Ansasch-kum ist eine hohe, unfruchtbare Sandpartie am rechten Ufer, so genannt nach einem alten, längst verstorbenen Pavan, der diese Düne zu besteigen pflegte, um nach Antilopen und wilden Kamelen auszuschauen. Letztere, die sich jetzt nie an den Ufern des Tarim zeigen, waren früher dann und wann durch die Wüste an den Fluß gekommen. Die Hirten in den Wäldern des Tarim haben keine Kenntnis von dem Vorhandensein des wilden Kamels; nur wenn man sie danach fragt, pflegen sie manchmal zu antworten, sie hätten gehört, daß es tief drinnen in der Wüste ein solches Tier gebe.
Wohl eine Stunde trieben wir im Dunkeln bei Laternenschein, aber es gab ein nervenangreifendes Rufen und Schreien bei jeder Bank und jeder Untiefe. Als ich abends am Schreibtisch die Aufzeichnungen für den Tag machte, prallte jede vorbeitreibende Scholle gegen die Fähre, die dabei jedesmal knackte und erschüttert wurde.
Längs der Ufer hat das feste Zufrieren endgültig begonnen, und die Eisränder nehmen täglich an Breite zu. Sie beschränken jedoch ihr Gebiet einstweilen noch auf stille Ufer, an denen keine Strömung entlang geht, oder auf Anhäufungen von im Flußbett steckengebliebenem Treibholz und Reisig.
30. November. Das Treibeis fuhr die ganze Nacht fort, gegen die Fähre zu klirren und zu scheuern, aber es störte mich nicht in meinem ruhigen Schlafe. Der Fluß war kaum zur Hälfte damit bedeckt, und merkwürdigerweise verschwand es größtenteils, obgleich der Himmel bewölkt war und die Einwirkung der Sonne also fehlte. Der Tarim strömte außergewöhnlich schnell dahin; wir machten eine lange Fahrt und hatten zur Rechten immerfort den hohen Sand, der einer Bergkette glich, deren Formen an die nordtibetischen Ketten erinnerten. Menschen waren nicht zu sehen, auch kein Rauch, nur einige aufgerichtete Stangen, auf denen ein Pavan geschossene Antilopen aufzuhängen pflegt, um sie vor den Raubtieren zu schützen. Ein Fasan, ein Falke und einige Raben waren das einzige Leben, das wir bemerkten. Wildenten und Gänse sind schon längst spurlos verschwunden.
Ich arbeitete täglich 14 Stunden von 6½ Uhr an, zu welcher Zeit das erste Kohlenbecken ins Zelt gebracht wird. Das Frühstück, gekochter Fisch, wird erst gegessen, wenn wir wieder abgestoßen haben, und auch das Mittagmahl wird an Bord serviert, weil das Geschirr dort nahe bei der Hand ist und die Landungsplätze in der Dunkelheit nicht immer leicht zugänglich sind. Die Zeit war jetzt so kostbar, daß keine Minute verloren gehen durfte. Mein „Friseur“ Islam mußte mir sogar am Schreibtische die Haare schneiden.
48. Treibeis auf dem unteren Tarim. ([S. 119.])
49. Blick vom rechten Tarimufer flußaufwärts (1. Dezember). ([S. 120.])