Auch an diesem Abend wurde der Fluß gemessen. Wir machen gewöhnlich etwas vor Sonnenuntergang Halt, damit wir fertig werden, ehe die Dämmerung in Dunkelheit übergeht, und der Lagerplatz wird stets so gewählt, daß alles Wasser in einem schmalen Bette von großem Gefälle, an dessen Ufer es Brennholz gibt, vereinigt ist.
Zur Messung ist das kleine Boot mit seinen Rudern nötig, ferner der Anker mit seinem Tau, eine lange Stange, Strommesser, Bandmaß, Uhr und Notizbuch; Islam oder einer der Fährleute helfen dabei. Die Breite wird direkt mit dem 50 Meter langen Bandmaße gemessen; ist der Fluß breiter, so wird in den Grund eine Stange als Merkzeichen gestoßen. Nachher wird auf einer Reihe von in gerader Linie liegenden Punkten die Tiefe gemessen, und an denselben Punkten in zwei oder mehreren verschiedenen Tiefen die Geschwindigkeit des Wassers festgestellt. Beim Lager von Att-pangtsa betrug die Wassermenge 59,1 Kubikmeter in der Sekunde. Der Fluß nimmt also immerzu ab, was jedoch für das Auge nicht sichtbar ist; jeder Teil des Bettes enthält ungefähr ebensoviel Wasser wie bisher, aber die Geschwindigkeit nimmt ab.
Am Morgen des 22. September flog eine Anzahl Gänse in wohlgeordneter Phalanx nach Südwesten; wahrscheinlich ist Indien ihr Ziel. Am rechten Ufer geht vom Flusse ein schmaler Kanalarm ab, der eine in der Nähe liegende Mühle treibt. Er zeigt das eigentümliche Verhältnis, daß das Land hier niedriger ist als die Oberfläche des Flusses, selbst bei dessen gegenwärtig niedrigem Wasserstande.
Zwischen den Bäumen des linken Ufers erblickten wir einige Wanderer; sie schienen auf uns zu warten. Bald erkannten wir Sirkin, Nias Hadschi und den On-baschi von Ala-aigir. Sie wurden aufgefordert, uns nach diesem Orte, wo die Karawane seit ein paar Tagen der Ruhe pflegte, zu begleiten. Da sie an Wasserreisen nicht gewöhnt waren, machte ihnen die Abwechslung viel Vergnügen.
Der Tograkwald war bedeutend größer als bisher, und manchmal glitten wir unter schattigen Gewölben so still und feierlich wie eine Prozession hin. Der Wald stand am üppigsten auf dem konkaven Ufer der scharfen Krümmungen, wo das Wasser sich das ganze Jahr hindurch den Wurzeln nähert.
Als wir vor Ala-aigir vorbeifuhren, mußten unsere Männer wieder an Land gesetzt werden; nun erst waren wir endgültig von der Karawane abgeschnitten. Sie erhielten Auftrag, Parpi Bai, meinen alten treuen Diener von meiner ersten Reise durch Asien, der jetzt in Kutschar wohnte, nach Karaul zu schicken, um dort unsere Ankunft zu erwarten.
In der Togluk (Verdämmung) genannten Gegend blieben wir die Nacht. Sobald ich den Lagerplatz ausgewählt und „Halt“ gerufen habe, stößt Palta seine lange Stange in den Grund, stemmt den Fuß gegen einen Querbalken und zwingt mit seiner ganzen Schwere das Achter der Fähre, sich in einem Bogen nach dem Ufer hinzudrehen, wo einer der Leute mit dem Tau in der Hand an Land springt.
In einer scharfen Biegung gerieten wir in den Wirbel der Gegenströmung und hatten alle Mühe wieder herauszukommen; die 5 Meter langen Stangen erreichen nicht den Grund, und der Wirbel versucht uns festzuhalten. Es bleibt uns kein anderer Ausweg, als mit einem Tau an Land zu rudern und dann die Fähre so weit zurückschleppen, bis sie wieder in der Strömung ist.
Darauf erreichen wir den Punkt, wo sich der Fluß in zwei Arme teilt. Der linke, kleinere heißt Kona-darja; durch ihn strömt Wasser nach Maral-baschi; der rechte, Jangi-darja, ist das Hauptbett des Flusses und soll sich erst vor vier Jahren gebildet haben. Aksak-maral gerade gegenüber vereinigen sich beide Betten wieder. Der Jarkent-darja hat also auch hier einen Schritt nach rechts getan, und wir sollten bald finden, daß das Flußbett immer veränderlicher wurde, je weiter wir flußabwärts kamen. Diese Veränderlichkeit erreicht ihr Maximum im Lopgebiete, wo das Flußbett periodenweise wie ein Pendel hin und her schwankt, was mit Veranlassung zu der wechselnden Lage des Lop-nor gibt.
Gleich unterhalb des Hauptarmes, der auch Kötteklik heißt, weil an seinen Sandbänken Treibholz und Stücke von verdorrten Pappeln in großer Menge hängengeblieben sind, rasteten wir eine Weile. Die Fährleute erklärten, wir seien einer gefährlichen Stelle, von der wir in der letzten Zeit viel reden gehört, ganz nahe. Schon in Lailik hatte man uns gesagt, daß im Kötteklik ein etwa 10 Meter hoher Wasserfall sei; jetzt schrumpfte er freilich auf einen Meter zusammen, wir würden aber doch, um glücklich hinüberzukommen, 30–40 Mann zur Hilfe brauchen. Die einzig mögliche Art weiterzukommen sei, das ganze Gepäck an Land zu bringen und die Fähre über den Fall zu ziehen. Der On-baschi von Ala-aigir wurde daher beauftragt, etwa 20 Mann aufzutreiben und sich am nächsten Morgen in aller Frühe mit ihnen einzustellen.