Der ruhige, klare Tag war noch nicht weit vorgeschritten, und ich beschloß daher, mit der Fähre bis an den Wasserfall zu gehen, um die Stelle genauer in Augenschein zu nehmen. Wir glitten flußabwärts, zwischen Holmen von Treibholz hindurch, wo die Strömung stark und der Durchgang oft so eng war, daß die Fähre nur eben hindurchkam. Einen großen Teil des Weges mußten die Männer, im Wasser gehend, die Fähre schleppen, damit sie sich nicht festklemmte, und dennoch fuhr sie nicht selten an einem gesunkenen Pappelstamme fest. Blieb sie mit irgendeinem Punkte des Vorderteiles hängen, so drehte sie sich ganz herum. Es veranlaßte allgemeine Heiterkeit und eifriges Rufen, wenn die vordersten Männer ganz unvermutet in tiefes Wasser gerieten und ein gründliches Bad nahmen, ehe sie den Rand der Fähre ergreifen und über die Reling klettern konnten.
So erreichten wir eine Stelle, wo das Wasser mit beunruhigendem Getöse brauste und rauschte. Die Männer erklärten, dies sei der erste Katarakt (Scha-kurun). Er sah sehr unschuldig aus, und seine Schwelle war nicht höher als 10 Zentimeter. Die Fähre glitt leicht hinüber, ohne sich im mindesten auf die Seite zu legen. Zwei folgende Fälle waren ebenso unbedeutend. Einer hatte freilich tiefes Wasser, aber ein paar Meter weiter unten war er wieder sehr seicht, weil das Wasser den Boden unter dem Wasserfalle aushöhlt und dann gleich wieder ablagert.
Nachdem wir über diese „gefährliche“ Stelle hinweg waren, nahm der Fluß sein altes Aussehen wieder an, war jetzt aber schmal und tief. Die Fähre hatte die ganze Zeit über vortreffliche Fahrt. In einer scharfen Krümmung ging es so schnell und das Schiff steuerte so energisch dem konkaven Ufer zu, daß wir es nicht aufhalten konnten, sondern gegen das Ufer prallten und sofort stehenblieben. Meine obere Tischkiste wäre über Bord geschleudert worden, wenn Palta sie nicht noch rechtzeitig festgehalten hätte.
Als wir bei einer einsamen Pappel in der Gegend von Kötteklik-ajagi lagerten, langte unser On-baschi mit 20 Reitern an. Sie waren ganz verdutzt, daß wir ohne ihre Hilfe über die Fälle gekommen, und mußten nun wieder nach Hause zurückkehren.
Der Bek von Aksak-maral kam auf Besuch und wurde, da er in der Gegend gut Bescheid wußte, eingeladen, uns ein paar Tage zu begleiten. Unsere Art zu reisen interessierte ihn außerordentlich, er glaubte jedoch, daß es während der Hochwasserperiode mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre, die Flußreise zu machen. Man hätte dann keine Stangen finden können, die bis auf den Grund reichten, und die Fähre wäre steuerlos mit der heftigen Strömung getrieben und in den Biegungen mit solcher Wucht angeprallt, daß die Kisten vom Deck herabgeglitten wären. Ein anderer Nachteil während einer früheren Jahreszeit wäre die Hitze gewesen, und vor allem die Mücken, die noch im Herbst sehr lästig waren. Wir hatten also die günstigste Jahreszeit gewählt.
Der Jangi-darja oder Kötteklik-Arm hatte bloß noch 36,9 Kubikmeter Wasser in der Sekunde; 22,7 Kubikmeter, die durch den Kona-darja nach Maral-baschi gehen, hatten wir verloren. Sollte es uns gelingen, mit der Fähre weiterzukommen, wenn sich der Fluß noch einmal teilte?
Fünftes Kapitel.
Der verzauberte Wald.
Am 24. September machten wir eine lange, interessante Fahrt auf einem neugebildeten Arme des Jarkent-darja. Wir brachen früh auf, nachdem wir Abschied von Kasim-on-baschi genommen hatten, der jetzt nach Lailik zurückkehrte und einen Teil des Lohnes der übrigen Leute mitnehmen mußte. Diese Vorschüsse sollten an die Familien oder Eltern der Männer abgeliefert werden.
Schon am Anfang ist der Fluß sehr tief und schmal, kaum 20 Meter breit, und die Breite verringert sich später noch mehr. Nun führte uns das Wasser in einen schwierigen, ungemütlich schmalen Durchgang, der mit Treibholz überfüllt war. Oft war der fahrbare Kanal so eng, daß die Fähre beide Seiten streifte und mit größter Behutsamkeit manövriert werden mußte, um ihr Anprallen zu verhüten, was bei der hier herrschenden starken Strömung, die sehr oft schäumende Strudel bildete, hätte kritisch werden können. Auf jeder Ecke stand ein Mann mit einer langen Stange und hielt das Schiff von den Gestrüpphaufen ab, und Kasim diente mit der kleinen Fähre als Lotse. Die Jolle hatten wir an Bord, da sonst ein verräterisch lauerndes Treibholzstück ihr dünnes, sprödes Segeltuchgewebe hätte zerfetzen können. Am schlimmsten war es, wenn wir im schnellen Fahren zwischen zwei Treibholzhaufen sitzenblieben, ohne daß wir die Katastrophe verhindern konnten. Da mußten wieder alle Mann ins Wasser und schieben, brechen und beim gemeinschaftlichen Anfassen singen und das vor uns liegende Fahrwasser untersuchen.
Der Strom war zu einem unbedeutenden Flüßchen zusammengeschrumpft, und es war Gefahr vorhanden, daß es uns nicht gelingen würde, alle Hindernisse zu besiegen, die unserer sicher noch warteten, ehe wir den Aksu-darja und den eigentlichen Tarim erreichten. An einigen Stellen teilt sich der Fluß um wirkliche, bewachsene Inseln, und man zerbricht sich den Kopf, ob einer der Arme trägt oder ob wir steckenbleiben und die Fähre werden zurückschleppen müssen.