Dieselbe Strömung führt uns mit jeder verrinnenden Stunde immer tiefer in die Dünen hinein. Mit seltsamen Gefühlen gleitet man in diesem unbekannten Lande, das nicht einmal unsere Lopmänner je besucht hatten, auf dem Wasser dahin. Jetzt, wenn jemals, dienten sie als Avisos. Sie senken die Ruder ins Wasser und verschwinden in der nächsten Biegung, sie sind eine Weile außer Sicht, tauchen aber wieder vor uns auf, sobald sie eine kritische Stelle bemerkt haben. Sie umfahren uns wie Schaluppen eine Fregatte, gehen dann voraus und zeigen das Fahrwasser. Und die schwere Fähre gleitet ruhig den Jumalak-darja hinab. Wunderbar, diese Sandwüste — auf dem Wasser zu durchkreuzen; einst war ich in derselben Wüste aus Mangel an Wasser fast verschmachtet!
Einmal verkündeten die Kahnleute, daß sich der Fluß in fünf Arme teile. Sie führten uns nach demjenigen, den sie für den größten hielten. Das Wasser schäumte weiß zwischen ein paar Reisigholmen; es galt, den rechten Kurs zu halten. Die Fähre glitt in den Durchgang hinein, schrammte auf beiden Seiten, gelangte wieder in offenes Wasser und stieß dort auf Grund. Das Bett war querüber gleichmäßig seicht, aber vorwärts mußten wir, und wir kamen auch über diese Stelle hinweg, dank den wenigen Zentimetern, die das Wasser während des letzten Tages gestiegen war; wäre es um ebensoviel gefallen, so wäre es uns schlimm gegangen. Wie oft streifte der Boden der Fähre unmittelbar über Bänke und Untiefen hin, ohne daß wir es ahnten! Vielleicht oft so dicht, daß nicht ein Blatt Papier dazwischen Raum gefunden hätte. Noch war uns aber der Fluß gewogen, noch führte er uns vorwärts, dem Ziele entgegen.
In einem Tograkhaine, wo wir eine Weile landeten, waren sehr viele Tigerspuren. Wir gingen eine Strecke landein und hielten von Hügeln Ausschau, doch ist es mir nie geglückt, dieses grausame, in seiner imponierenden Kraft dennoch fesselnde Tier zu Gesicht zu bekommen.
Der ganze Jangi-darja oder „neue Fluß“ gibt uns wieder einen Beweis für die Neigung des Flusses, nach rechts zu drängen. Am linken Ufer finden wir, daß das Wasser nach dem Flusse zurückstrebt, am rechten, daß es sich von ihm zu trennen sucht, um das Terrain immer weiter nach rechts hin vorzubereiten. In alten Zeiten ergoß sich der Tarim in den alten, nördlichen See Lop-nor, jetzt mündet der Fluß in den südlichen; diese Verlegung der Mündung war ein Riesenschritt nach rechts.
Während der letzten Tage sahen wir nicht viel Eis; die Strömung war zu reißend, als daß es sich hätte ansetzen können. Doch ging die Temperatur schon gegen 8 Uhr auf −6 Grad herunter. Mit jedem Tage wird der Wettlauf zwischen uns und dem Zufrieren des Flusses immer interessanter. Viele Tage konnten wir nicht mehr vor uns haben, denn die Kälte wurde von Nacht zu Nacht größer. Doch so lange wir die Fähre behalten durften, war es herrlich, und mit Zittern und Zagen dachte ich an den Tag, an welchem wir gezwungen sein würden, uns von unserem gesicherten Heim zu trennen und unsere schwimmende Wohnung im Stiche zu lassen. Wie man das Haus liebt, in dem man lange behaglich gewohnt hat, so würde ich diese Flotte, die uns so treu durch Ostturkestan getragen hatte, vermissen. Ich würde die große Annehmlichkeit vermissen, Tag und Nacht das Lager aufgeschlagen zu wissen, alles fertig und alles bereit zu haben, keine Arbeit zu haben mit Belasten und Abladen, Zeltaufschlagen und Füttern der Karawanentiere. Jeden Augenblick hatte ich die Dunkelkammer zur Verfügung und brauchte nur meine Hand mit einem Becher auszustrecken, um ihn mit süßem, kaltem Wasser gefüllt zurückzuziehen.
Am 23. November hatten wir noch immer 70,7 Kubikmeter Wasser. Es langte also noch, aber das Eis — wann würde dieses uns den Weg abschneiden? Wir wollten vorwärtsgehen, bis wir die Eisfesseln nicht mehr sprengen konnten, und wenn wir dann einfrören, würden wir ins Winterquartier gehen, ein großes Lager anlegen und die Karawane aufsuchen. Landeten wir in einer waldlosen Gegend, so sollte der Rumpf der Fähre Stück für Stück als Brennholz verwendet werden. Die alte, gute Fähre! Es sollte ihr Lohn sein, daß sie uns, nachdem sie uns ans Ziel getragen, auch im Loplande an den Winterabenden Licht und Wärme spendete!
Elftes Kapitel.
Im Kampf mit dem Treibeise.
Am Anfange unserer Fahrt vom 24. November machte der jetzt von Wald begleitete Tarim ein paar große Bogen und nahm darauf die Form eines ziemlich regelrechten W an. Dann und wann begegneten wir Lopfischern; an Stangen vor ihren provisorischen Hütten sahen wir lange Reihen von zum Trocknen aufgehängten Fischen. Hier und dort hing eine getrocknete Fischhaut an einer Stange am Ufer. Dies bedeutete, daß hier nicht von jedermann gefischt werden durfte und daß der, welcher herkömmlicherweise hier Anspruch auf die Fischereigerechtigkeit erhob, sein Wahrzeichen aufgerichtet hatte.
An einer gefährlichen Stelle hing es an einem Haar, daß wir Schiffbruch gelitten hätten. Es war eine scharfe Biegung, wo die ganze Strömung unmittelbar am Fuße der Erosionsterrasse entlang ging. Eine dadurch unterminierte gewaltige Pappel war über den Fluß gefallen und lag, etwa einen Meter über der Wasserfläche, wagerecht gerade über demjenigen Drittel der Breite, wo die Strömung war ([Abb. 44]). Die übrigen beiden Drittel nahm ein langsam kreisender Wirbel mit Gegenströmung ein. Ein Lopkahn konnte mit Leichtigkeit unter dem Stamme durchgleiten; wäre aber die Fähre damit in Kollision geraten, so wären Zelt, Kisten und schwarze Kajüte unfehlbar über Bord gefegt worden, und wäre die Fähre dabei in eine schräge Lage gekommen und hätte ihr Oberbau genügenden Widerstand geleistet, so wäre sicher die ganze Herrlichkeit gekentert. Es wäre zu einer Kraftmessung zwischen dem Oberbau und der Pappel gekommen, und der Baum war so massiv, daß er ganz danach aussah, es mit jedem aufnehmen zu können.