Am 20. November führte die Richtung des Jumalak-darja auf der letzten Strecke der Tagereise ganz gerade nach Ostnordost. In weiter Ferne entdeckten wir mit dem Fernrohre etwa zehn Männer am Strande, bei denen wir Halt machten. Es waren die Beks der in der Nähe des Flusses liegenden Ortschaften Tograk-mähälläh und Kara-tschumak. Sie teilten uns mit, daß sie von Fu Tai, dem Generalgouverneur von Urumtschi, Befehl erhalten hätten, einem „Tschong mähman“ oder vornehmen Gaste, der den Jarkent-darja herunterfahre, entgegenzukommen. Die Chinesen behielten uns also, wenn auch sehr von weitem, im Auge, und das Gerücht von der Reise auf dem Wasser hatte sich weit verbreitet. Doch niemand wußte, woher wir kamen und wo unsere Reise enden sollte; alle fanden nur, daß wir sehr sonderbare Geschöpfe seien. Mehr als zwei Jahre später fragten mich indische Kaufleute in Ladak, ob ich nichts von einem weißen Manne wüßte, der mehrere Monate lang einen großen Fluß im Norden hinabgesegelt sei; auf dem Indus, erklärten sie, würde eine solche Fahrt unmöglich sein.

Junus Bek, der vornehmste unserer neuen Freunde, erwartete uns seit mehreren Tagen und war schon flußaufwärts geritten, aber wieder umgekehrt, da er von einer Fähre nichts hatte erblicken können.

Ketschik, der Punkt, an dem wir jetzt lagerten, ist von großem Interesse. Der Name bedeutet „Furt“, weil hier die Straße zwischen Kakte und Karaul den Fluß kreuzt, wie gewöhnlich an einer geraden Stelle, wo der Grund keine tiefen Gruben hat. Hier gähnt links ein mächtiges, mit Schlamm gefülltes Bett. Ich erfuhr, daß dieses Bett der frühere Lauf des Tarim gewesen und der Fluß darin mindestens 50 Jahre geströmt habe, da die Greise es schon in ihrer Kindheit gekannt hätten. Vor vier Jahren habe der Fluß seinen Lauf verändert und dieses alte Bett so vollständig verlassen, daß nicht einmal während der Hochwasserperiode ein Tropfen dort hineinlaufe. Der neue Lauf, dessen Wiedervereinigung mit dem alten Bette wir erst nach mehreren Tagen erreichen sollten, zieht sich nach Südosten durch öde Gegenden, wo es früher nur Uferseen gegeben hatte. Es ist eine neue Illustration der Veränderungen der Gewässer dieser Gegenden, die zunehmen, je weiter abwärts wir kommen und je geringer der Fallwinkel des ganzen Tarimbeckens wird. Wenn der Fluß schließlich im Lop-nor-Gebiete selbst in völlig ebenes Terrain übergeht, hört alle Ordnung auf, und eine Karte hat nur während der Zeit ihrer Aufnahme Gültigkeit. Flüsse wie Seen verändern hier ihre Lage und Wassermenge von Jahr zu Jahr, und derjenige, welcher den Lauf des Flusses bis zu seiner Auflösung und Vernichtung mitgelebt hat, versteht, daß auch sein Endpunkt, der Lop-nor, ein wandernder See sein muß, ein See, der periodisch von Norden nach Süden und von Süden nach Norden wandert, ganz wie das Messinggewicht am Ende eines schwingenden Pendels. Das Pendel hier ist der Tarim. Es mag sein, daß die Perioden ein paar hundert Jahre lang sind, aber in der Geschichte der Erde verschwinden sie wie Schwingungen des Sekundenpendels.

Die seltsame Gegend, die wir in den folgenden Tagen durchstreifen sollten, war auch den meisten Eingeborenen ein unbekanntes Land, denn dort hätten sie nichts zu tun, erklärten sie. Doch so viel wußten sie, daß der neue Wasserlauf an einigen Punkten Gefahren und Schwierigkeiten biete, und Junus Bek hatte daher einige Kundschafter mit Kähnen vorausgeschickt, um uns da, wo es aufpassen hieß, zu warnen ([Abb. 42]).

Der 21. November war unser erster Tag auf dem neuen Flusse, wo die Stromgeschwindigkeit manchmal 100 Meter in der Minute überstieg. Die Beks mit allen ihren Geschenken wurden an Bord verstaut, und vor uns gingen zwei Lopkähne, der eine davon mit vier Ruderern. Dieser sah von hinten prächtig aus, denn er war schmal wie eine Wanne, alle Männer ruderten im Stehen, aber nur der letzte Mann war sichtbar, und die vier Ruder wurden ohne Takt ins Wasser getaucht. Noch wuchs das Schilf ziemlich dicht aber struppig durcheinander und stand in Gürteln und unterbrochenen Feldern. Die Richtung des Bettes ist unbestimmt; große, abgerundete Bogen gibt es nicht, wohl aber kleine, die sozusagen nach dem einzuschlagenden Kurse umhersuchen und tasten. Die Wassermasse teilt sich unaufhörlich um kleine Holme, wo man den verkehrten Weg einschlagen könnte, wenn nicht die Kähne vorausgingen und die Ruderer mit den Rudern sondierten ([Abb. 43]). Enge Passagen, steckengebliebene Pappelstämme, Anhäufungen von Kamischwurzeln und Reisig, scharfe Ecken und rauschende Stromschnellen halten uns in beständiger Spannung. Daß das Bett sich neugebildet hat, sieht man auch daran, daß hier und dort mitten darin frische Pappeln stehen, die aber zum Tode verurteilt sind. Sie waren so gefährlich und drohend, daß wir das Zelt und das meteorologische Häuschen abnehmen mußten. Rechts hatten wir eine ganze Reihe Seen; der letzte von ihnen heißt Buja-köll und mündet wieder in den Hauptfluß ein; der Vereinigungspunkt bildet ein Labyrinth von kleinen Eilanden.

Hinter dieser Stelle tritt die Tschong-ak-kum, wie die große Sandwüste hier genannt wird, auf. Die Dünen rücken uns auf beiden Seiten immer näher, und der Vegetationsgürtel schrumpft plötzlich zusammen.

Als die Dämmerung hereinbrach, siedelte ich in die Jolle über und folgte dem Geschwader der Lopleute. Mit schwindelnder Fahrt ging es über kleine Wasserfälle, und man befand sich in ununterbrochener Spannung. Als wir in die Sandwüste hineinkamen und auf beiden Seiten hohe Dünen hatten, wurde es Nacht, und wir machten Rast. Die Lopleute hatten Treibholz in ihren Kähnen gesammelt, und bald erhellten zwei schöne Feuer die Wüstenlandschaft und ihren unverhofften Gast, den Jumalak-darja. Der Fluß wird hier auch Tärim, Jangi-darja oder Tschong-darja genannt.

22. November. Der Jumalak-darja fließt nach Südosten; sein vier Jahre altes Bett bohrt sich durch die peripherischen Teile des öden Wüstenmeeres, und die Dünen, die es gewagt haben, sich ihm in den Weg zu stellen, sind von unwiderstehlichen Wassermassen über den Haufen geworfen worden. Der Sand ist ohnmächtig dieser wilden Kraft gegenüber, die, den Fallgesetzen gehorchend, die tausendjährige Wüste durchbricht, sich zwischen den aufgestellten Sandwogen einen Weg bahnt und an ihrer Basis zehrt.

Auf beiden Seiten erheben sich Dünen bis zu 15 Meter Höhe, auf dem rechten Ufer aber, wo der Sand mächtiger ist, ist er oft auch unfruchtbar. Dann und wann passieren wir eine einsame Pappel, während die Tamarisken, diese Kinder des Wüstensandes, recht zahlreich auftreten und schmale Kamischbänder sich meistens an beiden Ufern hinziehen. Es ist merkwürdig, daß die Dünen eine so feste Basis haben können, daß sie aus der Wasserfläche als ganz senkrechte Wand emporsteigen können; dies kommt daher, daß sie unten feucht sind. Höher hinauf ist der Sand ebenso lose wie gewöhnlich; er rieselt in kleinen Furchen an der Düne herunter und bildet da, wo die senkrechte Wand anfängt, kleine Kaskaden und Fälle, und er fährt so lange fort zu rinnen, als er von oben herab Zufuhr erhält; läuft aber das Stundenglas ab, so ist die Düne tot und von Wind und Wellen fortgetragen. Doch unter anderen Formen wird sie wieder auferstehen und ihre rastlose Wanderung fortsetzen. Auch das Wüstenmeer hat sein Leben, das hier ebenso gesetzmäßig pulsiert wie im Schatten der Palmen.

Auf diesen unglaublich öden Ufern sah alles tot aus; keine Menschen, keine Tiere, nicht einmal Raben und Geier, diese Gäste der Einöden. Nur ein „Saldam“ war in einer Pappel zu sehen; es ist eine aus Ästen und Zweigen geflochtene Art Nest, in dem sich der Schütze versteckt, wenn er auf die Antilopen wartet, die bei Sonnenaufgang zur Tränke kommen. Wieder sind wir von Friedhofstille umgeben; kein Gruß dringt aus der Tiefe der Wüste zu uns, nur die Strömung singt dem Sande ihr murmelndes Lied, das auf den Lippen des Tarim bald im Froste erstarren wird.