An Bord war es wieder ruhig, und die Klänge des Symphonions beherrschten bei Sonnenuntergang die Stimmung. Islam brachte mir gerade einen Teller mit frischgekochtem Fisch, der delikat duftete: da ertönten wilde Hilferufe von flußaufwärts, wo Kasim und Kader hinter uns zurückgeblieben waren. Das Geschrei war so durchdringend und angstvoll, daß wir alle bestürzt waren. Ich gab Befehl sofort zu landen, aber die Fähre befand sich mitten auf dem Flusse, und es dauerte eine Weile, ehe die Leute sie ans rechte Ufer bringen konnten. Ich fürchtete, daß einer der Männer am Ertrinken oder schon ertrunken sei.

Sofort nach dem Landen eilten alle Männer durch Schilf und Gestrüpp das Ufer hinauf. Ich sollte unverzüglich Nachricht über das Vorgefallene erhalten. Bald kam einer der Lopmänner mit dem Berichte, daß die Proviantfähre an einem aus dem Flußgrunde aufragenden Baumstumpfe, der kaum bis an die Oberfläche reichte und nicht beachtet worden sei, gekentert sei. Da kein Menschenleben verloren gegangen, war ich wieder beruhigt und verzehrte meine inzwischen kaltgewordene Portion Fisch.

Jetzt folgte ein tragikomisches Schauspiel. Auf der Oberfläche der Strömung kamen viele unserer Sachen in vergnügtem Durcheinander fröhlich angetanzt; ihnen auf den Fersen folgten die Lopkähne, um aufzufischen, was sich noch retten ließe. Da sah man Eimer und Schüsseln, Kisten mit Mehl und Obst, Brotfladen, schwimmenden gelben Seerosen vergleichbar, Stangen, Ruder und andere leichte Dinge. Einige Sachen waren an der Unglücksstelle selbst, wo auch unsere beiden Schafe an Land geschwommen waren, gerettet worden, verschiedenes aber, wie eine Metallaterne, eine Axt, ein Spaten u. dgl., war unwiederbringlich verloren.

Jetzt lagerten wir da, wo wir waren, und Islam und Alim zündeten ein paar gewaltige Feuer an. Erst spät abends, nachdem ich mehrere Stunden in der Dunkelkammer gearbeitet hatte, kehrten die anderen mit den verunglückten Booten und deren klatschnassem Inhalt zurück. Kasim war sehr niedergeschlagen; er habe aber dem Mißgeschicke nicht vorbeugen können. Sie waren in einen Stromwirbel geraten, wo sie einem auf Grund gestoßenen Stamme auszuweichen versucht hatten, und waren darauf von der Strömung unwiderstehlich einem anderen zugetrieben worden, den sie nicht gesehen und vor dem sie sich nicht mehr hatten hüten können. Die Jolle erhielt den ersten Stoß und einen langen Riß an der einen Seite, glücklicherweise über der Wasserlinie. Kader, der nicht schwimmen konnte, hatte sich in die Jolle gerettet, als die Fähre kenterte, Kasim aber schwang sich auf den Stamm und blieb dort, um Hilfe rufend, sitzen, bis der Kahn anlangte. Sie hatten dann nach den verlorenen Sachen gesucht, das Wasser aus der Fähre und der Jolle geschöpft und sich schließlich zu uns begeben, wo Männer und Sachen an den Feuern nach und nach trocken wurden.

25. November. Die „Schang-ja“ oder Beke von Tschong-tograk und Arelisch erwarteten uns heute und hatten ein paar Kähne mitgebracht, so daß unser Geschwader jetzt zehn Fahrzeuge zählte, die in feierlicher Prozession den Fluß hinabglitten ([Abb. 45]). Die beiden Beke nahmen rechts und links von Palta Platz und halfen beim Rudern, so daß wir jetzt etwas schneller als die Strömung gingen. Meine eine Jollenhälfte wurde zur allgemeinen Heiterkeit von einem ungeübten Schiffer manövriert, während Islam damit beschäftigt war, ein Stück Leder über den Riß der anderen Hälfte zu nähen. Bei Tokkus-kum (neue Dünen) lagerten wir ([Abb. 46]). Unsere muhammedanischen Freunde glaubten, wenn das Wetter still bleibe, könnten wir die Reise noch 20 Tage fortsetzen; nach einem Buran aber könne der Fluß in einer einzigen Nacht zufrieren. Er gefriere von der Mündung aufwärts, also gegen die Strömung. Sie wollten beobachtet haben, daß das Wasser um so schneller fließe, je kälter es sei, was theoretisch richtig sein mag, für das Auge aber kaum bemerkbar ist.

Am folgenden Tage trieben wir gerade auf die höchsten Partien von Tokkus-kum zu, riesenhafte, außerordentlich imponierende Anhäufungen von gelbem Flugsand. Sie sind ein Ausläufer der großen Wüste, die hier bis an das rechte Ufer des Flusses heranreicht: die Basis der Dünen wird vom Wasser zerfressen und unterwühlt. Es war die gewaltigste Sandanhäufung, die ich gesehen habe. Die Fähre legte am linken Ufer an, und wir ruderten in Kähnen hinüber und erstiegen die losen Abhänge, auf denen man in den Sand einsinkt und mit ihm abrutscht. Endlich erreichten wir doch den Kamm der äußersten Düne, die sich wie eine steile Wand über dem Flusse erhebt. Hier liegt dem Beschauer eine selten großartige Landschaft zu Füßen, und man erstaunt über die eigentümlichen Formen, in welchen die tätigen Kräfte der Erdrinde Gestalt angenommen haben. Wohl bin ich früher durch das Meer der Wüste und über berghohe Dünenkämme gewandert und habe über ihre erstarrten Wogen von Sand und wieder Sand hingeschaut, und nach Süden hin breitete sich auch jetzt eine solche Landschaft aus. Hier aber standen wir an der nördlichsten Grenze der Sandwüste, und zwar an einer so scharfen Grenze, wie man sie nur an den Küsten eines Meeres oder an den Ufern eines Sees findet. Die äußerste Dünenreihe bildet eine Mauer, einen Wall, einen geschweiften Bogen von lauter Sand, der in einem Winkel von 32 Grad unmittelbar nach dem Wasser abstürzte. Die Feuchtigkeit, die das Flußband sowohl in Gestalt reichlicher fallenden Taus wie als mechanisch aufgesogene Nässe begleitet, verleiht hier dem Sande kräftigeren Halt als im Inneren der Wüste; dadurch entsteht das eigentümliche Relief von Einsenkungen, Terrassen und Kegeln, das man auf der Abbildung 46 sieht. Die Erosion an der Basis der Düne verursacht unaufhörlich Sandrutsche; der Sand stürzt hinunter und bildet Kegel. Der fortgeschwemmte Sand lagert sich nicht weit davon ab und bildet Bänke und Anschwemmungen. Wenn man diese Sandmauer von dem gegenüberliegenden linken Ufer betrachtete, sah sie ganz senkrecht aus, und man glaubte, die Männer würden sich den Hals brechen, als sie ungestüm den Abhang hinunterliefen und neue Abstürze und Rutsche des Sandes verursachten. Die Dünen waren hier ungefähr 60 Meter hoch; die Männer oben auf dem Kamme erschienen verschwindend klein.

Die Aussicht über den Fluß war großartig. Tief unter uns schlängelte sich das Wasser wie in einem Kanal und verschwand im Osten in bizarren Bogen. Auf der östlichen Flanke dieser kolossalen Sandanhäufung war die Grenze ebenso scharf; dort setzte ohne jeden Übergang Tograkwald ein, und die Pappeln standen in üppigen Gruppen unmittelbar am Fuße der Ostabhänge der Dünen.

In Al-kattik-tschekke wohnt Bek Istam und mit ihm zehn Familien in Hütten von Stangen und Kamisch ([Abb. 47]). Die Hütten liegen alle auf einem Haufen, um Kälte, Wind und Sommerhitze möglichst abzuhalten. Die ganze Bevölkerung — etwa 40 Personen, Männer, Weiber und Kinder in schreienden Farben, zerlumpt und häßlich — wurde auf einer Platte verewigt; darunter war ein neunzigjähriger Greis, der vor 60 Jahren vom Kara-köll hierher gekommen war. Er kauerte am Feuer, war blind und klagte darüber, daß er seine Söhne verloren habe und sich jetzt niemand seiner annehme. Er erzählte von den wechselnden Betten des Tarim, aber das Gedächtnis hatte nachgelassen, und seine Angaben waren daher nicht zuverlässig.

Nachdem wir den Fluß gemessen hatten, der jetzt 75,4 Kubikmeter Wasser in der Sekunde führte, fischte Istam Bek in einer mit 4 Zentimeter dickem Eise bedeckten Bucht innerhalb einer Schlammbank. Die Fischerei wurde wie Seite 106 angegeben betrieben, mit dem Unterschiede, daß jetzt zwei Netze benutzt wurden. Das erste wird in die Mündung gelegt, dann wird ein etwa 10 Meter breiter Eisgürtel aufgehauen; an dem neuen Eisrande wird das zweite Netz hinabgesenkt und mit dem ersten verbunden. Das Wasser ist nur einen Meter tief. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß sich die Fische bei dem Lärm in den innersten Teil der Bucht zurückziehen. Nun wird wieder ein Gürtel von 10 Meter Breite aufgehauen und an dem neu entstandenen Eisrande das erste Netz ausgespannt. Dieses Manöver wird so lange wiederholt, bis nur noch der innerste Teil der Bucht freibleibt; es ist dann leicht, alle dort vorhandenen Fische zu fangen. Das Netz wird durch am unteren Rande angebrachte Steine und am oberen befestigte trockene Binsen im Wasser vertikal gehalten. An dem Schwanken dieser Binsen sieht man, wenn ein Fisch sich in den Maschen gefangen hat; dann wird der verdächtige Teil des Netzes behende mit dem Ruder emporgehoben und der Fisch mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen und ins Boot geworfen.

Unsere Tage waren jetzt gezählt, das war sonnenklar; denn wenn sich auch die Temperatur des Wassers bei Tag ein wenig über Null hielt, so war sie doch nachts unter dem Gefrierpunkt, und morgens waren die Fähren eingefroren und mußten erst losgehauen werden. Die Lopleute hatten uns darauf vorbereitet, daß, sobald das erste Treibeis sich zu zeigen anfinge, es nur noch zehn Tage bis zum gänzlichen Zufrieren dauern würde. Mit steigender Spannung erwarteten wir diesen Augenblick. Er trat am 28. November ein. Als ich am Morgen aus dem Zelte kam, fand ich den ganzen Fluß mit porösem, weichem Eisschlamme übersät, kleinen Nadeln und Kristallen, die sich auf dem Grunde, jedenfalls unter der Wasserfläche bilden und sich zu Fladen und Schollen, die auf der Oberfläche oft schneeweiß sind, vereinigen. Dieses Treibeis, welches ein sicheres Anzeichen des nahe bevorstehenden Zufrierens des Flusses ist, wird „Kömul“ oder „Kade“ genannt. Es treibt die Fische aus dem Flusse in die Buchten und die Uferlagunen. Wenn sich Kömul zeigt, weiß man also, wo man mit größter Aussicht auf guten Fang die Netze auslegen muß. Dann sind auch alle Lopleute draußen, um ihren Vorrat für den Winter einzusammeln.