42. Rekognoszierender Kahn. ([S. 108.])
43. Ördek und Palta als Lotsen. ([S. 108.])
Nach Sonnenuntergang stieg der Mond rotgelb an einem blauen Himmel auf, der jedoch immer dunklere Schattierungen annahm, während der Mond immer weißer und heller wurde. Gegen diesen Hintergrund stachen die Umrisse der Ufer so scharf ab, als seien sie aus schwarzem Papier ausgeschnitten; alles sah in dem winterlich farblosen Tone, der in der Natur herrschte, kalt und frostig aus. Der Tarim lag blank und glänzend da, und nur um steckengebliebene Treibholzstücke herum war die Strömung zu erkennen. Wenn der Mond tief stand, schien seine Scheibe vom einen Ufer zum anderen zu rollen, je nachdem der Fluß einen Bogen nach rechts oder nach links machte.
Am 18. November trafen wir bei Lämpa-akin die ersten Lopleute. Es war ein Greis mit seinen beiden Söhnen, die in drei Kähnen mit Netzen und anderen Geräten auf dem Wege flußaufwärts waren, um zu fischen. Sie waren ganz verdutzt, als wir sie mitten in einer Biegung überraschten, gewannen es aber nicht über sich, davonzurudern, obgleich dies mit ihren schnellen, leichten Nußschalen eine Kleinigkeit gewesen wäre. Die Jünglinge durften weiterfahren, den Alten aber nahmen wir nach vielem Wenn und Aber mit. Er kannte die Gegend bis in die kleinsten Einzelheiten.
Bei Koral-dung (Wachthügel) wurde auf dem rechten Ufer längere Rast gemacht. Hier ist die Grenze zwischen Kutschar und Lop. Unmittelbar im Süden des Hügels glänzt im Sonnenscheine der Koral-dungning-köll mit grünblauem, kristallhellem Wasser, zur Hälfte mit Eis bedeckt und von Tamariskenhecken und außerordentlich dichten Kamischfeldern umgeben, in denen zahlreiche Tigerspuren von den nächtlichen Wanderungen des schwarzgestreiften Raubtieres Zeugnis ablegen ([Abb. 38]). Im Sommer werden diese Felder überschwemmt, und der Boden war noch feucht; aber jetzt stehen nur noch die seichten Uferseen voll Wasser. Der Fluß, der von hier an Jumalak-darja (der runde Fluß) genannt wird, zieht sich nach Nordosten, macht aber bald wieder einen Bogen nach Südosten und gleicht einem schmalen Bande zwischen den Schilffeldern ([Abb. 39], [41]).
Hinter Atschal veränderte er wieder sein Aussehen und schrumpfte auf nur 20 Meter Breite zusammen, war 7 Meter tief und hatte keine Spur von Anschwemmungen. Die Uferterrassen sind steinhart gefroren, und stößt die Fähre dagegen, so ist es, als schramme sie an einem Marmorkai entlang. Hier haben wir rechts den Ufersee Ak-kumning-jugan-köll (der große See im weißen Sande), der zwischen unfruchtbaren Dünen eingebettet liegt und so groß ist, daß die Stimme vom einen Ufer nicht bis zum anderen dringt. Auch am 19. passierten wir eine Reihe Uferseen, und es ist ein charakteristisches Zeichen des Tarim, daß diese immer zahlreicher werden, je mehr er sich dem Lop-nor nähert.
Der Sonnenuntergang rief merkwürdige Beleuchtungen hervor. Die ganze Steppe leuchtete in so intensivem, feurigem Gelb, als wäre das Schilf ringsumher in Brand geraten. Dunkel und schweigend schlängelte sich der Jumalak-darja mit pechschwarzem Wasser durch die Schilfdickichte, in denen der Königstiger hinterlistig versteckt liegt. Es pfeift und knistert in den Eisscheiben, die alle Lagunen bedecken. Manchmal leuchtet es in dem dunkeln Wasser vor uns wie ein Blitz auf, wenn eine vorher unsichtbare Treibeisscholle sich in einem Wasserwirbel querstellt und sich eine glashelle Ecke, in der die Strahlen der untergehenden Sonne sich widerspiegeln und wie in einem Prisma spielen, über die Oberfläche des Wassers erhebt. Kahl und schwarz stehen die Pappelstämme da und strecken ihre knorrigen, dürren Arme über den Fluß hin, noch im Tode seine lebenspendende Flut segnend.
Wieder wurde der Fluß so krumm, daß ich täglich oft ein paar hundert Kompaßpeilungen machen mußte, um alle Bogen auf der Karte eintragen zu können. Wir hatten noch einen Lopmann als Cicerone angestellt, der uns in einer mit Eis bedeckten Lagune im Vorbeifahren einige Fische fing. In derartigen klaren, stillen Wasseransammlungen pflegen die Fische sich gern aufzuhalten. Das Netz wird quer vor der Mündung der Bucht ausgespannt, und es war lustig anzusehen, wie geschickt der Fischer seinen Kahn führte. Im Achter stehend trieb er den Kahn mit dem breitblätterigen Ruder in sausender Fahrt über das Netz hinweg auf das in der Mündung spröde Eis, das unter dem Gewichte des Kahnes brach und dann mit dem Ruder bis ans Binnenende der Bucht zerschlagen wurde. Die Schollen wurden in die Strömung hinausgeschoben und die Fische mit dem Ruder nach dem Netze hingejagt, das dann in den Kahn gezogen wurde. Ist das Eis zu stark, so werden die Fische nur durch Ruderschläge gegen seine Decke aufgescheucht. In den großen Uferseen wird der Fischfang auch im Winter und selbst wenn sie ganz vom Flusse abgeschnürt sind, betrieben.