24. Lager am Strand. ([S. 37.])

Einen schönen Anblick gewährte eine Schar von vierzehn schneeweißen Schwänen. Sie schwammen stolz und graziös beiseite; doch als wir ihnen allzu nahe kamen, erhoben sie sich mit schweren Flügelschlägen und ließen sich in größerer Entfernung wieder nieder.

Dann und wann schimmerte das lehmige Ufer durch das Schilf, und kleine Holme mit Tamarisken oder ganz niedrigen, bewachsenen Sanddünen waren nicht selten. Wir kreuzten den See in beinahe gerader Linie. Sein südlicher Teil bildete eine große, offene Erweiterung, wo nur die Ufer mit dichtem Schilf umkränzt waren. Ein Fremder mußte glauben, hier sei der See zu Ende, aber einige Leute aus Sorun waren uns zu Pferde am Ostufer gefolgt und zeigten uns einen Arm oder natürlichen Kanal im Schilfe, der den Sorun-köll mit dem südlich gelegenen Tschöll-köll (Wüstensee) verband.

In diesen glitten wir vom Winde getrieben hinein, und das Boot teilte die in dichten Büscheln stehenden Schilfstengel wie Gardinen. Es war ein höchst eigentümlicher Kanal mit einer nur 2 oder 3 Meter breiten, offenen Rinne in der Mitte, sonst aber voll hohen, üppigen Schilfes, das sich auf beiden Seiten wie eine Mauer oder ein Staket erhob. Fester Boden war jedoch nahe, so daß wir die ganze Zeit über mit den Reitern am Ufer reden konnten, wenn wir sie auch nicht sahen. Der Luftzug wehte ziemlich frisch in dem engen, malerischen Wasserkorridore, und das Boot glitt wie ein Schwan; die Stengel bogen sich unter dem ausgespannten Segel, wichen pfeifend beiseite oder zerknickten unter dem Vordersteven. Der Kanal war ziemlich gerade, aber die kleinen Bogen, die vorkamen, genügten doch, uns die Aussicht nach vorn zu nehmen, und auf den Seiten sah man nicht einmal die Bergkämme über den nickenden Schilfbüscheln. Oft glaubten wir, in eine Sackgasse geraten zu sein, doch stets öffnete sich eine Fortsetzung der Wasserstraße.

Die Tiefen waren hier bedeutender als im See; die größte betrug 3,65 Meter. Die Breite nahm allmählich zu, betrug nirgends weniger als 10 Meter, stieg aber manchmal auf 50 Meter. Der Kanal sah wie von Menschenhand gegraben oder wie der Rest eines alten Flußbettes aus, doch war es augenscheinlich nur die von dem verschiedenen Wasserstande des Jarkent-darja abhängige Wasserverbindung von oder nach dem Tschöll-köll, welche die Passage offengehalten hat.

Massen von Enten hielten sich hier auf; sie schwammen und tauchten vor uns, flogen bei unserem Herannahen auf, so daß das Wasser hinter ihnen schäumte und spritzte, schlugen wieder nieder wie ein Hagelschauer und tauchten und schnatterten.

Islam konnte seinen Jagdeifer nicht bezähmen, als Tausende von Enten, die unser weißes Segel aufgescheucht, Wolken gleich über dem See kreisten. Daher erhielt er die Erlaubnis, nach dem Lager zurückzukehren, die vergessene Flinte zu holen und dann mit dem Boote in den Kanal hineinzurudern, der sich dicht bei dem Punkte, wo wir am Ostufer anlegten, trompetenförmig nach dem See öffnete.

Ich dagegen verfiel auf die etwas abenteuerliche Idee, eine Fußwanderung über den Tschokka-tag nach Osten zu machen und dann nordwärts nach dem Lager zurückzukehren. Palta und ein Hirt sollten mich begleiten; der letztere versicherte, daß, obwohl die Bergkette ganz nahe erscheine, die Entfernung doch sehr groß sei und daß wir, wenn wir über dem Berge wären, noch einen ebenso langen Weg, wie wir eben in 4½ Stunden gesegelt, bis nach dem Lager zurückzulegen hätten. Seine Einwendungen waren vergeblich; ich hatte einmal den Entschluß gefaßt, und er sollte unter allen Umständen ausgeführt werden. Ich wollte mir die gute Gelegenheit, meine Karte von dieser Gegend zu vervollständigen, nicht entschlüpfen lassen. Es war 3½ Uhr, und die Sonne näherte sich dem Gipfel des Tusluk-tag; ein Kind hätte einsehen können, daß wir vor Mitternacht das Lager nicht erreichen würden; zurück aber mußten wir, sonst wären die Chronometer stehengeblieben.

So brachen wir denn nach Ostsüdost in der Richtung auf eine Einsenkung in dem Kamme der langen Kette auf. Mit raschen Schritten gingen wir auf den Paß zu. Die erste Stunde verrann, und die Kette erschien uns kaum näher gerückt; wieder eine Stunde, und wir erreichten die ersten Vorberge, die, vom See gesehen, mit der Kette scheinbar zusammengehangen hatten; jetzt aber sahen wir, daß eine tüchtige Strecke ansteigenden Terrains sie von der Hauptkette trennte.

Zwischen dem See und den Bergen veränderte der Boden nach und nach sein Aussehen. Er bildete konzentrische Ringe von ungleichen Eigenschaften und verschiedenem Charakter. Dem Seeufer zunächst breitet sich ein niedriger, unfruchtbarer Gürtel aus, der während der Hochwasserperiode des Jarkent-darja überschwemmt ist, jetzt aber mit einem schwachen Anfluge von Salz bekleidet war, was verrät, daß dieser abflußlose See nicht ganz süß ist. Darauf folgt ein Gürtel dünnbestandener Kamischsteppe und dann wieder ein Ring von älteren, vertrockneten Salzkristallisationen (Schor), die spröde, unter den Füßen mit leisem Klang zerspringende Blasen bilden. Schließlich steigen wir den Schuttkegel am Westfuße des Gebirges hinan; er fällt nur 3 Grad nach dem See ab, ist voll Kies und auch von zahllosen, kleinen, unbedeutenden, ausgetrockneten Erosionsfurchen durchschnitten, welche sich nach dem Ufer hin wie Deltaarme teilen und zersplittern. Je mehr wir uns dem Gebirge nähern, desto größer wurden diese Rinnen und schließlich hatten sie meterhohe Ränder, die wir oft umgehen mußten.