In einer Kurve mit gewaltiger Strömung wurde die Fähre dicht an das rechte Ufer getrieben, wo ein paar Meter davon im Flusse eine absterbende Pappel stand und dem Brodeln des Wassers um ihren Stamm herum lauschte. Wir wurden sie zu spät gewahr, und die Leute konnten das Schiff nicht rechtzeitig abbringen; es rieb sich knirschend an dem Stamme entlang, und die mächtigen Zweige hätten beinahe das Zelt heruntergefegt, begnügten sich aber damit, nur ein Stück davon abzureißen. Das meteorologische Häuschen schwebte einen Augenblick in der größten Gefahr, doch gelang es mir noch, es zu retten.
Endlich mündet von links das breite, jetzt trockene Bett des Kona-darja ein, der von Maral-baschi kommt, aber nur im Hochsommer Wasser führt.
Ist es windstill, so kann man an dem Muster und der Zeichnung der Wasserringel sehen, wo die Strömung geht; doch wenn es wie heute weht, so verschwindet diese wegweisende Zeichnung unter der leichten Kräuselung der kleinen Wellen. Man fühlt sich ordentlich erleichtert, wenn die Wassermasse des Flusses in einer einzigen Biegung strömt, man ungehindert und ohne Anstrengung auf tiefem Wasser an der Jar(Ufer)wand entlang gleitet und von Ufer und Wald geschützt wird.
Im großen betrachtet geht der Jarkent-darja hier nach Nordosten, bisweilen richtet sich sein Lauf aber nach Norden, Ostnordost oder sogar nach Ostsüdost. Diese Strecken bilden die phantastische krumme Linie von Biegungen und Windungen; in diesen Krümmungen schlängelt sich noch dazu die Strömung von einem Ufer zum anderen, und alle diese Verhältnisse tragen dazu bei, unseren Weg zu verlängern.
Heute war keine Spur von Menschen oder Vieh an den Ufern zu sehen. Ein Adler und einige Raben waren die einzigen Geschöpfe, die Leben in die feierliche Stille des Waldes brachten. Dagegen sah man im Ufersande frische Spuren von Wildschweinen und Rehen, die zum Trinken an den Fluß gekommen waren. Die Hunde kamen heute auf die revolutionäre Idee, ohne weiteres ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen. Sie folgten dann aber der Fähre, indem sie treu am Ufer nebenherliefen und gelegentlich Wildschweine oder andere Bewohner des Dschungels wütend anbellten. Als sie dessen müde wurden, schwammen sie wieder nach der Fähre zurück und wurden auf das Achterdeck hinaufgezogen. Dieses Manöver, das der Besatzung viel Spaß machte, wiederholte sich von nun an täglich. Anfänglich konnten die Hunde abgestorbene Pappelstämme mitten im Flusse oder im Grunde steckengebliebene Treibholzstücke durchaus nicht leiden. Sie legten den wütendsten Unwillen gegen diese an den Tag und bellten sie unerbittlich an. Nach und nach gewöhnten sie sich aber daran und ließen das Treibholz in Frieden.
Die Mücken waren derart lästig, daß wir an einem bewaldeten Ufer nicht lagern konnten, sondern Ufer mit Ak-kum (weißer Sand) aufsuchen mußten, wo die Leute das Holz zum Lagerfeuer von weither zu holen hatten. Um mich ein wenig vor den blutdürstigen Insekten zu schützen, rauchte ich wie eine Lokomotive und schmierte mir das Gesicht mit Baumöl ein.
Abends saß die ganze Besatzung auf dem flachen Ufer um ein Feuer von Treibholz und debattierte lebhaft darüber, ob wir noch das Lop-Gebiet erreichen würden, ehe der Fluß zufröre. Auch ich hätte dies gar zu gern wissen mögen, doch ich hatte keine Zeit, mich darüber zu beunruhigen. Wir mußten möglichst gleichen Schritt mit der jetzigen Wassermenge des Flusses halten, so daß deren Abnahme während der Nächte und Rasttage nicht zu großen Vorsprung gewann und uns das Wasser schließlich ganz im Stiche ließ. Ich rechnete hauptsächlich auf den Wasserzuschuß des Aksu-darja; kämen wir nur so weit, so würden wir uns schon weiter helfen.
28. September. So glitten wir denn Tag für Tag auf dem großen, ruhigen Flusse dahin, und die Karte entwickelte sich nach und nach unter meinen Augen. Die Wassertiefe wird an jedem Lagerplatze gemessen, und zwar der Sicherheit halber nach zwei verschiedenen Methoden. Einerseits wurde an einer geschützten ruhigen Stelle ohne Strömung eine Meßstange in den Grund gestoßen, andererseits wurde eine solche in die lotrechte Uferwand eingerammt, an deren äußerstem Ende ein Lot an einer mit Teilung versehenen Leine, von der ich das Steigen oder Fallen des Wassers direkt ablesen konnte, in den Fluß hinabhing.
Noch waren die Ufer unbewohnt und still; doch sahen wir ein paar Hirtenhütten (Söre), die gewöhnlich nur aus einem Dache auf vier Stangen bestehen und mit Reisig und Zweigen bedeckt sind. Sie ließen darauf schließen, daß die Gegend doch zu gewissen Zeiten von Menschen aufgesucht wird, die wieder fortziehen, sobald die Weide knapp wird.
Der Fluß verändert heute sein Aussehen nicht. Stattlich fließt er in dem majestätischen Schweigen des Waldes in unbedeutendem Gefälle dahin und hält sich meistens in einem einzigen Bette mit Tiefen, die bis zu 7 Meter betragen. Wir wurden daher nicht durch Festsitzen aufgehalten, und lautlos und mit guter Geschwindigkeit glitt die Fähre auf ihrer langen Reise durch Ostturkestan weiter.