Die Steigung fing an fühlbar zu werden, und ab und zu mußten wir stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Von dem oberen Teile des Schuttkegels hatten wir eine herrliche Aussicht über den See, der breiter war, als ich 1895 geglaubt hatte. Feierliche, wehmütige Gedanken bemächtigten sich meiner, als ich diese Gegend wiedersah, wo wir am 22. April 1895 gelagert hatten. Die Steppe, wo das Zelt an jenem denkwürdigen traurigen Tage stand, war von unserem Aussichtspunkte aus klar und deutlich zu sehen, und im Süden dehnte sich das mörderische Wüstenmeer aus, in dem unsere Karawane untergegangen war. Vor mir zog sich in philosophischer Ruhe dieser volle See hin, der sowohl den Leuten wie den Kamelen das Leben hätte retten können, wenn wir nur vorsichtig genug gewesen wären, genügenden Vorrat von seinem Wasser, das nutzlos in der trockenen Wüste verdunstete, mitzunehmen!
In Purpur und Rot getaucht, glichen die hohen Dünenkämme jetzt in dem grellen Lichte der untergehenden Sonne glühenden Vulkanen. Sie erhoben sich wie Grabhügel über den Toten. Mit unwiderstehlicher Beklemmung folgten die Gedanken dem Blicke über den Wüstensand hin, wo ich meine Diener und Kamele in ihrem langen, ungestörten Todesschlafe ruhen wußte. Sie schliefen ruhig, und ihre Gräber waren längst von dem rastlos wandernden Zuge neuer Dünen eingeebnet. Können sie mir verzeihen, der ich, einer der drei Überlebenden von jener unglücklichen Reise, jetzt in aller Bequemlichkeit auf ihren Begräbnisplatz hinausblickte? Klagt er mich vielleicht noch an, der alte, redliche Muhammed Schah, während er seine vertrocknete Kehle unter den Palmen im Bihescht, im Paradiese, netzt? Denn ich trug die Verantwortung dafür, daß ich zum Aufbruche durch diesen verfluchtesten, mörderischsten Teil der ganzen Erdrinde Befehl erteilt hatte. Ich glaubte, aus der Tiefe der Wüste ein Grablied tönen zu hören, und erwartete nur noch, die gespenstischen Schatten der unter unsäglichen Qualen zusammengebrochenen Kamele zwischen den Dünenkämmen einherschleichen zu sehen, jenen suchend, der sie hinterlistig in diesen wahnsinnigen, verzweifelten, hoffnungslosen Kampf mit dem Tode gelockt hatte! Als wäre es gestern gewesen, erinnerte ich mich ihres fruchtlosen Spähens nach Wasser, um ihren brennenden Durst zu lindern. Wenn sie jetzt auf den saftigen Matten des Paradieses wandern, werden sie mir verziehen haben, daß ich sie einem so qualvollen Untergange entgegengeführt?
Mit denselben Gefühlen, die einen Menschen beschleichen, der das Grab eines Freundes besucht, gegen den er im Leben, absichtlich oder unabsichtlich, unrecht gehandelt hat, und der dann seine Reue durch seine Wallfahrt zum Grabe und durch Streuen von Rosen zum Schweigen zu bringen und dem Toten gegenüber Buße zu tun sucht, riß ich den Blick von dem Schauplatze jener düsteren Erinnerungen los und wanderte, von meinen beiden Gefährten begleitet, schweren Schrittes bergauf. Der Schuttkegel war jetzt kupiert und spärlich mit Steppentamarisken bewachsen, deren lange, steife Nadeln an die der Kiefern des Nordens erinnern. Leicht wie ein Traum flüchteten zwei Rehe mit großen, elastischen Sprüngen, scheinbar kaum den Boden berührend, nach dem Tschokka-tag hinauf.
Wir überschritten einen kleinen Kamm nach dem anderen, bis uns endlich ein Jilga (Erosionstal) nach dem Hauptkamme hinaufführte, auf dem wir wieder eine kurze Rast hielten, um uns zu orientieren und zu sehen, nach welcher Seite wir die Schritte lenken müßten. Von dem Passe, dessen Höhe über dem See zirka 200 Meter beträgt, fällt auf der Ostseite eine steile Kluft nach einem Tieflande ab, das sich nach Ostnordosten bis ins Unendliche erstreckt.
Die Sonne war hinter dem Tusluk-tag versunken, und die Dämmerung begann. Dunkle Schatten, die wie ein Nebel aus der Erde aufzusteigen schienen, hüllten die schweigende Gegend ein, und die schwarze Sargdecke der Nacht breitete sich wieder über die Wüste und über diese Berge und Seen, die je wiederzuerblicken ich zu Anfang Mai des Jahres 1895 so wenig Aussicht gehabt hatte.
Dann galt es, in der Dämmerung einigermaßen heil von dem Kamme herunterzukommen; denn die Halde ist hier sehr steil, und die Männer wußten nicht recht, ob es gehen würde. Doch es ging; hinunter mußten wir auf irgendeine Weise; wir glitten, schleppten uns und rutschten auf unebenen Felsenplatten hinab, wobei mir der Geologenhammer, der mich auf derartigen Ausflügen stets begleitete, gute Hilfe leistete. Bald wurde das Gefälle weniger steil; wir kamen in das östliche Tal hinunter und erreichten mit eilfertigen Schritten seinen linken Bergvorsprung. Von hier sahen wir in der Ferne nach Norden zu dunkel einen neuen Ausläufer, an dem wir vorüber mußten, ehe wir den Sai-tag, einen kleinen einzelnen Berg in der Nähe des Lagers, erblicken konnten; auf ihm sollte, wie wir es mit den Unseren verabredet, heute abend ein Feuer brennen.
Wir querten die Basis des Schuttkegels und erreichten ganz ebenen Sandboden, auf dem es sich in der Dunkelheit leichter ging. Da ich an so weite Fußtouren nicht gewöhnt war, fühlte ich mich sehr ermüdet, und nach je zweitausend Schritten streckten wir uns fünf Minuten auf dem nachtfrischen Sande zum Ausruhen aus. Ich zählte die Schritte, um die Entfernungen zuverlässiger zu bestimmen und den Kreis, dessen Ausgangs- und Endpunkt das Lager war, zu schließen.
Links hatten wir den schwarzen Schattenriß der Bergkette, rechts den Sand, der auch hier so ansehnlich war, daß man seine unfruchtbaren Dünen für einen kleinen Ausläufer des Gebirges hätte halten können. Endlich erblickten wir in der Ferne den Widerschein eines Feuers, dessen Kern ein Hügel verdeckte. Weiß jemand, was es heißt, in dunkler Nacht einem Feuerscheine entgegenzugehen? Er ermutigt den Müden wie ein Leuchtturm, aber stundenlang kann man gehen, ohne daß sich der Abstand verkürzt. Nach Tausenden von Schritten passierten wir den davorliegenden Landrücken und sahen nun das Feuer und seine flackernden Flammen. Wenn aber das Feuer nicht gleichmäßig unterhalten und schwächer wird, scheint die Entfernung wieder zu wachsen. Und wenn dann wieder trockenes Brennholz und Reisig auf die Kohlen geworfen werden, flammt es von neuem auf, und wir glauben, nicht mehr weit von den hellen, deutlich erkennbaren Flammen zu sein. Wir blieben manchmal stehen und riefen, aber es kam keine Antwort. Schließlich erreichten wir doch die Grenze, bis zu der die äußersten Ringe der Schallwellen dringen, und vernahmen nun in der Ferne schwache Rufe.
Als die Männer am Feuer uns erblickten, steckten sie eine ganze Reihe dürrer Pappeln an, und nach einer Stunde hielten wir unseren Einzug in den festlich erleuchteten Wald. Auch zwei Pferde erwarteten uns, und nie hat es mir so gut gefallen, im Sattel zu sitzen! Islam und die anderen, die unruhig geworden waren, kamen uns sogar mit Laternen entgegen und lotsten uns über Sümpfe und kleine Wasserarme.
Vierzig Kilometer zu Fuß ist ziemlich viel, wenn man nicht daran gewöhnt ist. Erst um Mitternacht saß ich wieder in meinem schönen Zelte, erhielt mein Abendessen, trug meine Aufzeichnungen ein und ging dann zu Bett. Es war der erste strapaziöse Tag auf der Reise im Herzen von Asien, — aber es werden ihrer wohl noch mehrere kommen!