29. September. Jetzt gab es nachts viel Tau; schon gleich nach Sonnenuntergang begann er zu fallen, und morgens war das Vorderdeck so naß wie nach einem Regen.
Der Morgen sah vielversprechend aus; der Fluß machte nicht so tolle Krümmungen wie gewöhnlich, und die Luft war ganz still. Aber diese vorteilhaften Umstände veränderten sich um die Mittagszeit völlig, da eine frische Brise einsetzte und der Flußlauf sich wieder außerordentlich schlängelte. In Biegungen, wo die Erosion des Wassers am größten ist, betrug die Tiefe mehrmals bis zu 9 Meter, und da hier an der Oberfläche Gegenströmung herrscht, kam es ein paarmal vor, daß wir ganz einfach in diesen Föll oder Bulung liegen blieben. Unter gewöhnlichen Verhältnissen geht die Fähre infolge ihrer Geschwindigkeit darüber hinweg, bei Gegenwind aber kann sie es nicht, und dann bleibt weiter nichts übrig, als einige Leute an Land zu schicken, um uns mit einem Tau loszuschleppen oder uns mit der Jolle zu bugsieren.
Bei Tusluk-kasch passierten wir ein Hirtenlager und erstanden für 48 Tenge (9 Mark) ein Schaf. Diese Hirten wohnen wie auf einer Insel, die von einer gewaltigen Krümmung gebildet wird, der zu einem vollständigen Kreise nur ein Zwölftel Peripherie fehlt. Die Flußwindungen sind schuld daran, daß der von uns zurückgelegte Weg über doppelt so lang wird als die Luftlinie. Heute rückten wir nur 8,36 Kilometer vor, trieben aber 19,38 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 38 Meter in der Minute.
Infolge der verminderten Schnelligkeit und der größeren Tiefen nimmt das Wasser an Klarheit zu. Um die Durchsichtigkeit zu bestimmen, konstruierte ich ein sehr einfaches Instrument, das aus einer runden, glänzenden Metallscheibe und einem senkrecht daran befestigten, mit Teilung versehenen Arme bestand. Die Tiefe, in welcher die Scheibe unter dem Wasser noch deutlich unterschieden wurde, ließ sich an dem Arme direkt ablesen.
Wie langsam es auch ging, stets war es ein großer Genuß, wie auf der Veranda einer Sommerfrische vom größten Komfort umgeben zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen. Doch nicht einen Augenblick durfte ich meinen Posten verlassen, um mir die Beine zu vertreten. Selten dauerte eine Richtung länger als 10 Minuten; die gewöhnliche Pause zwischen den Kursänderungen betrug 2 oder 3 Minuten, und man mußte immer mit dem Kompasse folgen. Ich war in diesem Teile des Jarkent-darja so an den Beobachtungstisch gefesselt, daß wir um 1 Uhr, wenn die meteorologische Ablesungsreihe aufgezeichnet werden sollte, eine Weile am Ufer anlegen mußten. Neben mir lag eine Kladde, worin die Aufzeichnungen des Tages mit Bleistift notiert wurden, um abends, nachdem wir Lager geschlagen, mit Tinte in das Tagebuch eingetragen zu werden. In den ärgsten Krümmungen folgten die Peilungen so dicht aufeinander, daß ich mir kaum dazwischen eine Zigarette anzünden oder sie, wenn sie ausgegangen, wieder anstecken konnte, und das Teegeschirr, das Islam eben gebracht, mußte auf seiner Kiste so lange auf mich warten, bis das erquickende Getränk kalt geworden war.
Die Karte aber wurde hübsch, und es machte mir großes Vergnügen, daran zu arbeiten. Sie ist in so großem Maßstabe angelegt, daß alle Einzelheiten hervortreten: die Linie, welche die Drift der Fähre bezeichnet, ist in den Wasserweg eingetragen, so daß man sieht, wo wir am rechten oder linken Ufer entlang gefahren sind, wo wir mitten auf dem Flusse getrieben und wo wir ihn gekreuzt haben. Die markierten Jarufer, die der größten Erosion (die Grunderosion ist gleich Null oder wird von der Sedimentablagerung ausgeglichen) ausgesetzt sind, sind mit scharfgezeichneten schwarzen Linien angegeben, die Alluvialhalbinseln treten als weiße Halbmonde hervor, Holme, Bänke und kleine Wasserarme, alles ist angegeben. Pappelwald wird mit kleinen Kreisen bezeichnet, Kamisch mit kleinen Pfeilspitzen, Gebüsche und Dickichte mit Punkten, Tamarisken mit Widerhaken, Sanddünen mit schrägen Schraffen. Wo die Ufer, wie heute, lichten Wald tragen, ist jede Pappel auf der Karte eingetragen; ich würde bei einem neuen Besuche jeden einzelnen Baum wie einen alten Bekannten, einen Freund aus einer glücklichen, angenehmen Zeit, wiedererkennen können!
Das heutige Lager hieß Kijik-tele-tschöll (Einöde des Antilopen-Weidenbaumes). Hier gab es keine Hirten, doch schwaches Hundegebell verkündete, daß sie nicht besonders weit sein können. Die Wassermenge betrug 27,8 Kubikmeter.
19. Die Werft. ([S. 28.])