Auch spät am Abend ließ der On-baschi nichts von sich hören, und uns begann der Gedanke aufzusteigen, ob er am Ende nicht mit dem Gelde durchgebrannt wäre; wir konnten ihn in diesem Falle nicht verfolgen, da wir keine Pferde hatten. Er kam auch am nächsten Tage nicht wieder, und wir mußten warten. Die aufgezwungene Ruhe hatte den Vorteil, daß ich noch einen Ausflug machen konnte, diesmal nach Nordwesten auf dem linken Ufer des Flusses.
Ich begab mich nach den obenerwähnten Armen, um zu sehen, wie unser Kasim Fische fing. Am Fangplatze vereinigen sich drei Abflüsse des unmittelbar oberhalb der Stelle liegenden Sees Schor-köll, den ebenfalls der Überschuß des Wassers von Maral-baschi speist. Der Schor-köll ist ein Steppensee oder, wenn man so will, ein Sumpfgewässer; man kann nicht an seine Ufer gelangen, denn in dem weichen, nassen Boden, in dem Kamisch und Gras üppig gedeihen, würde man versinken. In diesem zersplitterten, unregelmäßigen See mit seinen Tausenden von Ausläufern, Buchten, Inseln und Landzungen bleibt das Wasser stehen und klärt sich; daher ist es in den beiden Armen kristallklar und blau.
Die Fische, Asmane, stehen hauptsächlich in dem Strudel unterhalb des Falles, in welchem sich das Wasser des östlichsten Armes am Fischplatze hinabstürzt, zeigen sich aber oft über dem Wasser, wo sie sich mit einer geschickten, elastischen Bewegung den Fall hinaufzuschnellen versuchen, gerade wie der Lachs bei uns. Sie werden mit einem Geräte gefangen, das einer Fischgabel gleicht und aus einem 5 Meter langen, feinen, geschmeidigen Speere oder einer Gerte (Sapp) besteht, die unten von zähem Tamarisken-, oben von biegsamem Weidenholz ist. Da, wo der untere Teil endet, sitzen die beiden Haken (Satschkak) mit nach unten gerichteten Spitzen und nach aufwärts gekehrten Widerhaken so am Schaft, daß sie leicht von ihm abspringen können, wenn sie treffen. Doch hängen sie noch mittelst einer 50 Zentimeter langen, starken Schnur an dem oberen Teile der Gerte.
Kasim fing innerhalb einer Minute zwei gewaltige Asmane und dann noch eine ganze Menge. Er stand am Rande des Wassers, hielt das Fanggerät wie ein Speerwerfer und schnellte, sobald er einen Fisch erblickte, die Fischgabel, daß sie durch das Wasser pfiff ([Abb. 27]). Man sah den Speerschaft zittern, es spritzte und wirbelte im Schaume, und im nächsten Augenblick zog er einen zappelnden Asman ans Ufer, ein großes Ding, das am Ende der Gerte baumelte, als wäre es dorthin gezaubert ([Abb. 29]).
Wir besuchten dann eine in der Nähe liegende Sattma (Hirtenhütte), die aus Stangen und Kamisch erbaut war und ein luftiges Zimmer mit offener Veranda bildete. Hier wohnten zwei Frauen mit sechs Kindern. Sie empfingen uns ohne Furcht und setzten uns ganz vorzügliche saure Milch vor. Im Sommer wohnen sie hier, um Vieh, das mehreren Leuten aus der Gegend gehört, zu hüten; im Winter halten sie sich auf dem rechten Ufer auf, wo sie besser gebaute Häuser und Höfe haben.
Spät am Abend kam endlich der On-baschi angeritten und brachte alle ihm aufgetragenen Sachen mit. Er besorgte uns auch einen neuen Führer, einen Jäger, der sein Gewehr mitbrachte.
4. Oktober. Während der Nacht herrschte heftiger Wind; es knackte in den Zeltstangen, und das Tauwerk schlug gegen das Deck. Der Tag wurde auch unangenehm durch den hemmenden Ostnordostwind, der so stark war, daß sich die Oberfläche des Flusses zu weißschäumenden Wellen kräuselte, die da, wo sie die Strömung trafen, kurz und abgeschnitten waren. Hierdurch wurde das Lotsen erschwert, da man nicht sehen konnte, wo die Strömung ging. Die Wellen plätschern und schlagen melodisch an den Vordersteven der Fähre; aber ihr klangvoller Gesang ist verräterisch und hält uns zurück; sie sind feindlich gesinnt und wollen unser Vorwärtskommen hindern. Das Zelt wirkte wie ein Segel, das die Fähre unaufhörlich nach der Leeseite hinüberdrängte, und wurde daher abgenommen, nachdem alle losen Gegenstände, die bei mir umherlagen, eingepackt worden waren. Nur im Schutze der Ufer war die Fahrt normal; sonst ging es nur langsam, was unsere Geduld sehr auf die Probe stellte. Wenn es wenigstens einmal einen Tag aus Westen wehen wollte, daß wir günstigen Wind hätten; aber immer hatten wir Gegenwind!
Auch heute wurde ein Bogen gemacht, der sich einem Kreise näherte. Wir hörten im Walde unweit des Ufers hellen, wohlklingenden Hirtengesang; doch als wir nach Norden abbogen, verhallte der Gesang in der Ferne. Dann machte der Fluß einen neuen Bogen, der Gesang wurde wieder deutlicher und ertönte schließlich ganz dicht bei uns. Der Hirt hatte seinen Platz nicht verlassen; er saß im Walde und hütete seine Schafe, die zwischen den Bäumen weideten, aber der Fluß hatte eine Schlinge beschrieben, um uns noch einmal dem lebensfrohen Sange lauschen zu lassen.
Im Osten tauchen jetzt neue, isolierte Berge über dem Horizont auf: der Tschokka-tag und der Tusluk-tag, von denen aus ich 1895 die unglückliche Wüstenreise angetreten hatte. Der See, an dem wir damals rasteten, trägt den Namen Jugan-balik-köll (der große Fischsee) und erhält sein Wasser von Armen, die vom rechten Ufer des Jarkent-darja ausgehen. Der See ist, wie der Name angibt, reich an Fischen, und im Frühling begeben sich daher Männer aus Tscharwak und Masar-alldi dorthin, um an dem Fange zu verdienen. Sie benutzen aus Pappelstämmen ausgehöhlte Kanus, die, wenn sie nicht gebraucht werden, im Schilfe versteckt liegen. Andere Dorfleute treiben Handel mit Steinsalz vom Tusluk-tag (Salzberg). Die Salzstücke werden auf Arben befördert, doch nur im Winter, wenn das Eis eine bequeme Brücke über den Fluß schlägt.
Bei Jugan-balik kommt der Königstiger häufig vor und hat in den letzten Jahren an Zahl zugenommen. Dieses Jahr hatte er fünf Pferde und viele Schafe geraubt, doch scheut er die Menschen und wagt deshalb nicht, in die Hürden einzubrechen.