Was für phantastische Sagen und Märchen in den Wäldern des Tarim über unsere Fähre und ihre weite Reise wohl in Umlauf sein mochten! Wie oft passierten wir leere, verlassene Hütten, deren Einwohner sich eben erst aus dem Staube gemacht hatten! Was sollten diese einfachen Hirten denken, wenn sie ein solches Ungetüm herannahen sehen, ein ungeheueres Wassertier, das mit nach vorn und hinten ausgestreckten Fühlhörnern lautlos wie ein Tiger schleicht? Viele liefen kopflos davon, als sei ihnen der Böse selbst auf den Fersen, andere blieben in gemessener Entfernung am Waldrande stehen, um zu sehen, was hieraus werden würde, und noch andere liefen außer sich herum, als habe ein Waldgeist sie erschreckt. Doch wie dem auch sei, wenn man die Anlage der Orientalen für Übertreibungen und Aberglauben kennt, kann man davon überzeugt sein, daß in dem Kielwasser unserer Fähre eine ganze Menge Legenden und Geschichten entstanden, die, von der Tradition geschützt, mit der Zeit noch zu einer ungeheuerlichen Erzählung von dem den Tarim hinab erfolgten Siegeszuge des Flußgottes, des Wüstenkönigs oder des Waldgeistes verbessert werden.

Im Lager Chade-dung wurden am 16. November die Führer aus Tschimen entlassen, weil sie die Gegend und die Namen der Wälder hier nicht mehr kannten. Als wir das Lager verließen, hatten wir also keinen anderen Wegweiser als den gewundenen Lauf des Flusses, und es galt, um jeden Preis einen Mann zu finden, der mitkommen wollte. Endlich sahen wir einen Hirtenknaben mit seiner Herde und kamen ihm ziemlich nahe, ehe er uns gewahr wurde; da lief er aber auch schon davon, so schnell ihn seine Beine trugen. Wir mußten ihn jedoch haben, und so wurde wieder eine zeitraubende Treibjagd angestellt, die damit endete, daß er erwischt wurde. Er teilte uns mit, daß die Gegend Sarikbuja heiße und wir weiter unten auf dem linken Ufer noch vor Abend dort ansässige Menschen finden würden. Die Auskunft war richtig, und wir erhielten bald einen kundigen Lotsen.

Jetzt tauen die Eisscheiben, die sich auf den ruhigen Uferlagunen ausbreiten, nicht mehr in der Sonne auf; sie nehmen ungestört an Dicke zu und tragen die Hunde, denen es auf ihren Schwimmtouren oft ordentliche Mühe macht, ein von dünnem Eis eingefaßtes Ufer zu erklimmen. Diese Eisränder werden jetzt sichtlich größer und scheinen stillschweigend übereingekommen zu sein, daß sie eine Brücke über den ganzen Fluß spannen und uns unerbittlich den Weg versperren wollen.

Es wurde jetzt Regel, daß die Fahrt jeden Tag mindestens zwölf Stunden dauerte, und die Papierlaterne half dem Monde abends beim Leuchten. Heute abend loderte in der Ferne ein einsames Feuer am Ufer; es war in Dung-kotan, welchen Punkt ich 1896 berührt hatte und der aus diesem Grunde für die Karte von Bedeutung war. Der hier wohnende Bai Kader erteilte mir manche wichtige Auskunft über die mit der Jahreszeit wechselnden Eigenschaften des Flusses.

Kader erzählte uns auch, daß der Tiger in der Gegend ziemlich häufig vorkomme. Ich kaufte von ihm das schöne Fell einer großen Bestie, die hier vor vierzehn Tagen erlegt worden war. Man erstaunt darüber, daß diese einfachen Waldmenschen mit ihren primitiven Vorderladern es fertig bringen, einem Tiere wie dem Tiger den Garaus zu machen. Ohne List würde es jedoch nicht gehen; denn der Tiger ist zu stark für sie. Er raubt ein Pferd, eine Kuh oder ein Schaf und schleppt seine Beute ins Schilf hinein. Hier frißt er sich satt und läßt den Rest bis auf weiteres liegen, und wenn er seiner Wege geht, benutzt er stets einen ausgetretenen Hirtenpfad. Infolge dieser Eigentümlichkeit wird er Joll-bars (joll = Weg, Steig, bars = Tiger) genannt. Aus der Fährte sieht man, wohin er gegangen ist und von woher man ihn erwarten kann, und an den Resten der Beute erkennt man, ob er zurückzukommen beabsichtigt, wenn er wieder hungrig wird. Dann wird auf dem Wege das Fangeisen oder die Falle (Kappgan oder Tosak) aufgestellt, unter ihr eine 50 Zentimeter tiefe Grube gegraben und das Ganze sorgfältig mit Zweigen, Reisig und Blättern bedeckt. Der Tiger tritt, wenn er Pech hat, in das Eisen und sitzt dann fest. Die Falle ist von Stahl und so schwer, daß der Gefangene sie nur mühsam mitschleppen kann, wenn er sich zurückzieht. Sie loszuwerden ist unmöglich, denn sie packt sehr fest und ist mit scharfen Widerhaken versehen. Die Spur ist sehr deutlich und leicht zu verfolgen, doch die Jäger lassen ihn mindestens eine Woche damit gehen, bevor sie sich ihm zu nahen wagen. Der Tiger, der jetzt der Fähigkeit, sich frei zu bewegen, beraubt ist, kann sich nicht länger Nahrung verschaffen und ist ausgehungert und elend. Er muß die unschuldige Kuh, die er ins Dschungel geschleppt hat, verwünschen und fühlt, wie ihm die Tatze abstirbt. Endlich wagen sich die Männer zu Pferd mit geladenen Flinten an ihn heran und schießen nun gewöhnlich vom Sattel aus, um weniger angreifbar zu sein, wenn der Tiger es mit dem Reste seiner Kraft versuchen sollte, sich auf sie zu stürzen. Der Tiger, dessen Fell ich jetzt kaufte, war ganz erschöpft gewesen, als sich die Jäger bis auf 40 Meter Schußweite an ihn herangewagt hatten, und nach der ersten Kugel, die ihm ins linke Auge ging, hatte er sich auf die Seite gelegt. Doch solchen Respekt hatten sie vor ihm, daß sie ihm vom Sattel herab noch fünf Kugeln gaben, ehe sie sich ihm zu nähern wagten. Man kann sich ihre Befriedigung denken, als sie den ärgsten Feind ihrer Herden getötet hatten.

Der Tosak ist ein sinnreiches Instrument, ein Tellereisen oder richtiger eine Kneifzange, deren beide Bogen mittelst zweier stählerner Federn von großer Spannkraft zum Zusammenklappen gebracht werden. Die Schneiden der beiden Bogen tragen scharfe ineinandergreifende Zähne. Die Federn spannen mit so großer, elastischer Kraft, daß man sich aufs äußerste anstrengen muß, um beide Bogen in die Lage zu bringen, die sie beim Aufstellen der Falle haben müssen. Die Bogen liegen nun an dem Stahlringe und werden einfach durch einen Bindfaden und einige Holzpflöckchen in dieser Lage festgehalten. Der Bindfaden bildet den Durchmesser des Rings; auf ihn muß der Tiger treten, wenn die Zange augenblicklich zusammenklappen und seine Tatze festklemmen soll. Einmal war ein Tiger nur mit den Zehen darin sitzengeblieben, hatte diese abgerissen und war, wenn auch als Krüppel, doch noch entkommen.

Nach dem Lop zu tritt der Tiger häufiger auf, besonders auf dem Südufer; bei Tage zeigt er sich selten, doch nachts streift er geisterhaft auf den Hirtensteigen umher.

Der Tigertöter begleitete uns am 17. nach Ostnordosten. Der Fluß ist schmal und gewunden, und seine nächsten Umgebungen bilden ein Gewirr von Altwassern, Armen, die sich nur während der Hochwasserperiode füllen, und von Uferseen, umgeben von Schilf und Wald. Im großen und ganzen ist meine Karte über den Fluß eine Augenblicksphotographie, denn kein Jahr vergeht, ohne daß neue Arme entstehen, alte Krümmungen verlassen werden und Uferlagunen sich bilden oder austrocknen. Es ist ein unruhiger Fluß; das Land ist flach, und das Bett verändert launenhaft seine Lage.

41. Frühstücksrast auf dem Jumalak-darja. ([S. 105.])