. Die Hirten mußten uns alles, was sie über den Fluß wußten, mitteilen und erzählten uns auch, daß ihre Waldgegend Hirschen, Antilopen, Wildschweinen, Wölfen, Füchsen, Luchsen, Hasen und Fasanen als Aufenthaltsort diene; Tiger gebe es dagegen hier nicht.
Bei diesem Lager betrug die Breite des Flusses nur 42,6 Meter und die Wassermenge 67,16 Kubikmeter, was ein bedenkliches Fallen in einem Tage verriet. An den jetzt herannahenden Herbst denkend, begann ich zu fürchten, daß wir noch nicht bis ans Ende des Flusses gelangt sein würden, wenn uns der Winter in seine Eisbande schlüge, und es kam sehr darauf an, in Zukunft möglichst viel aus jedem Tage zu machen. Die Hirten sagten, es sei beinahe zwei Monate her, daß das Wasser seinen höchsten Stand gehabt habe, und der Fluß friere in dieser Gegend nun wohl in 75 bis 80 Tagen zu. Das Eis bleibe 2½ bis 3 Monate liegen und im Frühling könne man an mehreren Stellen zu Fuß durch das Bett waten.
Als ich am folgenden Morgen erwachte, sah der Himmel unheilverkündend aus. Die Nacht war die kälteste gewesen, die wir bisher gehabt (+2,9 Grad), und die Luft war mit den Vorboten des Herbstes beladen, die das Gelbwerden des Laubes verursachen. Es lag wie eine Dämmerung über der Erde. Doch dies waren weder Wolken noch Nebel, sondern feiner Flugsand, der von einem Sarik-buran (gelber Sturm) über den Boden hingeführt wurde, von welchem Sturme man aber an Bord nichts merkte, weil die Fähre im Windschutz unter der Uferwand lag. Die Landschaft sah düster aus, und die Tamarisken und Schilfdickichte der Ufer verschwanden schon auf eine Entfernung von nur 200 Meter im Nebel. Die Fährleute glaubten mit Recht, daß es schwer sein würde, bei diesem Winde zu treiben, und wir beschlossen abzuwarten, wie das Wetter sich gestalten würde.
Jetzt und später oft benutzte ich die unfreiwillige Ruhe zum Segeln mit der englischen Jolle, die jedoch für diesen Sport eigentlich nicht bestimmt war, da sie weder Kiel noch Steuer hatte. Sie konnte also nur bei günstigem Wind benutzt werden; ein im Achter festgebundenes Ruder diente als Steuer. Bei dem starken Winde flog sie fast wie eine Ente über das Wasser, und das Wasser zischte förmlich um den Vordersteven. Ich segelte flußaufwärts und hielt mich außerhalb der Strömung; die Ufer eilten an mir vorüber, ich wurde wie über große, offene Seen zwischen den niedrigen Schlamminseln hingetragen, das Wasser kochte um das Boot herum, und der Wald verschwand im Windstaube. Nach mehrstündiger, herrlicher Fahrt meinte ich, es sei nun Zeit, umzukehren. Ich nahm Mast und Segel ab und suchte die Strömung auf, um mich von ihr heimtreiben zu lassen. Dies ging jedoch nicht so leicht, wie ich gehofft; der Wind war so heftig, daß die Oberströmung gehemmt wurde und daher äußerst langsam war. Doch auch hiergegen gab es guten Rat; nur einen Fuß unter der Oberfläche war die Strömung ebenso stark wie gewöhnlich, und als ich die Ruder so festband, daß die Blätter vertikal ins Wasser herabhingen, trieb das Boot mit der Schnelligkeit der Unterströmung flußabwärts.
An einer Stelle, wo ich zu landen beabsichtigte, war der Boden außerordentlich tückisch; er gab nach, und ich versank bis zu den Hüften und wäre noch tiefer eingesunken, wenn ich mich nicht rechtzeitig am Bootrande festgehalten hätte. Endlich tauchte das weiße Zelt der Fähre aus dem Staubnebel auf, und ich legte an ihrer Seite an. Um schnell zur Hand zu sein, wenn sie gebraucht würde, lag die Jolle stets am Achter angebunden im Schlepptau der Fähre. Man konnte mit ihr jeden Augenblick an Land gehen, ohne mit der großen Fähre anlegen zu müssen. Islam Bai pflegte sich in ihr ans Ufer rudern zu lassen, wo er dann stundenlang den Wald durchwanderte und oft mit Fasanen und Wildenten zurückkehrte. Für ihn war die Flußreise recht einförmig, und er ergötzte sich daher oft an kleinen Jagdausflügen.
Am 21. September war das Wetter andauernd herbstlich und so unfreundlich und kalt, daß man die Winterkleider hervorholen mußte. Der Himmel war so finster und staubtrübe, als wäre er mit Regenwolken bedeckt. Es war, wie gewöhnlich, der östliche Wind, der den Staub mitführte; der Westwind ist stets klar und rein. Den ganzen Tag hielt der Ostwind an. Der Karawane war er sicher willkommen, uns aber war er es nicht, denn er wirkte sehr nachteilig auf den Gang der Fähre ein: hatten wir ihn mit uns, so ging es zu schnell, und hatten wir ihn entgegen, zu langsam, und sobald sich der Fluß schlängelt, hat man den Wind von allen möglichen Seiten. Die stauberfüllte Luft beschränkt den Umfang der Aussicht. Wo der Fluß für eine Weile gerade ist, verschwindet seine breite Wasserfläche wie in weiter Ferne, und man kann nicht, wie bei klarem Wetter, von den dunkeln, waldigen Landspitzen darauf schließen, nach welcher Seite die nächste Kurve abbiegt.
In gewaltigen Krümmungen ging es weiter den Tarim hinunter. In einer scharfen Biegung unterhalb von Scheitlik, wo der Fluß nach Süden umschwenkt, wurden 6 Meter Tiefe gemessen, und die Strömung war trostlos langsam. Hätte ich nicht die Karte vor mir gehabt, so hätte ich aus dem Flusse gar nicht mehr klug werden können, denn er fließt nach allen Himmelsrichtungen. Im großen ganzen geht er nach Nordosten, doch nicht selten treiben wir eine Weile nach Südwesten.
Dowlet leistet mir treu Gesellschaft, Jolldasch aber bleibt unter Deck. Er hat Schläge bekommen, weil er einen unverschämten Besuch bei der Proviantniederlage gemacht hat, und schämt sich jetzt. Wenn sich aber Männer und Herden und besonders Hunde an den Ufern zeigen, kommt er wie ein Pfeil hervorgeschossen, um Dowlet vom Vorderdecke aus bellen zu helfen. Mir machten die Gesellschaft der Hunde und auch ihre Streiche an Bord großes Vergnügen; sie hatten sich vollständig an unsere Art zu reisen gewöhnt und streiften wie kleine Hausgeister umher. Wenn ihnen die Ufer verdächtig erschienen, standen sie ganz vorn auf dem Vorderdeck und verübten entsetzlichen Lärm, und sobald wir uns für die Nacht lagerten, warteten sie nicht, bis die Landebrücke, eine Planke, ausgelegt worden, sondern sprangen an Land, um einander spielend im Walde zu jagen. Beim Abendessen leisteten sie mir Gesellschaft und schliefen stets im Zelte.
Das Wasser war jetzt so kalt, daß die Männer nicht unnötigerweise hineinsprangen. In ruhigen Krümmungen (Bulung) und im Walde waren die Mücken schrecklich lästig und zudringlich. Es ist eine Art kleiner grauer Mücken, die man nicht eher sieht, als bis sie einem zu Leibe gehen und stechen; sobald es aber ein bißchen weht, sind sie fort. So hat selbst die Windstille ihre Schattenseiten.
Am Ufer sahen wir eine große Schar Männer mit ihren Pferden; sie waren abgestiegen und schienen uns zu erwarten. Es stellte sich heraus, daß es der Bek von Aksak-maral war, der sich auf dem Wege nach Merket befand und die Gelegenheit benutzte, einen Dastarchan aufzutischen, den wir uns aus Höflichkeit gefallen lassen mußten.