Der Abend war windstill und schön, und wir segelten weiter, bis die einbrechende Dunkelheit es unmöglich machte, die Konturen der Ufer noch länger zu unterscheiden. Die Luft war außerordentlich mild infolge des feinen Staubes, den der Wind mitgeführt und der nun wie ein Schleier über der Erde ruhte, die Ausstrahlung abschwächend und sogar im Zenith alle Sterne verdeckend.

Am 5. Oktober näherten wir uns dem Tschokka-tag, aber sehr langsam, denn der Fluß machte wieder die eigentümlichsten Krümmungen. Zartes Jungholz begleitet in schmalen Gürteln beide Ufer, sonst dehnen sich, soweit das Auge reicht, überall gelbwerdende Kamischfelder aus. Der Wind, der die Weglänge gewöhnlich um ein Drittel verkürzt, fuhr unermüdlich fort, durch das Schilf zu sausen, aber auf meiner Kommandobrücke, wo er beinahe einer frischen Seebrise glich, war es herrlich.

An unserem Rastorte in Sorun trösteten uns einige Hirten ([Abb. 30]) damit, daß der nächste Neumond Windstille bringen werde, denn dies pflege alljährlich der Fall zu sein. Da jedoch der Wind bis spät abends anhielt, beschloß ich, zu bleiben, wo wir waren und einen Ausflug nach dem Tschokka-tag und dem Sorunsee, der sein Wasser vom Jarkent-darja erhält, zu machen. Wenn der Spiegel des Flusses höher als die Seen liegt, so strömt diesen Wasser zu; ist der Fluß aber auf ein bestimmtes Niveau gefallen, dann kehrt das Wasser aus den Seen wieder in den Fluß zurück; in beiden Fällen geht es durch dieselben Kanäle. Noch war der Jarkent-darja so hoch, daß er bedenklich gebrandschatzt wurde, und er hatte von den 53,7 Kubikmetern, die uns bei Kurruk-asste so willkommen gewesen waren, jetzt nur noch 28 Kubikmeter behalten.

Es war klug, daß wir blieben, denn am 6. Oktober herrschte ein wirklicher Sarik-buran, und die Luft war so mit Staub gesättigt, daß der ganz nahegelegene Tschokka-tag sich nur noch eben wie eine graue Scheibe mit überall gleichem Farbentone abzeichnete. Ich machte eine Fußwanderung nach dem Tusluk-tag und erklomm ein paar seiner Gipfel, um mich zu orientieren. Es ist derselbe Gebirgsstock, an dessen nördlichem Fuße wir 1895 entlang zogen, ohne den Sorun-köll zu sehen, der sich jetzt wie eine Karte unter mir ausbreitete.

Die Aussicht über Berge und Seen war so einladend und verlockend, daß ich diese für mich so erinnerungsreiche Gegend, die ich wohl nie wiedersehen würde, gründlicher zu erforschen beschloß. Ich entschied mich deshalb dafür, auch noch den 7. Oktober zu bleiben. Und dabei sollten wir uns doch beeilen, um nicht festzufrieren.

Es wehte auch vormittags gerade genug, um die Flußreise schwer, eine Segelfahrt in der kleinen Jolle über die Seen aber herrlich zu machen. Da es jedoch zum Zurückrudern zu weit werden würde, schickte ich morgens einen Mann mit Ochsen und Arba nach dem Ostufer des Sees, um aufzupassen, wo wir landen würden, und das Boot nach Hause zu befördern. Auf dieselbe Weise wurde das Boot nach dem Seeufer transportiert, doch da das Fahrzeug länglich rund war und der Seeboden aus Morast bestand, mußte es, um ungehindert schwimmen zu können, ein gutes Ende ins Wasser hinausgetragen werden. Als dies geschehen, kam die Reihe an mich, der von Naser Ahun getragen wurde; hinterdrein patschte Islam barfuß, indem er beinahe im Schlamme steckenblieb; er sollte auch mit. Nun wurde das Boot getakelt und alles Mitgenommene geordnet. Ich hatte auf dieser Fahrt mit gar vielem zu tun: zunächst mit Segel und Steuerruder, dann mit dem Kompasse, dem Kartenblatte und der Uhr, vom Fernrohr, dem Thermometer, der Pfeife und dem Tabaksbeutel gar nicht zu reden, alles Dinge, die einigermaßen freie Hände erfordern. Es ging gut; der Wind war so günstig und gleichmäßig, daß wir das Segel festmachen konnten und das Steuerruder nur hin und wieder einen Puff zu erhalten brauchte. Die für die Kartenarbeit nötigen Instrumente lagen auf einem improvisierten Tische vor meinem Sitze, und als wir einmal in Fahrt gekommen waren, hatte ich reichlich Zeit, die Pfeife zu stopfen, wenn es nötig war. Islam, der vorn seinen Platz hatte, besorgte das Loten und den Geschwindigkeitsmesser, den ich jedoch jedesmal selbst ablesen mußte. Die Tiefen waren so unbedeutend, daß das zweite, 2,1 Meter lange, mit Einteilung versehene Ruder überall ausreichte. Um von den Ansprüchen des Magens unabhängig zu sein, hatten wir eine gebratene Gans, Brot und Eier mitgenommen.

Als alles bereit war, wurde das Boot losgelassen und glitt, von der frischen Brise geführt, gemächlich durch das sich allmählich lichtende Schilf, bis wir bald offene Wasserflächen erreichten. Es ging genügend rasch über diesen von Norden nach Süden gezogenen, seichten, schilfreichen See. Wir kamen überall bequem vorwärts; die Wasserflächen hingen in einer Kette zusammen, und es war eine Freude, so am Schilf vorbeizustreichen, daß das Boot nur die äußersten Stengel streifte. Das Seewasser ist ganz süß und so klar, daß der Grund mit seinen Algen und verrottenden Kamischstengeln überall sichtbar ist. Die größte Tiefe war genau 2 Meter; tiefere Stellen gab es wahrscheinlich nicht, denn wir hielten uns meistens in der Mitte des Sees. Die seichtesten Stellen waren leicht an dem gelben Farbenspiele der Wasserfläche erkennbar, und oft dienten uns absterbende, überschwemmte Tamarisken als Baken.

23. Der Verfasser an seinem Arbeitstisch an Bord der Fähre. ([S. 33.])