Wir mußten im Dunkeln lange nach einem geeigneten Lagerplatze suchen. Islam und Nasar gingen zu Fuß und waren bald außer Sicht. Doch spät abends leuchtete in der Ferne ein Feuer. Sie hatten an einer Uferstelle Halt gemacht, wo eine alte Sattma stand, und nährten nun, ohne Rücksicht auf die Hütte und ihren Besitzer, das Feuer mit dem dürren Holze.
Unsere Tage flossen ruhig, still und einförmig dahin. Das Eintreten des Winters veränderte unsere Lebensweise nur wenig. Es ging nur mehr Brennholz drauf, aber unser Lieferant brummte nicht; es handelte sich bloß darum, im Dunkeln passende Stellen mit trockenem Holze zu finden, denn mit solchen, wo nur junge Bäume wuchsen, war uns wenig gedient. Ich wurde jetzt erst um 6½ Uhr geweckt, und es war wenig angenehm, bei 11–12 Grad Kälte aufzustehen und die eiskalten Kleider anzuziehen. Die Toilette wurde daher mit einer virtuosenhaften Geschwindigkeit abgefertigt, zu der die Gründlichkeit in umgekehrtem Verhältnis stand. War man angekleidet und hatte man um 7 Uhr die ersten meteorologischen Ablesungen gemacht, so war es um so schöner, nach dem Feuer eilen zu können, das in der Morgenkälte lebhaft brannte, nachdem es über Nacht den Boden um sich herum erwärmt hatte. Wenn ich ans Ufer komme, begrüßt mich von allen Seiten ein freundliches, höfliches „Salam aleikum“. Die Männer sitzen dann gewöhnlich beim Frühstück, das aus gekochtem Schaffleisch mit Bouillon, worin Brotstücke schwimmen, und Tee besteht. Auch ich verzehre nun mein Frühstück am Feuer. Darauf werden die gewöhnlichen Ufermessungen vorgenommen, und wenn alles fertig ist und die Lebensgeister wieder angeregt sind, kommandiere ich „Mangele“ (Weiterfahren!), und in einem Augenblick sind die Taue gelöst, die Stangen im Wasser, und die Fähre setzt ihren langen Weg den Tarim hinab fort.
Der Fluß ist glücklicherweise so tief, daß wir nur selten auf Grund stoßen, und in den meisten Fällen können wir uns mit den Stangen wieder flottmachen. Das Achterdeck gewährt einen recht malerischen Anblick. Männer, Schafe, Hühner, Säcke, Kisten durcheinander, und eine Rauchsäule zieht von ihrem Feuer über den Fluß hin, so daß die Fähre von fern wie ein Dampfer aussieht. Dort wird Brot gebacken, meine gewaschene Wäsche an ausgespannten Leinen getrocknet, schmutziges Geschirr abgewaschen und Werkzeuge und Hausgerät angefertigt. Naser war damit beschäftigt, mit dem Beile ein gewaltiges Steuerruder zurechtzuhauen, mittelst dessen man mit der in Gegenströmung geratenen Fähre würde ausbiegen können. Kasim und Kader haben sich in den Besitz zweier Kähne gesetzt, mit denen sie die kleine Fähre manövrieren, wenn die Stangen nicht bis auf den Grund reichen. Wenn der Tag einförmig zu werden beginnt, wird von allen Seiten ein Lied angestimmt, das in dem Schweigen der Wälder recht stimmungsvoll erklingt. Gegen Abend erstirbt jedoch der Gesang. Alle sehnen sich nach dem großen Lagerfeuer, aber wir fahren noch eine ziemliche Weile nach Sonnenuntergang im Mondschein weiter. Keine Feuer leuchten an diesen einsamen Ufern, nur die Reflexe des Mondes folgen geschäftig den Ringeln auf der Wasserfläche, und das Achterdeckfeuer wirft einen matten Schein auf das Schilf am Uferrande.
Wenn ich endlich „Indi toktamiß“ (Anhalten) kommandiere, wird es an Bord lebendig. Im Nu wird die Fähre festgemacht, einige Feuerbrände und alles notwendige Küchengeschirr an Land getragen, in einem gewaltigen Topfe der Asch (Reispudding) mit Fleisch und Gemüse zubereitet und die Kiste mit meinem Service, Tee, Gewürzen und Konserven neben das Feuer gestellt, wo jetzt auch ich mein spätes Mittagessen zu verzehren pflege. Alle Zutaten zum Pudding sind an Bord vorbereitet worden, und es dauert daher auch nicht lange, bis Islam mit der Meldung „Asch taijar“ erscheint. Nicht lange währt es, so legen sich die Männer um das Feuer herum in ihren Pelzen schlafen; solange jenes groß und hoch ist, lassen sie den Pelz vorn offen, doch sobald sie schläfrig werden, hüllen sie sich ganz darin ein und kriechen näher an das verkohlende Feuer heran, das nachts sich selbst überlassen bleibt. Sie schnarchen schon eine gute Weile, ehe ich mit den Tagesaufzeichnungen fertig bin und ihrem Beispiele folgen kann.
Zehntes Kapitel.
Der Jumalak-darja auf dem Wege durch die Sandwüste.
Am 14. November wurde die Tagereise mit einer mittleren Geschwindigkeit von 44 Metern zurückgelegt. Während der Nacht hatte sich Eis zwischen den Fahrzeugen der Flottille gebildet, die als festgefrorenes Ganzes am Ufer lag. Nur für die kleine Jolle war dies gefährlich, denn die scharfen Eisscheiben konnten wie Messer auf ihren straffgespannten Segeltuchrumpf wirken. Die Uferanschwemmungen sind steinhart und geben einen harten, scharrenden, fast klingenden Ton von sich, wenn sie mit den beeisten Stangen in Berührung kommen. Während des Tages wurde jedoch nur eine einzige Treibeisscholle beobachtet, die in dem trüben Wasser kaum zu sehen war. Noch geht der Erdfrost nicht tiefer als ein paar Zentimeter, wodurch gerade an der Uferlinie eigentümliche Leisten, Scheiben und Wülste entstehen, nachdem der darunterliegende lose Schlamm fortgespült worden ist. Doch sobald die Sonne etwas wärmende Kraft erhalten hat, werden sie wieder weich und fallen polternd ins Wasser. Wildgänse sind nicht mehr zu sehen.
In einiger Entfernung von uns standen vier Männer wie Bildsäulen und betrachteten uns. Als wir jedoch näherkamen, nahmen sie Hals über Kopf Reißaus, ihre Habseligkeiten und vier böse Hunde zurücklassend, die uns wohl eine Stunde unter wütendem Bellen verfolgten. Später sahen wir ihre Pferde weiden; auch diese folgten uns am Ufer.
Als es dunkel wurde, mußte Rehim Bai, der eine unserer Cicerones, mit dem Kahne vorausgehen und das Fahrwasser zeigen. Er hatte an einer schrägstehenden Stange eine gewaltige chinesische Papierlaterne, in der eine helleuchtende Öllampe brannte. Er mußte sich ein paar hundert Meter vor uns halten. Ich machte die Kompaßpeilungen an der Laterne ebenso sicher wie bei Tageslicht.
Gleich unterhalb des Lagers Teppe-teschdi passierten wir am Tage darauf die Grenze zwischen den Verwaltungsbezirken Schah-jar und Kutschar. Die Grenze war durch ein kegelförmiges Gebinde von Stangen und Stöcken bezeichnet; östlich davon dürfen nur Kutscharer Hirten ihre Schafe weiden.
In der Nähe von Källälik fanden wir inmitten mehrerer Schafhürden eine außergewöhnlich gut gebaute Lehmhütte. Ein Hund, eine Hühnerschar und einige Lämmer waren die einzigen Geschöpfe, die wir erblickten; aber wir sahen bald, daß die Bewohner die Flucht ergriffen hatten, sowie sich die Fähre an ihrem Ufer gezeigt hatte. Auf dem Herde in der Hütte brannte Feuer unter dem Topfe, und Kleidungsstücke und Werkzeuge lagen umher. Die benachbarten Dickichte wurden durchsucht, aber niemand gefunden. Schließlich zeigte sich von weitem ein Knabe, der nach einer energischen Treibjagd eingefangen wurde. Der Ärmste war aber so furchtsam, daß er nicht dazu vermocht werden konnte, den Mund aufzutun, noch weniger, uns Aufklärungen zu geben. Er zitterte an allen Gliedern und wagte nicht einmal aufzusehen.