Mit jedem Tage wuchs die Spannung, ob wir, ehe der Fluß sich mit Eis bedeckte und uns in seinen unerbittlichen Banden finge, ans Ziel gelangen würden oder nicht.

Sechstes Kapitel.
Vierzig Kilometer zu Fuß.

In der Nacht auf den 1. Oktober fiel das Wasser noch um 1,7 Zentimeter. Im Norden zeigten sich schwache Umrisse, die man für aufsteigenden Nebel hätte halten können, wenn ihr gezähnter Rand nicht die Bergkette des Tien-schan angekündigt hätte. Der Masar-tag stand immer deutlicher vor uns; seine Lichter und Schatten und sein ganzer Bau zeichneten sich mit jeder Stunde schärfer ab. Ich saß bequem an meinem Schreibtische und trug den Gebirgsstock auf der Karte ein, wobei die kulminierenden, leicht erkennbaren Spitzen mit römischen Ziffern bezeichnet wurden.

Jetzt sind wir dicht bei dem nächsten Ausläufer des Berges, der auf dem Ufer selbst steht, so daß sein Fuß vom Wasser bespült wird. Dieser ungewöhnliche Anblick brachte eine angenehme Abwechslung in die Landschaft. Man hätte erwarten sollen, hier am Fuße der Felsen Schnellen und Fälle zu finden, doch es gab hier keine; der Fluß floß ebenso ruhig wie gewöhnlich dahin und machte nur einen Bogen nach Südosten, um dem Berge auszuweichen und dessen südliche Basis zu umgehen.

Wir biegen längs des Berges um. Am Ufer erscheinen Hütten und Menschen, auf einem Abhange vier Gumbes (Mausoleen), ein alter Guristan (Begräbnisplatz). Bei den Hütten von Kurruk-asste machten wir Halt ([Abb. 28]).

Der Begräbnisplatz, der auch ein heiliger Masar war, hieß Hasrett Ali Masar, welcher Name auch zur Bezeichnung des ganzen Berges dient. Der trockene Flußarm, der unmittelbar unter dem Masar hinläuft, ist derselbe Kodai-darja, den ich 1895 besuchte. Seit zehn Tagen lag das Bett trocken, raubte uns also kein Wasser mehr; doch von Mitte Juli bis zum 20. September hat es als Abfluß für einen Teil des Wassers des Jarkent-darja gedient, welches aber zum großen Schaden mehrerer Dörfer am Wege nach Aksu, die von diesem Arme ihr Berieselungswasser erhalten, viel weniger war als sonst.

Der Fluß zeigt also hier, wie sehr oft während seines Laufes, eine Tendenz, nach rechts überzufließen. Um diesem für das nächste Jahr vorzubeugen und die Ernte zu retten, hatte der chinesische Amban (Distriktsvorsteher) von Maral-baschi befohlen, quer über das Bett des Jarkent-darja einen Damm zu bauen, um das Wasser in den Kodai-darja abzuleiten. Fünf Mann lagen nun in Kurruk-asste, um ein Depot von 1000 Balken und Stämmen, die aus dem nächsten Walde auf Arben hierher gebracht worden waren, zu bewachen, und sobald der Fluß genügend gefallen war, sollten Leute aus der ganzen Gegend aufgeboten und der Damm gebaut werden. Zu unserem Glücke konnte die Arbeit erst nach einem Monat beginnen. Es mußte uns also gelingen können, einen so großen Vorsprung zu gewinnen, daß die Absperrung des Jarkent-darja auf unsere Reise nicht mehr einwirken konnte.

Wir beschlossen, in Kurruk-asste wenigstens einen Tag zu bleiben und der On-baschi des Ortes wurde beauftragt, sich sofort nach dem Basar von Tumschuk zu begeben, um dort Pelze und Stiefel für die Leute aus Lailik zu kaufen. Er sollte uns auch einen Vorrat von Reis, Mehl und Gemüse besorgen und am Abend des nächsten Tages wieder hier sein. Leider konnte keiner der Unseren ihn begleiten, da es in der ganzen Gegend nur ein Pferd gab, ich verließ mich aber auf den Mann und gab ihm Geld zu den Einkäufen.

Nachdem ich bis morgens 3 Uhr Platten entwickelt und dann ordentlich ausgeschlafen hatte, wurde der Tag zu dem sehr notwendigen Ausruhen bestimmt. Im allgemeinen hatte ich während der Flußreise einen sechzehnstündigen Arbeitstag, und von dem ständigen Stillsitzen am Tische tat mir oft der Rücken weh. Schön war es daher, während des Rasttages eine Fußwanderung zu machen ([Abb. 26]) und das Hasrett-Ali-Masar-Gebirge zu ersteigen, um von einer seiner Höhen herab die Gegend ringsumher zu betrachten: die unendliche Steppe, die gelbe Wüste mit ihren hohen, unheimlichen Dünenwellen, die auch hier Takla-makan genannt wird, den sich schlängelnden Fluß, der von meinem hohen Aussichtspunkte aussah wie ein Graben oder ein feines blaues glänzendes Band durch die Steppe.

In der Dämmerung wurde eine Flußmessung vorgenommen, die das glänzende Resultat ergab, daß wir jetzt 53,7 Kubikmeter Wasser in der Sekunde unter unserer Flottille hatten, also mehr als doppelt soviel wie bei der letzten Messung. Wir verdankten diesen reichlichen Zuschuß den beiden Armen des Jarkent-darja oberhalb Kurruk-asste, die aus einigen von dem Überschußwasser von Maral-baschi gespeisten Seen kommen.