Der Morgen war düster und kalt und der Himmel umwölkt. Mit Beilen und Brechstangen wurden die Boote aus ihren nächtlichen Banden befreit, doch sie hatten an der Wasserlinie einen Eisrand, der den ganzen Tag sitzenblieb. Um ihre Kähne zu schützen, ziehen die Lopmänner sie nachts aufs Land. Alles ist gefroren; unsere Seile sind hart wie Holz, und der Strommesser steckt in einer Eishülse, die vor der Benutzung aufgetaut werden muß. Wir heizten vorn und im Achter und froren trotzdem, aber die Leute waren guten Mutes und sangen den ganzen Tag; ich argwöhne, daß die Männer von Lailik gar nichts gegen das Einfrieren hatten, für sie bedeutete es ja, daß die Reise zu Ende war und sie wieder nach Hause zurückkehren konnten.
Wir schoben die Fähre in das Treibeis hinaus und folgten seinen tanzenden Schollen. Das Beobachten ihrer Bewegungen bot eine Abwechslung, ein neues Interesse für die Besatzung. Wie die Fähre waren auch die Schollen gehorsame Sklaven der Launen der Strömung. Sie wurden in die Stromfurche hineingezogen, wo sie stets am zahlreichsten waren; sie gerieten in Wirbel hinein, wo sie sich im Kreise drehten, bis es dort so voll wurde, daß einige wieder in die Strömung hinausgedrängt wurden; sie blieben stecken, wo Bänke unmittelbar unter der Oberfläche lagen, und sie sagten uns oft, nach welcher Richtung die Fähre gesteuert werden müsse. Munter, kleinen Inseln gleich, trieben sie den Fluß hinab, mit einem schnarrenden Geräusche schlugen sie gegeneinander, sie stießen gegen unsere Boote, zerschellten, taten sich wieder zusammen, trieben gegen die Ufer und drehten sich dort wieder im Kreise. Das Treibeis nahm jedoch im Laufe des Tages ab; um 1 Uhr war der größte Teil verschwunden, und um 4 Uhr sahen wir keine einzige Scholle mehr. Wir hatten jedoch die erste Warnung erhalten; in zehn Tagen würde der Fluß zugefroren sein.
Während dieser Tagesfahrt war der Tarim außergewöhnlich launenhaft. Er erstreckte sich erst auf vielversprechende Weise nach Nordosten, dann aber machte er ganz unerwartet einen Bogen nach links, bis er auch am linken Ufer auf mächtigen Sand stieß, der ihn zwang, sich in tollen Krümmungen nach Nordnordosten zu wenden.
In der Gegend Siwa rasteten wir des Flußmessens wegen eine Weile. Vermutlich war es das letzte Mal, daß ich diese Arbeit nach der alten Methode ausführen konnte, denn die kleine Jolle, welche die Muhammedaner Kagas-kemi, das Papierboot, nannten, vertrug es nicht, zuviel mit dem Treibeise in Berührung zu kommen. Die Messung ergab 72,45 Kubikmeter Wasser. Stellt man unter Berücksichtigung der vom Hochwasser stehengebliebenen Anzeichen eine annähernde Berechnung an, so findet man, daß der Fluß hier in der Hochwasserperiode mindestens 173 Kubikmeter in der Sekunde führen muß.
29. November. An diesem Morgen hatte der Winter wieder einen großen Schritt vorwärts gemacht. Die Kälte stieg jetzt nachts bis auf −16 Grad, und das Wasserthermometer zeigte null Grad. Der Fluß sah seltsam fremd aus; seine Oberfläche war so mit weißen Treibeisschollen belastet, daß man glauben konnte, er sei über Nacht zugefroren und dann mit einer dicken Schneeschicht bedeckt worden. So schlimm war es jedoch nicht. Die weiße Masse war in unausgesetzter Bewegung wie eine rotierende Stufenbahn; es war wieder „Kade“ oder „Kömul“, das von Tag zu Tag mehr und größer wurde. Stand man am Ufer und fixierte diesen vorbeieilenden, weißglänzenden Streifen, so schwindelte es einem vor den Augen, bis der Streifen unbeweglich erschien, während man anscheinend selbst den Fluß hinabglitt.
Wir hatten am Abend vorher einen sehr unglücklichen Lagerplatz gewählt, eine kleine Bucht, die am Morgen so fest zugefroren war, daß man ungehindert um die Boote herumspazieren konnte. Es dauerte infolgedessen eine ziemliche Zeit, bis ein Kanal in dem Eise nach dem Flusse hinaus aufgehauen war. An dem äußeren Rande der Eisscheibe leckte die Strömung, die auf ihm einen ganzen Wall von Treibeis auftürmte, der kreideweiß glänzte wie Schnee. Die Eisschollen waren größer und kompakter als gestern und wenn sie aneinander stießen, klirrte es wie zerbrochenes Porzellan. Auf der ganzen Fahrt klang es heute um uns herum wie das Glockenspiel einer fernen Kirche, und Millionen von Eiskristallen funkelten und spielten wie Diamanten im Sonnenschein. Das ununterbrochene Sausen und Pfeifen, das durch das Schmelzen der Eisnadeln entstand, und der blendende Lichtschein, der von ihnen ausging, wirkten betäubend, fast hypnotisierend auf die Sinne.
Betrachtet man das „Kade“ genauer, so findet man, daß es aus lauter kleinen, außerordentlich dünnen, zusammengeballten Schuppen und Nadeln von Eis besteht, die nur da, wo sie sich über die Wasserfläche erheben, schneeweiß werden, unter dem Wasser aber dieselbe Farbe haben wie dieses. Die aus diesem leichten, wassergetränkten Materiale bestehenden Treibeisschollen haben selten mehr als einen Meter Durchmesser und eine runde Form, was von ihrem unaufhörlichen Reiben aneinander und an den Ufern kommt. Aus demselben Grunde trägt jede Scholle an der Peripherie einen etwa 10 Zentimeter hohen Wall, der weiß glänzt, während das Innere in der Höhe des Wasserspiegels eine gleichmäßige, blaugraue Fläche bildet und nach und nach zu einem festeren Fladen zusammenfriert.
Wir sind von zahllosen weißen Ringen umgeben, den Grabkränzen des Flusses, welche verkünden, daß er bald unter seinem kalten Leichentuche zur Ruhe gehen wird ([Abb. 48]). Wie wir monatelang das Leben des Tarim mitgelebt haben, werden wir auch an seinem Begräbnis teilnehmen.
Auch heute zehrte die Sonne energisch an den Eiskränzen, aber noch um 12 Uhr war die halbe Oberfläche des Flusses mit Treibeis bedeckt, und es verschwand nicht mehr; es fuhr fort zu schwimmen, wenn auch in gelichteteren Reihen.
Der Fluß hat hier dieselben Charakterzüge wie der Jarkent-darja unterhalb Lailik; die großen, breiten Alluvialhalbinseln und Holme treten wieder auf, das Bett ist breit und wird von kräftigen Erosionsterrassen, auf denen dichter, alter Wald steht, eingeschlossen.