40. Besuch des Beks von Schah-jar in Tschimen. ([S. 97.])

Während der zwei Rasttage, die wir am Ufer von Tschimen zubrachten, wurde wie gewöhnlich eine astronomische Ortsbestimmung nebst verschiedenen Nacharbeiten ausgeführt und der Fluß gemessen. Hier fand uns Abdurahman, der erste Dschigit aus Kaschgar; er hatte in seiner versiegelten Posttasche lauter gute Nachrichten. Er nahm meine Post und außerdem noch einen hermetisch verlöteten Blechkasten mit Negativen mit nach Kaschgar zurück. Ein neuer Jäger wurde angenommen und ein Vorrat von Öl gekauft, für den Fall, daß nächtliche Fahrten mit Fackeln in Frage kommen würden.

Der 10. November war der erste wirkliche Wintertag. Der Morgen war bitterkalt, feuchter Nebel lag über der Erde und verteilte sich erst unter dem recht scharfen Südwestwinde, der sich jetzt erhob und unsere Fahrt sehr beschleunigte. Der Boden war weiß bereift, und auch die Fähre und die schwarze Kajüte waren weiß. Die Luft war grau und neblig, der Himmel mit Wolken bedeckt, und die ganze Landschaft mit blauweißen, winterkalten Tinten gefärbt.

Noch um 10 Uhr vormittags hatten wir −2 Grad und nachmittags um 5 Uhr wieder −1 Grad; nur fünf Stunden erhob sich die Quecksilbersäule ein wenig über den Nullpunkt. Das waren trübe Aussichten, denn wenn der Fluß jetzt zuzufrieren begann, wurden wir unvermeidlich vor Beendigung der Flußreise vom Eise eingeschlossen. Wir sehnten uns von diesem offenen, kahlen, jedem Wind und Wetter preisgegebenen Tschimen, wo das Brennholz sehr knapp ist, fort. Abdurahman, der Kurier, wurde in dem Kahne über den Fluß gesetzt, sein Pferd schwamm nebenher; ich war herzlich froh, als ich ihn mit der kostbaren Posttasche glücklich auf dem anderen Ufer sah.

Der Bek von Schah-jar, der mit Reitergefolge hierher gekommen war, um mir seine Aufwartung zu machen ([Abb. 40]), schenkte mir einen Hund, ein junges Tier, das wie ein Fuchs aussah, den Namen Dowlet erhielt und ein komischer vierbeiniger Clown war. Gleich vom ersten Tage an hielt er wütende Wache an Bord und wurde der auserkorene Liebling aller zweibeinigen Passagiere mit Ausnahme des Hahnes.

So lichteten wir denn unsere Anker und glitten fort von denen, die am Ufer standen und uns mit staunenden Blicken nachschauten. Die Flottille bestand jetzt aus vier Fahrzeugen. Da wir jetzt gewöhnlich zwei Wegweiser hatten, mußte der eine mit dem Kahne vorausgehen und Kasim mit der schwer belasteten Proviantfähre hinterdrein fahren. Die Tagereise wurde lang, aber der Wind half schieben. Das offene Bett erstreckte sich in Krümmungen nach Osten. Hier und da berührten wir Wälder auf beiden Seiten, sonst war das ganze Land eine Kamischsteppe mit ausgedehnten Hochwasseranschwemmungen.

Es war schön, an diesem Abend die steifgefrorenen Glieder am Feuer wärmen zu können. Der Sicherheit halber wird jetzt stets ein kleiner Holzvorrat an Bord genommen, falls es dort, wo man lagert, kein Brennholz geben sollte.

Am 11. November passierten wir verschiedene Hirtenlager, und am 12. begann der Uferwald wieder häufig und schön zu werden. Alle geschützten Buchten und Arme waren jetzt morgens überfroren, und manchmal sahen wir kleine Eisscheiben, die sich am Ufer gebildet hatten, auf dem Wasser schwimmen.

Der Fluß heißt hier Ugen oder Ögen, aber auch Terem oder Tarim. Die Kähne haben schon genau dieselbe Form und dasselbe Aussehen wie im Loplande. Mehrere tausend Wildgänse schwebten täglich über unseren Häuptern hinweg. Oft waren die Flügel der Pfeilspitze mehrere hundert Meter lang, und manchmal schien der Führer den anderen um etwa 30 Meter voranzufliegen. Wahrscheinlich waren es die letzten Pilger, die sich durch die Kälte der letzten Tage hatten zum Aufbruch bestimmen lassen. An den Pappeln sitzt kaum noch ein einziges Blatt; sie haben ihr gelbes Herbstgewand abgeworfen und warten auf den Winter.

Am nächsten Tage passierten wir den Punkt, wo der Intschikke-darja von links gerade in einer scharfen Biegung nach Norden einmündet. Es fängt an, im Zelte grimmig kalt zu werden, und ich pflege in der Jolle Platz zu nehmen, um mich ein bißchen der Sonne zu erfreuen. Die Temperatur des Wassers ist jetzt mittags nur 2 Grad über Null, und die langen Stangen haben unten eine Eishülse. In Biegungen, in denen die Südsonne nicht ankommen kann, ist die Uferlinie von einem fußbreiten, höchstens 12 Millimeter dicken Eisrande eingefaßt, der jetzt ein wenig über der Wasserfläche schwebt, die gefallen war, seit er sich gebildet hatte.