Siebentes Kapitel.
Friedliche Heiligengräber.
Der 8. Oktober brachte einen herrlichen, absolut windstillen Morgen mit so vollkommen klarer Luft, daß die Berge wieder in den kleinsten Einzelheiten hervortraten. Der Fluß liegt blank wie ein Spiegel vor uns und sucht in weiten Bogen zwischen scharf ausgemeißelten Ufern, auf denen lachender, jetzt gelber junger Wald und üppige Kamischfelder stehen, seinen weiten Weg nach dem Lop-nor ([Abb. 30]).
Die Leute hatten also nicht viel zu tun; die Fähre glitt artig und ruhig stromabwärts, und nur bei den Biegungen mußte gelegentlich zu den Stangen gegriffen werden. Palta schläft langausgestreckt im Sonnenbrande auf dem Vorderdeck, während der junge Ibrahim, der Sohn unseres neuen Führers, der sich schlechtweg Mollah nennt, die Stange führen muß.
Der Fluß liebkost den Fuß des kleinen, alleinstehenden Berges Sai-tag, der in einem Winkel von 34 Grad nach dem Wasserspiegel abfällt und nur einigen jungen Pappeln und einem Hirtenpfade Raum gewährt ([Abb. 32]). Der Sai-tag setzt sich nach Norden in einigen kleinen Bodenerhebungen fort, die ebenfalls auf dem rechten Ufer des Flusses liegen. Auf einem dieser kleinen Rücken finden wir einen kleinen, von Stille und feierlichem Frieden umgebenen Begräbnisplatz ([Abb. 31]), wo unser Mollah, ein des Korans kundiger Mann, einige Gebete sprach, während welcher die anderen niederknieten. Über einem vornehmen Manne, der vielleicht ein berühmter Hirt oder Jäger gewesen, hatte man ein Mausoleum in Würfelform mit Kuppeln (Gumbes) auf dem Dache aus an der Sonne getrocknetem Lehm erbaut; um dieses herum sah man mehrere kleinere Grabdenkmäler. Auf dem eigentlichen Kamme des Landrückens lagen noch zwei Gräber, aber ohne jegliche Überdachung, nur durch einige Balken und Steine geschützt und nach Norden ganz offen, so daß man die Schädel der darin liegenden Gerippe sehen konnte. In dem einen Grabe teilten sich zwei Tote in den Raum. Diese Leichenstätten sahen nicht besonders alt aus.
Mittags wehte ein schwacher Südwest, und da wir nach Nordosten gingen, hatten wir eine vortreffliche Fahrt. Ein Reh schwamm in einer Entfernung von zwei Flintenschüssen über den Fluß. Die Schützen, Islam und Mollah, lagen auf dem Vorderdeck mit ihren Waffen im Anschlag, doch das Tier schwamm schnell, war mit einem Satze am Ufer und verschwand wie der Wind im Schilfe. Bei More, wo wir in der Dämmerung auf dem linken Ufer lagerten, führte der Fluß 25,1 Kubikmeter Wasser in der Sekunde.
An diesem Lagerplatze traf mich ein großer Kummer. Mein Lieblingshund Dowlet war in den letzten Tagen melancholisch gewesen; er hatte weder fressen noch spielen wollen, und sein Puls war gestern abend auf 150 Schläge gestiegen. Er hatte, gegen seine Gewohnheit, nicht an der Exkursion teilnehmen wollen, und nachts schlief er nicht neben meinem Bette, sondern lief unruhig umher. Während des Tages streifte er mit herabhängendem Kopfe und eingeklemmtem Schwanze immer wieder vom Vorschiffe nach dem Achter und zurück. Als wir in More landeten, verließ er die Fähre für immer, lief heiser bellend im Gebüsche herum, als suche er etwas, versuchte zu beißen, wenn man sich ihm näherte, wurde immer unsicherer auf den Beinen und taumelte schließlich von der Jarwand in den Fluß, wurde aber von Alim gerettet. Wir legten ihn ans Feuer; sein Puls war auf 42 Schläge heruntergegangen, und er starrte jetzt ganz ohne Bewußtsein ins Leere. Alle meine Bemühungen waren fruchtlos; er fing schon an zu erkalten, und ich wachte bei ihm und streichelte ihn, solange noch ein Funke von Leben in ihm war.
Der Verlust dieses Hundes schmerzte mich tief. Er hatte mir stets treu Gesellschaft geleistet, war lustig und freundlich, voll drolliger Streiche, und ich spielte abends immer eine Weile mit ihm. Er war ein mageres, häßliches Hündchen, als wir Osch verließen, unter meiner Pflege hatte er sich aber zu einem wirklich schönen Hunde entwickelt. Und nun entriß ihn mir diese heimtückische Krankheit!
Am folgenden Morgen grub Mollah ein Grab, legte Dowlet, in ein Schaffell gehüllt, hinein und murmelte halblaut ein Gebet. Es tat mir sehr leid, als ich die feinen, seidenweichen Ohren in der Erde verschwinden sah. So seltsam es klingen mag, die Stimmung an Bord war den ganzen Tag so gedrückt wie nach einer wirklichen Beerdigung, und die Männer redeten nur im Flüstertone miteinander. Mir erschien es auf der Fähre öde und leer, seit Dowlet fort war, und erst nach mehreren Tagen kam ich wieder ins Gleichgewicht.
Als wir am 9. Oktober frühmorgens More verließen, suchte Jolldasch vergeblich seinen Kameraden und wunderte sich, daß er nicht mitkam. Der Fluß machte auf dieser Tagereise ziemlich phantastische Krümmungen, die aber so ausgedehnt waren, daß ich oft lange Peilungen ausführen konnte, mehr freie Zeit als sonst hatte und mich mit Nacharbeiten, Aufzeichnungen und dergleichen beschäftigen konnte. Die Leute hatten nicht viel zu tun, sie schliefen abwechselnd. Ibrahim erhielt den Auftrag, sich nach dem Basare von Tschiggan-tschöll zu begeben und dort Schnupftabak (Nas) für die anderen, die an dieser unentbehrlichen Ware Mangel litten, zu kaufen. Er hatte bis dorthin 6 Potai (etwa 20 Kilometer) und sollte nach zwei Tagen wieder zu uns stoßen.
10. Oktober. Der Morgen war kalt, um 6 Uhr zeigte das Thermometer nur +3 Grad; es war still wie im Grabe, als wir aufbrachen, nur einige Krähen sangen ihr wenig melodisches Morgenlied. Die Ufer waren öde; bisweilen aber verkündeten rauchgeschwärzte Stämme und Zweige, daß hier Hirten ihre Lagerplätze gehabt. Die gelbe Farbe herrschte jetzt im Walde vor, und die grünen Partien wurden immer weniger.