Schon vom vorigen Lagerplatze an sind die Ufer mit einem dichten, prachtvollen Walde von alten, ehrwürdigen, knorrigen Pappeln besetzt, deren grüne, verschlungene Kronen jetzt ins Rote und Gelbe zu spielen beginnen; es ist, als kleideten sie sich zu einem lustigen Herbstkarneval in bunte Gewänder. Die Leute von Lailik hatten nie einen solchen Wald gesehen und machten ihrem Erstaunen und Entzücken in lebhaften Ausrufen Luft. Sie nannten den Wald „Östäng-bag“, den „Baumgarten am Kanale“, wie die bewässerten Parke und Haine der Oasen gewöhnlich genannt werden. Sie hatten recht; es war ein Genuß für das Auge, diesem farbenprächtigen Uferschmucke zu begegnen, und in dem lautlosen Schweigen, das den ganzen Tag herrschte, konnte man glauben, in einem Triumphwagen von unsichtbaren Nixen und Elfen auf einer Straße von Saphiren und Kristall durch einen verzauberten Wald gezogen zu werden. Es war so still, daß man kaum zu sprechen wagte, um nicht den Zauberbann zu brechen. Feierlich standen die Pappeln in zahlreichen Reihen, wie sie in vielen hundert Jahren die Ufer bekränzt; aufrecht standen sie da wie Könige und spiegelten ihre Kronen aus falbem Herbstgold in dem lebenspendenden Flusse, der Nährmutter der Wälder, der Herden und Hirsche und des Königstigers, dem größten Gegensatze des Wüstenmeeres. Da stehen sie in einer dunkeln Mauer, würdevoll und still, als lauschten sie einer Hymne, die zwischen den Ufern zum Lobe des Allmächtigen leise erklingt, einer Hymne, die auch Wanderer und Reisende vernehmen können, wenn nur ihr Gemüt für die Größe der Natur empfänglich ist. Die Pappeln stehen da, als hätten sie sich nur deshalb hier aufgepflanzt, um dem merkwürdigen Flusse zu huldigen, ohne den ganz Ostturkestan eine einzige ununterbrochene Wüste sein würde. Sie huldigen dem Tarim in andächtiger Ehrfurcht, wie dem Ganges die Brahminen und die altersschwachen Pilger huldigen, die nach Benares eilen, nur um an den Ufern des heiligen Stromes zu sterben.

Der Wald dehnt sich bis dicht an den Uferrand aus, aber den Erdwall bedeckt dichtes gelbes Kamisch (Schilf) und über demselben bildet das Buschholz ein ganz undurchdringliches Dickicht, wo nur Wildschweine durch dunkle Gänge, in die nie ein Sonnenstrahl fällt, hindurchkommen können. Zu oberst bildet der Wald eine grünende Mauer, die oft so dicht ist, daß die Stämme nur selten durch das Laubwerk schimmern. Die Kronen sind wie mit Sepia gepudert in Farbentönen, die schreiend wären, wenn die unklare Luft sie nicht dämpfte. Doch so wie es jetzt ist, bilden sie einen dem Auge angenehmen Farbenübergang zu dem blaugrauen Gewölbe des Himmels. All diese Pracht der Natur und der Farben wiederholt sich auf beiden Seiten und spiegelt sich im Wasser wider, und dennoch kann man sich nicht satt daran sehen.

Nur an den konvexen Ufern, wo das Hochwasser flache Sand- und Schlammanschwemmungen abgelagert hat, tritt der Wald zurück; an dem konkaven Ufer streichen wir unter den Pappeln hin, die sich nicht selten über den Fluß lehnen, und wie in einem Parke gleitet die Fähre unter laubreichen Gewölben in kühlem Schatten vorwärts. Es ist, als streckten die Waldgötter Friedenszweige über unser Schiff aus und segneten seine wunderbare Reise — denn eine Reise auf dem Wasser quer durch Ostturkestans Sandwüsten ist ohne Zweifel wunderbar; niemand hätte wohl geglaubt, daß man das innerste Asien zu Schiff durchkreuzen könnte.

So gleiten wir Stunde um Stunde auf dem Spiegel des dunkeln Flusses weiter durch den schlafenden Wald, auf einer venezianischen Straße, wo die Paläste in Bäume verwandelt sind und die Kais aus goldig glänzendem Schilfe bestehen. Der Ruder bedarf es hier nicht; die Strömung selbst sorgt für unser Weiterkommen, und die Gondoliere schlafen der Reihe nach auf ihrem Posten, doch stets die Stange fest in der Hand. Alles ist so still, und unbewußt wird man von der Märchenstimmung beeinflußt. Man erwartet beinahe, Waldnymphen den ungestörten Frieden benutzen zu sehen, um, auf Pappelzweigen schaukelnd, ihren Spiegelbildern im Wasser zuzunicken, und man würde sich nicht wundern, wenn tief im Walde plötzlich ein Hirtengott auf der Flöte zu blasen anheben würde.

Doch wie schweigend wir auch dahingetragen werden, wir überraschen doch keine Gestalten aus der Märchenwelt. Nur dann und wann werden von einem leichten Windhauch vertrocknete Blätter von einer überhängenden Pappel losgerissen, um vom Wasser nach Osten weitergetragen und vernichtet zu werden. Es sind die Waldgötter, die unseren Weg bestreuen, wie die Hindus dem Ganges Opfergaben von gelben Blumen darbieten; es sind die Pappeln, die bald sterbend im Winterschlafe erstarren und vorher dem Tarim, der ihnen die Nahrung für ihr Sommerleben geschenkt, einen Teil des Geschenkes zurückgeben wollen; man muß dabei an die verachtete Kaste der Leichenverbrenner denken, welche die Asche der Toten in den heiligen Ganges streut.

Unsere Wasserstraße war unglaublich krumm. In einer Biegung mußten wir, um 180 Meter in unserer Hauptrichtung nach Nordosten zurückzulegen, einen Weg von 1450 Meter machen, wobei wir einen Kreis beschrieben, an dessen Vollständigkeit nur ein Neuntel der Peripherie fehlte. Bald gehen wir nach Nordosten, bald nach Südwesten und verlieren wieder, was wir eben gewonnen haben. Nur äußerst selten streckt sich der Fluß eine kleine Strecke weit gerade aus, meistens windet er sich wie eine Schlange im Grase. Diese zahlreichen Krümmungen machen, daß ich unausgesetzt die Angaben des Kompasses aufzeichnen und die Tausende von kleinen Stückchen des Laufes auf der Karte eintragen muß, damit diese absolut zuverlässig werde.

Gegen Abend hatten die Mücken, wie gewöhnlich, Ball und Souper; ich wehrte mich, so gut ich konnte, mit dem Baumöle, die Besatzung aber, die stets nacktbeinig ging, wurde arg gepeinigt. Unaufhörlich ertönten Klatsche, die anzeigten, daß eine Mücke auf irgendeinem nackten Teile des Körpers plattgeschlagen wurde, und man konnte die Ausrufe „Annangnißke“, „Kissingnißke“ oder „Kaper“ hören, alles Worte, die durch Nichtübersetzung bedeutend gewinnen.

Als wir bei Jallgus-jiggde lagerten, wurde am Ufer um das Feuer herum Kriegsrat gehalten. Muhammed Ahun, der Jäger, der allein von uns die Gegend kannte, meinte, der Fluß werde in zwei Monaten zufrieren. Wir beschlossen, um noch mehr Zeit zu ersparen, morgens, sobald es hell würde, aufzubrechen, alle Mahlzeiten, das Abendessen ausgenommen, an Bord einzunehmen und auch das Brot morgens auf dem Achterdeckherde zu backen. Die Männer von Lailik waren mit warmen Tschapanen, Pelzen und Stiefeln schlecht versehen; daher wollten wir ihnen in Masar-alldi oder Awwat besorgen, was sie noch brauchten.

Der Jäger teilte uns mit, daß 3 oder 4 Kilometer rechts vom Jarkent-darja das trockene Flußbett Chorem liege, dasselbe, in welchem ich 1895 Süßwassertümpel gefunden hatte. Im Südosten dieses Bettes dehnt sich das unabsehbare Wüstenmeer aus.

Die Flußmessung ergab 28,6 Kubikmeter Wasser; wir können mit der Wassermasse nicht gleichen Schritt halten, sie überholt uns nachts, und wir bleiben hinter ihr zurück. Führen wir ununterbrochen Tag und Nacht, so würden wir theoretisch stets dieselbe Wassermenge haben, wenn nicht die Verdunstung und das Einsickern in den Boden für das Verlorengehen eines guten Teiles derselben sorgten.